Arm
oder reich? Tod oder lebendig?
Der
Held der Lebensfiktion Jonathan Fischer hatte im Leben mehr erreicht,
als er sich vorgestellt hatte. Sein Kindheitstraum Schachweltmeister
zu werden konnte er zwar nicht realisieren, dafür entwickelte sich
seine Berufskarriere kometenhaft. Wenn er so weiter machte, würde er
als einer der jüngsten Bankvorstände Deutschlands in die Geschichte
eingehen. In seiner politischen Laufbahn konnte er ebenfalls große
Erfolge erzielen, denn er war zum Fraktionsvorsitzenden des
Denkenstadter Gemeinderats aufgestiegen. Dies hatte er der
Unterstützung seines Parteifreunds Straussinger zu verdanken, der im
Eiltempo selbst zum Schatzmeister der Bundespartei und Justizminister
von Baden-Württemberg gewählt worden war.
Durch
Jonathans erfolgreiche Vermittlungsgeschäfte waren seine Rücklagen
rasant schnell angewachsen, aufgrund dessen er sich ein Haus bauen
wollte. Außerdem spielte der Junggeselle mit dem Gedanken einen
Porsche Speedster zu kaufen. Aber wozu? Seine neu eingerichtete,
günstig gelegene 3-Zimmerwohnung war groß genug und sein
fünftüriger Familienopel war nicht einmal ein Jahr alt. Wegen der
grasgrünen Lackierung fand sich sowieso kein Interessent auf sein
Inserat in AutoScout24.de und Mobile.de. In der immer kürzer
werdenden Freizeit füllte Jonathan seine unerklärliche innere Leere
durch zahlreiche Einkaufstouren in der Stuttgarter Innenstadt, und er
betrieb wieder mehr Sport. Neben Tennis zählte sein Centurion
Mountainbike und seine Cannondale Straßenrennmaschine zu seinen
Lieblingsfreizeitbeschäftigungen, um sich fit zu halten.
Wehmütig
erinnerte sich Jonathan an seine Hochzeitspläne mit Helen, als er an
einem Freitagabend mit seinem Backfiremountainbike am Scharnhauser
Armortempel pfeilschnell vorbei schoss. Ja, was ihm wirklich fehlte
war eine Frau, und dafür würde er alles Geld der Welt geben. Aber
bekanntlich ist die wahre Liebe nicht käuflich. Bei der folgenden
Downhill-Abfahrt durch die Kastanienallee zum Lustschloss hinunter
ließ es der Hobbysportler richtig krachen und forderte das letzte
aus seiner RockShox Federgabel heraus. Mit allem hätte Jonathan
gerechnet, nur nicht mit dem ausgebüchsten Esel, des im Lustschloss
herbergenden Tierarztes, der ihm in einer Kurve plötzlich den Weg
versperrte und zu einem waghalsigen Ausweichmanöver zwang. Der
barmherzige Samariter hatte schon einmal einen Filmriss wegen zu
hohen Alkoholspiegels bei seiner Verabschiedung aus der
Sportlehrkompanie in Warendorf, aber noch nicht wegen Salto Mortale
über einen Fahrradlenker. Als Jonathan bedeppert wieder aufwachte
war es zwei Uhr morgens. Dank seines Bell-Sturzhelmes schien er sich
außer leichten Schürfungen an den Armen, nichts zugezogen zu haben.
Beim Aufstehen schmerzte seine rechte Hüfte wieder höllisch, was
ihm ein lautes Sch-Wort entlockte. Jonathan sank wieder auf seine
Knie und weinte. Er fragte sich, warum ausgerechnet ihm das passieren
musste und bekam als Antwort, dass wer sich ständig in Gefahr
begibt, dieser erliegen wird. Zudem erinnerte er sich an die
Kinderbibelstelle, wo der Prophet Bileam von einem Esel vor dem
entgegentretenden Engel des Herrn beschützt wird. Sollte ihn Gott in
irgend einer Art und Weise bremsen wollen?
Das
Wochenende verbrachte der heimhumpelnde Patient Not gedrungener Maßen
im Bett und ließ sich von seiner „Hilde hilft“ Vermieterin, die
wie eine Oma für ihn war, verarzten und bekochen. Jonathan
verwendete seit langem wieder Zeit für das Lesen im Buch mit den
sieben Siegeln, und als ob der Allerhöchste abermals zu ihm sprechen
wollte, hörte er dazu ausgerechnet seinen viel geliebten Pfarrer
Benz im geistigen Teil des Radio Vatikan, der von seinem langjährigen
Afrikaaufenthalt berichtete. Der katholische Priester sprach über
Reichtum und Armut und behauptete, dass die von ihm betreuten
Waisenkinder beim Spielen im Freien mit ihrem Konservendosenspielzeug
viel glücklicher wären, als manches einsames Kind in Deutschland
beim stundenlangen Fernsehschauen oder PC-Gamen. Auch die
aussterbenden Gemeinden Europas könnten sich an dem freudigen,
lebensfrohen Gottesdienststil der afrikanischen Gläubigen eine
Scheibe abschneiden. Nicht umsonst würde Jesus in der Offenbarung
eine Warnung an die Kirche aussprechen die da heißt: „Du sprichst:
Ich bin reich und habe genug und brauche nichts, und weißt nicht,
dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.“ Damit
könnte genauso gut ich selbst gemeint sein, folgerte Jonathan, bevor
er in der sonntäglichen Nacht einschlief.
Am
darauf folgenden Morgen fuhr der leicht gehandicapte Jonathan mit dem
Auto in die Denkenstadter Bankzentrale. Zunächst besprach er mit
Gebhart Scharkfisch die glänzende Geschäftsentwicklung der neu
eröffneten Park-Haus Filiale, und daraufhin empfingen die beiden im
Vorstandsbüro eine vermögende gewichtige Neukundin. Magdalena
Osiris-Ra versuchte, den Eindruck zu erwecken, in ihrem
futuristischen weißen Kleid, wie eine Ballettänzerin
hereinzuschweben, bevor sie wie eine Kanzlerin im komfortablen
Chefsessel hinter dem Schreibtisch Platz nahm. Das neue
Hochzeitskleid im gewagten Oslo-Style habe ihr nach der Anprobe so
gut gefallen, dass sie es mitgenommen habe, um die Bankberater um
ihre Meinung zu befragen. Auf einmal herrschte Totenstille. Die
beiden Volkswirte bekamen Stielaugen, denn so große Glocken hatten
sie nur bei einer opulenten Opernsängerin im Saunabereich des
Merkel´schen Bads in Esslingen zu Sicht bekommen. „Nehmen Sie doch
Platz!“, bestimmte die neu mutierte Chefin und ließ ein Pendel vor
ihrem überdimensionalen Ausschnitt schwingen. Die zwei sich auf den
Kundenstühlen niederlassenden Hypnoseopfer kamen sich wie in die
Falle tappende Äffchen vor, als sie den links rechts Bewegungen
folgten und alles um sich herum vergaßen. „Hier unten befindet
sich eine gesundheitsschädliche Wasserader. Dieser Schreibtisch muss
unverzüglich umgestellt werden!“, lautete die nächste Anweisung
der stadtbekannten Wahrsagerin. „Das geht doch nicht so einfach“,
widersprach Gebhart, der wieder zu Verstand gekommene
Vorstandsvorsitzende, und Jonathan begann ohne es zu wollen zu
kichern. „Also gut, dann kommen wir zum Geschäft, ich fordere
meine 666.000,- DM, die sich auf dem Immobilientreuhandkonto befinden
in bar und zwar in Tausender Scheinen“, befahl die
Geschäftspartnerin. Der düpierte Scharkfisch ließ unverzüglich
Sauer, den Hausmeister antreten, um das Mobiliar wunschgemäß
umzustellen. „Na also, geht doch. Was für Anlagemöglichkeiten
gibt es denn?“, freute sich die an einem Sektglas nippende, nun auf
dem Lederkanape sitzende Magdalena. „Hier haben wir ein
ausgezeichnetes Angebot mit unserem Wachstumsfonds Ost, der jederzeit
über einen gut funktionierenden Zweitmarkt zurückgekauft wird“,
erläuterte der Bankvorstand und unterstrich dies mit einer
Hochglanzbroschüre voller positiver Prognosen. Das weibliche Medium
schloss seine Augen und versetzte sich in Trance: „Dieser
geschlossene Immobilienfonds wird fast überhaupt nichts ausschütten,
so steht es in den Steuern. Verflixt und zugenäht, Sternen. Warum
bleibt der Prospekt an meinen Händen haften? Helfen sie mir doch das
Ding wieder loszukriegen.“ „Selbstverständlich, aber hier
handelt es sich nicht um eine Goldene Gans. Seien sie doch kein
Dummling und unterschreiben sie hier“, war der Kugelschreiber
hinhaltende Versuch des „Hans im Glück“ Chefverkäufers. „Nein,
was schlägt statt dessen mein erfolgreicher Pyramidenveräußerer
Fischer vor. Komm heraus du Geistesblitz!“, verlangte die gelöste
Magdalena mit einem alles durchdringenden Blick. „Kaufen sie davon
33 Kilogramm Barren Gold und schleusen sie diese periodisch durch die
Schließfächer Nummer 1 bis 13, das wäre im Sinne ihres Vaters
Ramses Ra“, kam es wie aus der Pistole geschossen aus Jonathan
heraus. „Aber diese Schließfächer sind doch in Denkenstadt gar
nicht zu haben“, bezweifelte Scharkfisch. „In Denkenstadt nicht,
aber dafür in unserem neuen vollautomatischen Kundentresor im
Scharnhauser Park“, entgegnete, der sich damit wenig Sympathien
verschaffende Filialleiter Fischer. „Das Angebot gefällt mir,
jedoch muss ich es nochmals prüfen und mit meinem Verlobten
besprechen. Schauen wir zunächst was die Tarot-Karten zu unserer
Zukunft sagen“, meinte die sich flugs auf dem niederen
Walnuss-Holztisch ausbreitende Kartenlegerin. „Oje, hier ist eine
dringende Warnung für den Monaco Franze Scharkfisch. Sie machen mit
einem gefährlichen Immobilienhai, der sich als Professor ausgibt,
krumme Geschäfte. Es geht um Leben oder Tod, passen sie besonders
gut auf, denn dieser will sie zu Gunsten seiner Scientology Sekte
betrügen. Diese Konstellation hier ist ja bezaubernd, der Charmeur
und ewige Stenz Fischer wird in den nächsten 24 Stunden auf seine
zukünftige Frau treffen. Verflixt, ich muss meinen eigenen Unfall
verhüten und hätte heute laut meinem Horoskop sowieso nicht aus dem
Haus gehen sollen. Kann mich einer der Frauenlieblinge heimfahren?“,
bat die verängstigte Esoterikerin und sammelte die bunten
Kabbala-Blättchen wieder ein. Selbstverständlich nahm diese
Chauffeuraufgabe der rangniedere Jonathan wahr und begleitete die
weiße Hexe mit ihrer langen Schleppe zu ihrem Auto auf den
Kundenparkplatz. Er traute seinen Augen nicht, als sie vor einem
schwarzen Lamborghini Diablo GT stehen blieben. Ein heißes und
kaltes Schaudern lief Jonathan beim Anblick der nach oben
schwenkenden Fahrertür den Rücken herunter, als ihm Magdalena stolz
und prahlend den Schein mit den Fahrzeugdaten zeigte und darum bat
einzusteigen. Das auf 83 Exemplare limitierte Sondermodell besaß bei
beinahe 6 Liter Hubraum knapp 600 PS und war der derzeit schnellste
Straßensportwagen mit einer sagenhaften Höchstgeschwindigkeit von
338 Km/h.
Jonathan
hörte ganz deutlich eine innerliche warnende Stimme nicht in das
Auto zu steigen und besser den gegenüber stehenden eigenen Wagen zu
benutzen. „Lassen sie uns lieber meinen Opel nehmen, denn für so
einen Rennwagen benötigt man sicher erst ein Fahrertraining“,
lautete sein verständlicher Einwand. „Absolut richtig, diese
Ausbildung werde ich ihnen gleich geben“, summte Magdalena und
übergab die Autoschlüssel in verführerischer Weise, indem sie
einen weiteren tiefen Einblick in ihr Dekoltee gewährte. „Also
gut, ich setze mich und checke einmal den Motorsound aus“,
antwortete Jonathan, der glaubte, so eine Chance nicht wieder zu
bekommen und den es beim Hineinzwängen wieder mächtig an der Hüfte
zwickte. Der ansetzende, ungedämpfte Lärm des Diablo-Zwölfzylinders
war genauso brachial und kraftvoll, wie einst Murcielago, der das
Markenzeichen der ursprünglich italienischen Traktorenfirma
repräsentierte. Der legendäre spanische Kampfstier überlebte 24
Lanzenstiche und wurde deshalb begnadigt. Als besonderen Gag
schaltete sich ein kleiner Rückspiegel-Bildschirm in der
Mittelkonsole ein, der das in vierzig Meter Entfernung befindliche,
grinsende Schlangengesicht von Jonathans grünem Vectra aufzeichnete.
Der Chefpilot trat mit aller Kraft auf die Sportkupplung und legte
gerade den Rückwärtsgang ein, als ihn die total angeturnte Magierin
mit ihren funkelnden Augen aufforderte einmal voll Stoff zu geben,
damit die ganze Bank vor Schreck zusammenfahren soll. In der Tat
begaben sich alle Angestellten inklusive Direktor bei dem
einsetzenden Doppelrohrauspuff-Höllenlärm an ihre Fenster. Doch was
war das? Eine Hand wie von Geierwally fasste Jonathan unaufgefordert
an seiner empfindlichsten Stelle, so dass er zurück zuckte und ohne
es zu wollen die Kupplung freigab. Von einer Sekunde zur nächsten
landete das mit einem riesigen Spoiler ausgestattete Heck des
tödlichen PS-Boliden mit einem lauten Knall in der Front des
ebenfalls fast neuen Wagens des Lenkers. Der dunkle Carbon-Heckflügel
flog gleichzeitig auf den Balkon von Scharkfisch, der sogleich als
erster Helfer an den Unfallort hetzte. Er entdeckte die zwei unter
Schock stehenden, sich mit starrem Blick an den Händen fassenden,
aber sonst unversehrte Unfallinsassen. In kürzester Zeit waren auch
Polizei, Krankenwagen und Bild Zeitung am Unfallort. Ganz zu
schweigen von den unzähligen Denkenstadter Schaulustigen und den
immer noch aus den Fenster spannenden Arbeitskollegen. Jonathan
schämte sich so sehr, wie noch nie in seinem Leben und wünschte
sich in Luft aufzulösen, als die Feuerwehr anrückte, um ihn und
seine Bekanntschaft aus der zusammen gestauchten Fahrgastzelle zu
befreien. Wie ging der lange Las Vegas Satz mit dem Kopf in den Sand
stecken? „Liebes Sandmännchen, bitte komm schnell und streue mir
Traumsand in die Augen, damit ich aus diesem Alptraum entfliehe!“,
flüsterte der verzweifelte Bruchpilot in einer neuen kürzeren
Version, so dass die wieder zu sich gekommene schmunzelnde Magdalena
ihm zärtlich die Augenlieder zuschob. Jonathan wäre es lieber
gewesen nicht so schnell mit einem Rettungswagen in das Ruiter
Kreiskrankenhaus zurückzukehren. Vorsorglich bekamen er und
Magdalena eine Halskrause aufgrund ihres Schleudertraumas verordnet.
Durch den Unglücksfall gab es für den Story-Helden nicht nur ein
Wiedersehen mit den Ärzten, sondern auch eine weitere kurze
Urlaubsbekanntschaft aus Sedona tauchte wieder auf. Jonathan erkannte
Elymas an seinem großen Anch-Kreuz sofort wieder und fasste sich an
den Kopf, als ihm das Gespräch in dem New Age Laden mit dem
inzwischen verlobten Stuttgarter Pärchen wieder einfiel. „So, so,
scheinbar hat der sich geistlich fortbildende Anzugträger es mal
wieder transrapid eilig gehabt und dabei den eigenen magnetisch
anziehenden Servicewagen vergessen“, spottete der zukünftige
Bräutigam und drückte demonstrativ, die nicht nur durch die neu
angepassten Schaumstoffeinlagen am Oberkörper eine übergroße
Oberweite vorweisende Magdalena, küssend an sich.
Der
Beifahrerin Osiris-Ra dämmerte letztendlich ebenso die
schicksalhafte Tragweite ihrer ersten Begegnung in den USA. Die
spirituell hoch Gebildete begann sich mächtig zu ärgern, weil sie
nicht die Warnung ihres Unfallwarn-Horoskops befolgt hatte. Der
listige Elymas Wicked-Oz bot Jonathan freundlicherweise an, ihn
gemeinsam mit Magdalena nach Hause zu fahren, aber zuvor müsse
dieser unbedingt den Meldebogen der Merlin-Versicherung ausfüllen.
Als
Jonathan am Einschlafen war, fragte er sich, ob er nicht besser
ausführlicher schreiben und die ganze Wahrheit hätte angeben
sollen. Warum hatte er sich mit dem Versicherungsbericht so
überrumpeln lassen? Was war bloß mit ihm geschehen? Wieso
entwickelte er plötzlich so starke Gefühle für Magdalena? Warum
bekam er diese 24 Stunden Liebes-Prophezeiung? Spricht Gott etwa doch
durch Karten, obwohl diese in christlichen Kreisen verboten sind?
Sollte sich am Ende die Liebesstory von Brian und Sharon in seinem
Leben wiederholen? Er musste immer wieder wollüstig an die
braungelockte Magdalena mit ihren großen Brüsten denken und dachte
sogar zu spüren, dass sie sich ganz nah bei ihm im Raum befindet.
Am
nächsten Morgen klingelte das Telefon in Jonathans Wohnung
pausenlos. Der für eine Woche krank Geschriebene nahm wohlweislich
nicht ab und programmierte seinen Anrufbeantworter wie Charlie in
Phönix auf Zuschalten nach zwei mal Leuten. Witwe Hilde hatte ihm
ein Boulevardblatt unter der Tür durchgeschoben, in dem man ihn
Händchen haltend mit der bleichgesichtigen Locken-Schönheit
betrachten konnte. Darunter war ein älteres, verführerisches,
oberkörperfreies Bild derselben. Die Schlagzeile lautete:
„Schuhmacher bleib bei deinem Leisten, Denkenstadter Bankdirektor
versuchte sich als sexbesessener Rennfahrer!“ Der Gedemütigte
dachte nicht daran, an die Sprechanlage der Eingangstür zu gehen,
obwohl auch diese pausenlos läutete. Seine Hauswirtin klopfte an die
Innentür, und bat dringend darum zu öffnen. Als er sich stumm
stellte, nahm diese einfach ihre Ersatzschlüssel und betrat mit
einem ganz in weiß gekleideten Mann die gute Stube. Der berühmte
Zaubergroßmeister Wicked-Oz hatte damit gedroht das gesamte Haus mit
einem Fluch zu belegen, so dass in kürze der Blitz einschlägt, wenn
ihm kein Zutritt verschafft wird. Die helfende Hilde ließ Jonathan,
mit dem, wie Benny Hinn überaus vornehm gekleideten, Hohenpriester
Elymas alleine.
Der
Busenfreund von Magdalena fand es überhaupt nicht komisch, das
Händchen haltende Foto auf dem Esstisch zu entdecken. „Wenn ich
dich nochmals so mit meiner Verlobten erwische, dann schwöre ich
dir, ich bringe dich um!“, wütete der erzürnte Widerbuhler.
Gleichzeitig krochen zwei kleinere Ringelnattern aus seinen weißen
goldbeknöpften Sakkoärmeln heraus und bewegten sich züngelnd über
eine Obstschale auf den gegenüber Sitzenden zu, so dass dieser vor
Schreck rückwärts auf seinen Perserteppich fiel. Jonathans
Frettchen freute sich über die neuen Spielkameraden umso mehr und
hüpfte unerlaubterweise auf den Tisch, um sein morgendliches, frisch
zubereitetes Frühstück einzunehmen. Die Situation hatte sich
schnell entspannt. Deshalb setzten sich die Kontrahenten auf die
Couchgarnitur, um eine einvernehmliche Lösung zu finden. Elymas
Wicked-Oz hatte von der Versicherung erfahren, dass der 580.000,- DM
teure Diablo-Rennwagen laut Vertragsbedingungen eigentlich nur von
der zuvor in ein Sicherheitstraining eingewiesenen Osiris-Ra hätte
benutzt werden dürfen. Das eine Woche alte Verlobungsgeschenk von
Elymas konnte laut Gutachter lediglich als 66.000,- DM
Ersatzteillager weiter verwendet werden. Jonathan war aus Mitleid
bereit, eine Bürgschaft für Magdalena zu unterschreiben, denn
insgeheim betrachtete er sich als legitimen Blutsbruder-Bräutigam.
Er selbst meinte viel schlimmer dran zu sein, weil er für seinen
Vectra nur um die 500,- DM vom Schrotthändler bekommen würde. Zum
Trost bot er dem sich verabschiedenden Reptilienvergötterer an, die
abgeworfenen Schwänze seiner Dünnhäuter als Liebesbeweis, zu einer
Handtasche verarbeiten zu lassen. Diese falsche Schlange Elymas fuhr
wegen den kleinsten Bemerkungen aus der Haut und versuchte, Jonathan
am Hals zu würgen. Er hatte jedoch nicht mit den scharfen Zähnen,
des auf Jonathans Schulter hüpfenden Aaron, dem Frettchen, gerechnet
und suchte deswegen an den Händen blutend abrupt das Weite.
Genau
in diesem Moment ergriff Gebhart Scharkfisch die Klinke in die Hand
und verschaffte sich Zutritt. Er wollte von seinem nicht ans Telefon
gehenden Prokuristen wissen, ob er den Arbeitsunfall schon der
Berufsgenossenschaft weiter gemeldet hat. „Auf die Idee bin ich gar
nicht gekommen. Ich habe ganz normal meine
AOK-Krankenversicherungskarte abgegeben“, erklärte Jonathan seinem
Chef. „Dann gib wenigstens mehr acht, wenn du Angaben zum
Unfallhergang bei der Autoversicherung machst und behaupte der Kundin
wäre schlecht gewesen, weswegen sie dich um eine Heimfahrt gebeten
hat!“, war der zu spät erteilte Ratschlag des gewieften
Vorgesetzten. „Das ist nicht mehr nötig. Den Hergang habe ich
knapp und wahrheitsgemäß bereits gestern bei dem weißen
Anzugsträger gemeldet!“, teilte der Pflichtbewusste mit. „Ich
dachte immer du wärst ein schlauer Schachspieler, aber dein dummes
religiöses Gewissen, kann dir eine halbe Million Haftungssumme
einbrocken“, schloss Gebhart. „Das macht nichts. Ich habe gerade
eine Bürgschaft in der Höhe unterschrieben, weil ich mir sicher bin
Magdalena zu heiraten. So viel ist sie mir wert.“ „Liebe macht
blind und schnell erworbenes Geld spendierfreudig und leichtfertig.
Bevor du noch ganz überschnappst möchte ich von dir, als ehemaligen
Betriebsratsvorsitzenden, wissen, ob du hinter diesem Rundbrief von
Elisabeth Schätzle steckst. Dann Gnade dir Gott, ich leg dich um!“,
mit dieser Verheißung überreichte der machthungrige Boss mehrere
Seiten Papier.
Schätzle
hatte nach Jonathans Beförderung zum Prokuristen und zwangsläufigen
Ausscheiden aus dem Betriebsrat den Vorsitz des Arbeitnehmergremiums
übernommen und einen Skandal ausgelöst. Die landesbeste Azubine,
die insgeheim eine Verehrerin Jonathans war und ihm in jungen Jahren
einen Liebesbrief geschrieben hatte, schien ihrer Karriere einen
gewaltigen Dämpfer zu geben. Sie hatte gewagt, in einer
Lotus-Notes-Mitteilung an alle Arbeitnehmer, eine Thesenliste mit
Verletzungen gegen das Betriebsverfassungsgesetz zu veröffentlichen.
Der erste Anklagepunkt war, dass die Geschäftsleitung die Wahl einer
Jugend- und Auszubildendenvertretung bewusst verhindert hätte, und
der fünfundneunzigste Vorwurf lautete, dass der Vorstand ihre Rede
für die Betriebsversammlung zensiert hätte und dort sowieso
überhaupt nichts als Pseudo-Versammlungsleiter verloren hätte.
Scharkfisch
wollte die Aufsässige sofort gemeinsam mit seiner Personalleiterin
Octopussy in den Würgegriff nehmen, doch die intelligente
Bankfachwirtin bestand darauf, Jonathan als Helfer und Zeugen dabei
zu haben. „Du ziehst deine Halskrause an und kommst sofort mit,
sonst schmeiße ich dich gleich auch noch raus!“, befahl Fürst
Gebhart, der wütende erste Oberbefehlshaber. Zornigen Machthabern
widerspricht man lieber nicht und tritt man besser überhaupt nicht
unter die Augen. Nichts desto trotz konnte Jonathan wenig später im
Personalbüro interessant verfolgen, wie die streitbare
Gewerkschafterin sich elegant verteidigte. Das Gespräch war rasch
bei einem Aufhebungsvertrag angekommen, bei dem lediglich die Höhe
der Abfindung unterschiedlich beurteilt wurde. Scharkfisch bot
aufgrund der kürzeren Beschäftigungsdauer 6.000,- Deutsche Mark für
die sofortige Ausscheidungs-Unterschrift an, wobei das geschasste
Schätzle 33.000,- DM für ihren lautlosen Abgang als Aussteuer
mitnehmen wollte. „Also gut, dann warne ich sie vor, dass ich für
nächste Woche eine außerordentliche Betriebsversammlung einberufen
werde unter Mitwirkung des Gewerkschaftskapitäns Ahab und unter
Einbeziehung der örtlichen Presse. Außerdem zeige ich sie wegen
illegalen Immoblilienmachenschaften und Geldwäsche an“, war das
stichhaltigste Argument, der zur friedvollen evangelischen
Kreditgenossenschaft EKK wechselnden pietistischen Rockträgerin. Der
katholische Glaubensinquisor wollte keinen neuen Krieg eingehen und
gab sich als Klügeren bezeichnend überraschend nach, obwohl es in
Führungskreisen verpönt ist Schwäche zu zeigen.
Wieder
in die Schloßstraße zurückgekehrt wartete eine Überraschung für
Jonathan auf seiner Couch. Magdalena hatte es auch irgendwie
geschafft hereinzukommen und studierte gerade zahlreiche Bücher, die
sie auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet hatte. „Mein Lieber, ich
habe noch niemand erlebt, dem es gelungen ist Wicked-Oz in die Flucht
zu schlagen und ihn so zu demütigen und zu besiegen. Ich spüre von
dir geht eine größere Kraft als von ihm aus. Komm mal her zu mir
Süßer, ich will dich streicheln“, winkte Magdalena mit ihren
langen Airbrush-Fingernägeln. „Aber bitte nicht so heftig wie
gestern. Ich bin Christ und will jungfräulich in die Ehe eingehen“,
wendete Jonathan ein, der sich überlegte, ob er reiß aus nehmen
sollte oder lieber gleich alle Prinzipien über Bord schmeißt.
Magdalena knöpfte ihm das Hemd auf und kraulte ihn am Oberkörper.
Sie begann seinen Rücken zu massieren und streichelte ihn so
gekonnt, dass er spürte wie eine Kraft durch seine Wirbelsäule
ging. Sämtliche Schmerzen waren verflogen. „Das ist Reiki,
kosmische Lebensenergie. Ich habe dir wissenswerte Literatur darüber
mitgebracht. Du wirst einmal mehr Macht und Erkenntnis als ich
besitzen. Liebster das Schicksal hat uns zusammengeführt, wir sind
die perfekte Kombination“, war sich die Esoterikmeisterin sicher.
Jonathan ließ sich gerne bezirzen, wurde aber ausgerechnet an
Odysseus und die webende Kirke, die singenden Sirenen und die
weissagenden Sybillen erinnert, während er sich für eine kurze
Sitzung auf den Abort begab. Als er zurück kam war Magdalena
Osiris-Ra wie vom Erdboden verschluckt und hinterließ leider nur
noch ihre Visitenkarte und die vielen Lehrbücher. Der geistige
Schüler überflog ein Schriftstück nach dem anderen und war
geschockt, weil sie sich gegen zahlreiche biblische Verbote
hinwegsetzten. Sollte er so enden wie König Salomo, den seine vielen
ausländischen Frauen zur Zauberei und Götzenanbetung verführten?
Wenn man vom Teufel versucht wird, muss man mit dem Wort Gottes
zurückschlagen, hatte Jonathan anhand der Evangelien gelernt.
Deshalb rief er seinen Freund David aus dem Charisma Shop an und bat
ihn um einen Gefallen. Er solle die für eine Hexe geeignete
christliche Literatur heraus picken und einen Strauß mit roten Rosen
mit einem Gruß von ihm besorgen, um anschließend die Geschenke im
benachbarten Leonhardsviertel im Edel-Ethos-Center bei Magdalena
abzugeben.
Gedanklich
drehte sich bei Jonathan alles nur noch um die
Esoterik-Geschäftsinhaberin. Meine Güte, wie gut konnte diese Frau
massieren. Am Abend war eine weitere Morddrohung von Elymas auf den
Anrufbeantworter eingegangen, der es nicht komisch fand, die Blumen
mit den Geschenken im gemeinsam geführten Laden entgegen zu nehmen.
Magdalena, die ihre Handynummer auf ihrer Visitenkarte hinterlassen
hatte, beruhigte ihren neuen Verehrer, der von ihr für immer und
ewig ablassen wollte, schnell wieder. Wicked-Oz wäre ein großer
Manipulationskünstler, dessen Handgriffe bei Eingeweihten aber wenig
Erstaunen hervor riefen. Wegen seiner großen Eifersucht wäre es
besser, wenn sie sich eine Zeit lang nicht sehen. Er soll nicht
traurig sein, denn sie könnte sich ihm durch ihre Astraltechniken
nähern. Sie würde immer wieder den roten Rosenstrauss betrachten
und sich über die aufregenden kostbaren Schicksalsbücher viel mehr
freuen, als über ein schnödes Schrottautoverlobungsgeschenk. Was
den Goldhandel angeht, gebe sie grünes Licht, denn für die Idee
wäre ihr Verlobter, von dem sie sich bald lösen würde, sofort
Feuer und Flamme gewesen.
Bei
Jonathan breitete sich wegen seinen gespaltenen Gefühlen immer mehr
Verwirrung aus. Für schlaflose Nächte sorgte auch die Bemerkung von
Elisabeth Schätzle, dass Gebhart Scharkfisch krumme Geschäfte
machen würde. Am nächsten Morgen ging Jonathan schon um fünf Uhr
in die Hauptstelle, um anhand von Kreditunterlagen einem Verdacht
nachzugehen. Er studierte die Geschäfte des Firmenkunden „Besser
als Gut Immobilien GmbH“, deren Geschäftsführer Kempe einen
Bauboom in Denkenstadt ausgelöst hatte. Als Denkenstädter
Gemeinderat hatte sich Jonathan schon darüber gewundert, warum Karl
Kempe fast sämtliche Aufträge für öffentliche und private
Projekte zugewiesen bekam. Baufinanzierungskunden hatten sich auch
schon bei ihm beschwert, dass die Besser als Gut Immobilien GmbH auf
dem öffentlichen Neubaugebiet für den Verkauf von Häusern warb,
obwohl das Bauland der Stadt gehörte. Somit wurde verhindert, dass
Häuslebauer in Eigenregie oder mit einem anderen Bauträger Wohnraum
schafften. Als Jonathan sich anfing zu fragen, warum zahlreiche
Provisionszahlungen über die Genfer Banque de Rivage abgewickelt
wurde, überraschte ihn Scharkfisch, der plötzlich um sechs Uhr früh
auftauchte: „Was machst du mit dieser Kreditakte. Das ist doch mein
Geschäftspartner, der dich überhaupt nichts angeht. Hast du etwa
dem Geschwätz dieser Schätzle glauben geschenkt?“ „Ääähm,
nein, natürlich nicht. Ich wollte dich nur vor der Scientology Sekte
warnen. Weißt du schon, dass dieser Karl Kempe gerade in Yale einen
Ehrenprofessortitel von der Beaubones-University bekommen hat?“,
versuchte Jonathan das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
„Willst du mir jetzt auch noch mit dem Hokuspokus dieser
Scharlatanerin Osiris-Ra kommen? Am Ende versuchst du mich in die
Krallen jener, wie eine Eule stierenden Kreatur, vor der du
niederfällst, zu bringen. Natürlich, warum mache ich mir Sorgen,
wie am Bohemian Grove. Du hast das Bankgeheimnis verletzt und
vertrauliche Informationen über die Geschäfte und Vorlieben von
Professor Kempe an sie weiter gegeben. Und dann noch der Quatsch von
dieser Fremdverlobten, dass du sie heiraten wirst. Meinst du
Dummschädel wirklich ich falle auf euch zwei rein. Her mit der Akte.
Hiermit bist du wegen Geheimnisverrat entlassen!“, lautete der
Rausschmissgrund des beherrschungslosen Despoten. „Du weist genau,
dass du mir eine schriftliche Begründung liefern musst. Ich nehme
aufgrund meiner Krankheit freiwillig eine Woche Urlaub, bis du dich
wieder abgekühlt hast. In der Zeit kümmerst du dich um den
666.000,- DM Edelmetalldeal mit Osiris-Ra, an dem ich nichts mit
verdienen will“, war der Kompromiss von Jonathan auf den sein Chef
mürrisch einging.
Jonathan
musste nicht nur pausenlos an seine geschäftlichen Probleme, sondern
auch unentwegt an Magdalena denken. Er spürte nachts immer wieder,
dass sie sich ganz nah bei ihm befindet, als ob sie selbst in seinem
Schlafzimmer wäre. In seinen heißen Träumen fühlte er sogar, wie
Magdalena das Doppelbett, welches er mit Helen herausgesucht hatte,
mit ihm teilte. Ausgerechnet in diesem Moment wurde er aus dem Schlaf
gerissen, denn es klingelte gerade diese steife Kopfverdreherin früh
morgens am Telefon. Helen Richards erinnerte ihn daran, dass er sich
als Trauzeuge zur Verfügung gestellt hatte und fragte, ob alles am
Nachmittag klar geht. Oh Mann, diese Einladung zu ihrer
standesamtlichen Eheschließung in Göttingen, hatte er bei all den
Geschehnissen tatsächlich vergessen. Dummerweise stand Jonathan kein
Auto zur Verfügung, deshalb machte er sich gleich mit öffentlichen
Verkehrsmitteln auf den Weg. Helen Richards und Otto Blümchen
planten, sich Mitte der Woche an ihrem Wohnort das weltliche Ja-Wort
zu geben. Am darauf folgenden Wochenende wollten sie von Aaron
Spelton, vor den britischen Verwandten, in der Gemeinde des Königs
in Ramsgate, den kirchlichen Segen empfangen. Während der langen
Zugfahrt las Jonathan folgende drei
Schlag-auf-Finger-zeig-drauf-Kommentare: Ein Mann ist nur so viel
wert wie sein Wort. Besser kein Gelöbnis eingehen, als eines das man
bricht. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam, der Freund des
Bräutigams aber ist hoch erfreut…
Ha,
ha, diese Art von göttlichem Humor konnte er überhaupt nicht
gebrauchen. Ihm wäre es viel lieber gewesen, wenn er seinen inneren
Frieden wieder zurück bekommen hätte und die Eifersuchtsgefühle
auf Blümchen verpufft wären. Moment mal, wie lautete dessen und
sein eigener Schlüssel zum Erfolg? Trachte zuerst nach dem Reich
Gottes und nach seiner Gerechtigkeit und dies alles wird euch
zufallen.
Jonathan
war trotzdem froh, als er wieder am Abend am Stuttgarter Hauptbahnhof
angekommen war und die Zeremonie hinter sich gebracht hatte. Doch wer
saß da auf den Treppen der großen Schalterhalle? Zwei alte Bekannte
mit denen er bestimmt nicht gerechnet hatte. Der eine war
stockbesoffen und erbrach gerade eine vom anderen gereichte
Butterbrezel auf den Boden. Frank Stein war als Obdachloser auf der
Straße gelandet und wurde von Markus Ruf, der ihm von Jesus erzählen
wollte, betreut. Markus kniete sich auf die Stufen nieder und schrie
zu Gott, dass er sich um Frank erbarmen und ihn retten sollte. Die
vorbeilaufenden Reisenden hielten ihn verständlicherweise für einen
religiösen Irren. Einzig Jonathan freute sich über das Wiedersehen:
„Hey Markus, was ist denn mit dir passiert? Bist du katholischer
Kirchendiener jetzt in die Heilsarmee eingetreten?“ „Nein, Alois
Löser, der frühere Ministrant und Jugendleiter der St. Nikolaus
Kirche, hat mich nach Taizee eingeladen. Ich war von den gemeinsamen
Gebetsgesängen und Andachten mit Frere Roger so beeindruckt, dass
ich das Erlebte in die Praxis umsetzen wollte und bei meiner Rückkehr
mich um dieses kostbare Geschöpf Gottes kümmern musste“,
antwortete sein früherer Zimmerkollege, der ebenfalls eine mächtige
Gottesvision in Großbritannien erhalten hatte. „Das gibt es ja
nicht. Du bist ja Jonathan“, merkte der plötzlich entnüchterte
Tippelbruder auf und umarmte mit seinen bestialisch stinkenden
Klamotten seinen Sandkastenfreund. In diesem Moment kam Magdalena wie
aus dem Nichts vorbei gelaufen und überreichte einen großen Koffer
an „Frankenstein“. „Danke Maggie Magierin, treffen wir uns
später auf dem Friedhof wieder?“, erkundigte sich der Beschenkte,
doch so schnell wie sie gekommen war, sprang sie die Treppen zu den
Bahngleisen hinauf. Jonathan hechtete ihr hinterher, fasste sie an
den Händen, drückte ihren Oberkörper an seinen Brustkorb und gab
ihr vor den Augen aller vorbei laufenden Menschen einen minutenlangen
Kuss: „Ach, wenn dieses wärmende Gefühl doch nie vorüber ginge.“
„Leg mich wie ein Siegel an dein Herz, wie ein Siegel an deinen
Arm. Die Liebe ist stark wie der Tod und Eifersucht hart wie das
Grab. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn. Liebster, wecke
die Liebe nicht auf, wenn es ihr nicht selbst gefällt. Ich muss
schnell gehen, sonst bringt dich Wicked-Oz bestimmt noch um.
Versprich mir Frankenstein zu deinem Schutz mit nach Hause zu
nehmen“, einen letzten Schmatz auf die Backe gebend trennte sich
die feurige Hormonwallie.
„Was
ist denn das für eine heiße Braut? Hast du zuvor wirklich den Herrn
gefragt, ob sie für dich bestimmt ist?“, wollte der erstaunte
Sittenwächter Markus wissen. „Ja natürlich, die jüdische Kabbala
bezeugte, dass sie die innerhalb von 24 Stunden auf mich treffende
Jungfrau ist“, war sich Jonathan sicher. „Moment mal, ihr wisst
ja gar nicht was ich mit der Hure über den Gräbern so alles
treibe“, begab sich Casanova Frankenstein auf sein normales
Pennerniveau zurück. Der entrüstete Jonathan wollte ihm dafür
einen Schlag ins Gesicht geben, wovon ihn Ruf zu seinem Schutz gerade
noch abhalten konnte. Markus fand es wäre besser die Versammlung
aufzulösen: „Tschüss Jonathan, komm doch mal wieder zum
Jesus-Treff, dann haben wir mehr Zeit zum Reden.“ „Ok,
versprochen, bis bald“, verabschiedete sich Fischer und ließ den
deprimiert wirkenden Frankenstein alleine auf den Treppen zurück.
Moment mal, hatte er gerade nicht zwei Versprechen abgegeben?
„Frankenstein, du musst mitkommen und bei mir übernachten. Befehl
von Chefin Maggie“, forderte ihn der den Koffer an sich nehmende
Schulfreund auf, dem es peinlich war, sich mit dem tätowierten
Stinker in ein Abteil der Stadtbahn zu setzen. Was würde sein Chef
sagen, wenn er ihn mit diesem potentiellen Bankräuber sieht, und wie
reagiert bloß seine Vermieterin? Die zweite Sorge war unbegründet,
denn die bemutternde Hilde und Frank freundeten sich schnell an.
Zunächst einmal wurde der Alkoholentzugspatient in die Badewanne
gesteckt und die alten Kleider in der Mülltonne entsorgt. Die sich
wandelnde Magdalena hatte nicht nur eine Herrenausstattung
eingepackt, sondern auch das selbst als Geschenk erhaltene Buch
„Jesus unser Schicksal“ von Wilhelm Busch hinzugefügt, das Frank
interessiert verschlang. Besonders angetan war dieser auch von dem
seine Kleider durchwühlenden Frettchen, mit dem er stundenlang
spielte.
Jonathan
konnte die beiden Langschläfer-Tierfreunde am nächsten Tag getrost
alleine lassen. Die nächste standesamtliche Eheschließung wurde
vollzogen, zu der Jonathan als Trauzeuge eingeladen war. Vera Fischer
und David Diao heirateten im Bürgerbüro Heumaden und freuten sich
gemeinsam mit ihrem per Straßenrennmaschine angekommenen Freund. Für
die am Samstag stattfindenden kirchliche Trauung durch Davids Kumpel
Walter Cunningham bei der FCJG in Lüdenscheid war Jonathan ebenfalls
eingeladen. Darum besorgte er sich schleunigst einen neuen Wagen, der
diesmal sehr demütig ausfallen sollte. Das Renault Autohaus Fischer
in Berkheim nahm tatsächlich seinen zerstörten Vectra als 4.000,-
DM Leasingsonderzahlung für einen voll ausgestatteten Kleinwagen
entgegen, so dass die monatliche Belastung des zweijährigen Vertrags
sensationell niedrig ausfiel.
Um
diese Lebensfiktion noch unglaublicher zu machen, oder um den Leser
weiter zu erstaunen, gab es am folgenden Freitag eine weitere
amtliche Trauung bei der Jonathan Zeuge war. Reinhild Fischer und
Martin Peter Anrich unterzeichneten im Stuttgarter Rathaus ebenfalls
einen Ehevertrag. Jonathan war stolz für diese Zeremonie mit
geöffnetem Faltdach in seinem gerade abgeholten blau-metallenen
Neuwagen vorzufahren, erhielt außer Schmunzeln jedoch wenig
Bewunderung bei den wartenden, noblen Verwandten des Ärztepaares.
Anders verhielt sich dies, als er heimkam und den Froschaugen-Twingo
vor seinem sich öffnenden Schlafzimmerfenster einparkte.
Frankenstein und das Frettchen Aaron, schauten gemeinsam neugierig
heraus. Plötzlich schrie der mit zahlreichen Götterbildern
tätowierte Schutzengel, er solle sich sofort ducken. Sechs Schüsse
erschallten binnen kurzem aus dem Hinterhalt, die die mit einem
riesigen, reflektierenden Jesus Aufkleber versehene Heckscheibe
gänzlich heraussprengten und die Frontscheibe völlig zerstörten
und durchschlugen. Das wie durch ein Wunder unversehrt überlebende
Mordopfer wollte nicht schon wieder in den Schlagzeilen auftauchen,
doch selbstverständlich wurden auch hier Polizei und Presse in
Windeseile von den Nachbarn verständigt. Natürlich konnte er sich
denken wer für diesen Anschlag, der zu dem Film vier Hochzeiten und
ein Todesfall gepasst hätte, verantwortlich war.
Zum
Trost kam spät abends Magdalena vorbei und drückte ihren Verehrer
auf dem Sofa an sich. Das verursachte eifersüchtige Blicke von Frank
und Aaron, die ihre Zweisamkeit nicht teilen wollten. Frankenstein
nahm, die Türe zuschlagend, wutentbrannt reiß aus, als die beiden
ungeniert anfingen sich abermals zu küssen, und Aaron wagte es, die
Konkurrentin am Popo zu beschnüffeln und zu zwicken, was ihm eine
Verbannung in seinem Holzkäfig einhandelte. Der dem Galgen
entronnene Jonathan fand seinen Humor wieder und erzählte: „Morgen
bin ich auf drei Hochzeiten gleichzeitig eingeladen, aber ich kann
mit dir auf nur einer tanzen. Wohin möchtest du zum Essen mitkommen?
Nach Ramsgate in den Honeysuckle Inn Pub, nach Lüdenscheid ins
Restaurant Haus Waldlust oder in die Hohenheimer Speisemeisterei?“
„Die Waldlust würde am besten zu mir passen, aber sag du, Süßer.“
„Es gibt kaum einen besseren Koch als Martin Öxle“, wusste
Jonathan und verzog sich mit der ihn abermals streichelnden Magdalena
ins Doppelbett, um andere fleischliche Genüsse zu kosten. In diesem
Moment läutete es wieder Sturm. „Bei Thor, dieser hämmernde
Frankenstein kann ruhig ein bisschen warten, auch wenn es anfängt zu
blitzen und zu donnern“, hauchte die Romantikerin durch ihre
feuchte Zunge, was Jonathan gänzlich beherrschungslos machte. Je
mehr Kleider die beiden sich hektisch entledigten, desto lauter
erschallte das Donnergrollen und prasselte der Hagel gegen den
herunter gelassenen Rollladen. Das Zentrum des Gewitters kam, den
Höhepunkt vorbereitend, immer näher. Nichts und niemand konnte
Jonathan jetzt noch aufhalten. Doch was war das? Die Wohnungstür
wurde wiederum von fremder Hand geöffnet und die Anstandsdame Hilde
rief von draußen: „Herr Fischer, ich möchte nicht stören, aber
dieser drohende Zaubermeister schafft es sonst tatsächlich noch den
Blitz in mein Haus einschlagen zu lassen.“ Wicked-Oz kam
augenblicklich ins Schlafzimmer herein gestürmt und nahm abermals
seine spärlich bekleidete Verlobte an sich. „Entschuldigung, tut
mir Leid, da hab ich doch glatt die Beherrschung verloren, aber es
ist ja nichts passiert“, entschuldigte sich Jonathan, der
befürchtete, dass seine letzte Stunde geschlagen hat. „Akzeptiert,
wie wäre es, wenn wir uns zusammen setzen und ganz vernünftig zu
dritt die verworrene Situation diskutieren?“, lautete der
unerwartete Vorschlag von dem auf einmal sympathischer wirkenden
Elymas, der dann überraschender Weise fort fuhr: „Gerne löse ich
die Verlobung wieder auf, doch dann möchte ich das Geld für den
Lamborghini Diablo zurück haben. Die Merlin-Versicherung wird den
Schaden sowieso nicht erstatten und du, liebe Magdalena, bist
verpflichtet mir als arglistig Getäuschten, die aufgrund der
bevorstehenden Ehe getätigten Leistungen zurück zu erstatten.“
„Ich
habe doch heute mein ganzes liquides Geld in die Goldbarren
investiert, und außerdem habe ich von so einem Schwachsinn noch nie
etwas gehört“, beklagte sich Magdalena. „Doch, es stimmt
tatsächlich was Elymas sagt“, wusste Jonathan aus Schulungen. „Ich
habe sowieso schon für dich gebürgt und die Summe auch auf der
hohen Kante. Durch mein eBank-Tagesgeld bei der Volksbank Plochingen
eG kann ich über mein Vermögen sofort verfügen. Aber wie wäre es,
wenn ich den krankhaft Eifersüchtigen zuvor in den Knast bringe. Ich
muss nur der Polizei von seinem Mordkomplott berichten“, drohte das
beinahe Erschießungsopfer. „Alles was recht ist. Mit den
zerschossenen Autoscheiben habe ich nichts zu tun. Ich habe ein
Alibi. Die Kripo hat mich und meine Gespielinnen schon vernommen,
deshalb bin ich gleich helfend her gefahren, weil ich eine bestimmte
Ahnung mitteilen wollte. Dann ist mir Frankenstein fluchend
entgegengekommen und schwor bei Zeus, dass Maggie sich gerade von der
gegnerischen Seite schwängern lässt.“ „Du kennst Frank Stein,
woher denn, und was ist dein Verdacht über den Scharfschützen?“,
wollte Jonathan wissen. „Frankenstein kommt doch schon jahrelang in
Maggies Hexenzirkel, und der versuchte Mord wurde von Scharkfisch
ausgeführt“, war sich Elymas sicher. „Wie kommst du denn da
drauf?“, fragte Jonathan, der seinem Chef diesen Racheakt nicht
zutraute. „Ganz einfach. Wir waren heute morgen im Büro von
Scharkfisch und machten das Goldgeschäft fertig. Magdalena bestand
darauf, dass die 33 Barren in den Schließfächern deiner Filiale im
Park-Haus und nicht in Denkenstadt verwahrt werden. Ein Streit
darüber entfachte, bis Magdalena resolut entschloss das Gold in den
Edel-Ethos-Center mitzunehmen. Auf einmal war Scharkfisch doch bereit
und fuhr uns mitsamt der Ladung in seinem weißen Mercedes in die
ehemalige US-Militärkaserne Scharnhauser Park. Als ich ihn fragte zu
was er das eingewickelte Bundeswehrgewehr im Kofferraum mitführt,
und ob er einen Waffenschein besitzt, wurde er kurz verlegen und
behauptete Jäger zu sein, der den Goldtransport so vor einem
Überfall beschützen kann“, lautete die interessante Beobachtung
von Elymas. Der Schachkombinierer wurde still und addierte im Kopf
zusammen. Frankenstein hatte vor der Polizei ausgesagt ein G22
Repetiergewehr, aber nicht den vermummten Schützen und das weiße
Auto zweifelsfrei erkannt zu haben, was diese dem Skinhead und
Obergefreiten a.D. sowieso nicht abnahmen. Die Thesenliste von
Elisabeth Schätzle entsprang größtenteils wirklich aus Jonathans
Ideen und Wissen, denn bei den geheimen Treffen des Betriebsrats
hatte der arbeitgebertreue Vorsitzende Fischer wie viele andere
Gewerkschafter große Reden geschwungen, von denen er als Duckmäuser
und Speichellecker nichts umsetzte. Mit den Betrugsvorwürfen hatte
Schätzle ebenfalls den Nagel auf den Kopf getroffen. Aus Beratungen
mit Maria Müller-Kempe wusste Jonathan, dass riesige Barabhebungen
und Einzahlungen, die sie nicht selbst betrafen von Kempe gemeinsam
mit Scharkfisch auf ihrem privaten Girokonto getätigt wurden. Um die
Identifizierungspflicht nach dem Geldwäschegesetz zu umgehen, hatte
sie blanko unterschriebene Ein- und Auszahlungsbelege bei Gebhart
Scharkfisch hinterlegt und ihr schlechtes Gewissen bei ihrem
Filialleiter und früheren Verehrer Fischer erleichtert. Zudem war
der gefährliche Mitwisser Jonathan wegen seiner vielen Erfolge schon
als Nachfolger vom gejagten Scharkfisch, der ein Räuber, aber kein
wirklicher Jagdbruder war, gehandelt worden. Schon länger war er
diesem mit seltsamen Methoden arbeitenden Dienstherrn, dessen
Kontrollmechanismen immer wieder verpufften, nicht mehr geheuer. „Was
machen wir jetzt?“, wollte Jonathan wissen. „Ich verkaufe das
Gold wieder und gebe es Elymas als Lösegeld zurück. Das beste ist
wir annullieren die Verbindung. Denn was kann Satan und Gott gemein
haben. Ich mag dich zwar mein Oberguru, aber ab heute ist es mit der
Zauberei bei mir vorbei, ich habe mich nämlich bekehrt und mein
Leben Jesus Christus gegeben. Von mir aus soll mein Heiland meine
ganze Mitgift in Form von kostbaren Ölen, Gold und Autoweiheabgasen
haben!“, war der Entschluss der modernen Maria Magdalena. „Aber
Maggie, Schätzchen, du weist doch, dass unser oberster Zunftmeister
Helmut katholisch ist und jährlich nach England zur Wallfahrt und
nach Österreich zum Beichten geht. Verzeih mir, ich werde dir nicht
mehr verbieten die christlichen Bücher zu lesen und mich gleichfalls
dem Johannis-Glauben und Jesus, dem größten Wunderheiler aller
Zeiten, zuwenden. Komm mit nach Hause“, versuchte Wicked-Oz, seine
Geschäfts- und Wohnungspartnerin umzustimmen. „Nein, ich schlafe
ab jetzt hier. Dafür zieht der mordgefährdete Jonathan zur
Sicherheit bei dir ein und unterweist dich in den Geistesgaben und
anderen mystischen Geheimnissen des Alten Bundes und des Neuen
Testaments. Ich verspreche dir, dass ich Jonathan nicht mehr
unsittlich anrühre, bis ich mit ihm verheiratet bin. Solltest du es
mit aller Kraft schaffen, in den nächsten 6 Monaten
Exorzisten-Pfarrer zu werden und dadurch mehr Macht als Fischer
ausüben, nehme ich dich doch, das gelobe ich dir!“, lautes
Gelächter erschallte bei der Rednerin und dann bei ihren Verehrern.
Die an der Tür lauschende Hilde, bekam jetzt, wie ursprünglich
gewünscht ein „leichtes Mädchen“ als Untermieterin und alles
schien in Butter zu sein. Jonathan packte seine sieben Sachen und
steckte diese in den siebener BMW von Elymas, während dieser sich
christliche Bücher, CDs und Predigtkasseten als Studienmaterial aus
den Wohnregalen herauspickte. Eigentlich hätte er gerne Jonathans
komplette Sammlung aus dem Charisma Shop mitgenommen, aber Magdalena,
seine bessere Hälfte mit dem besonderen Dickkopf bestand darauf,
dass ein Part der geistigen Lehrmaterialien bei ihr zurück bleiben
muss. Der 5,7 Liter Motor aus dem Alpina B12 war ein grasses
Kontrastprogramm zu Jonathans Vierzylinder-Twingo, den die Kripo
zunächst als Asservat konfisziert hatte. Der Autoliebhaber bemerkte,
dass alleine die vier 20 Zoll Aluräder mit den 275er Michelin
Niederquerschnittsreifen teurer als sein Teile-Spar-Renault sein
müssten, was später einige findige französische Werbemanager zu
ähnlichen Bildvergleichen anspornte. Elymas spürte, dass der
genügsam und bescheiden leben wollende Banker sehr angetan von
seinem Oberklasse Wagen war und bot ihm, in seiner netten
griechischen Art an, diesen bei Bedarf auszuleihen. Das Viertel in
dem der Esoterikladen mit zugehörigen Wohnungen untergebracht war
galt als Billigst-Mietgebiet, weil sich zahlreiche Bordelle und Bars
in der Nachbarschaft befanden, die es für den Polterabend-Bräutigam
zu meiden galt. Als die beiden neuen Freunde gerade die Sachen aus
dem Auto packten, traf Jonathan auf ein paar alte, wartende
Schachkumpels, die mit Elymas gerade in Preisverhandlungen traten,
aber nach der Begrüßung mit Jonathan, schamvoll das Weite suchten.
„Verdirb mir aber bitte nicht das Geschäft, indem du die Freier
abschreckst. Wenn du willst zeige ich dir oben einige nette Damen mit
denen du umsonst die Nacht verbringen kannst“, war das anrüchige
Angebot des Edelzuhälters, auf das Jonathan nicht herein fiel:
„Damit du morgen Magdalena gleich verrätst, dass ich nicht mehr
Jungfrau bin, stimmts? Leihst du mir stattdessen die bajuwarische
Karosse aus? Ich bin auf eine Nobelhochzeit eingeladen.“
Am
nächsten Mittag zog Jonathan wohlweislich seinen Boss
Kaschmir-Nadelstreifenanzug mit Fliege an und fuhr zurück in seine
eigentliche Wohnung. Als die Sexbombe Magdalena wie gewohnt,
hochtrabend mit ihren Stöckelschuhen, in das von Alpina aufgemöbelte
Auto stieg und die fragenden Blicke der erstaunten Nachbarn auf sich
zog, empfand der sonst so brave Bankberater das augenscheinliche
Leben eines Zuhälters als gar nicht so übel. Mit dem folgenden
Auftritt des neuen, Händchen haltenden High Society Paars hatte der
vor dem Sakralbau der Birkacher Franziska-Kirche auf seine Braut
wartende Martin Peter Anrich nicht gerechnet: „Mensch Jonathan,
erst erscheinst du in der Boulevardpresse und jetzt kommst du mit so
einer Traumfrau daher. Möchtest du mir sie nicht vorstellen?“ „Das
ist meine neue Flamme Magdalena Osiris-Ra. Göttliche und berufliche
Vorhersehung hat uns wie du sicher lesen konntest zusammengeführt.
Eure kurze Rekordzeit bis zum Altar versuchen wir jedoch nicht zu
schlagen. Hast du etwas dagegen, wenn Maggie zu den Feierlichkeiten
mitkommt?“, fragte Jonathan seinen Ex-Reiseführer. Dieser konnte
natürlich nicht nein sagen, denn dem Arzt war es sowieso peinlich,
dass er Reinhild seinem Schützling ausgespannt hatte. Zudem fühlte
sich der Chirurg mitverantwortlich für den Beckenbruch-Unfall
während des Hongkong Urlaubs. Magdalena war fasziniert von Jonathans
folgenden Reisebericht und schmunzelte über das Frontbild mit
Reinhild und Martin Peter in chinesischen Bergtrachten auf der
überreichten Programmliste. „Da habe ich ja noch mal Glück
gehabt, dass deine Pläne mit dem Fotoshooting in die Hose gingen“,
freute sich die Zukünftige. „Viel schöner ist es, sich mich mit
dir ablichten zu lassen. Dann komme ich in allen Klatschspalten“,
witzelte Jonathan beim Gang in die kleine evangelische Dorfkirche,
die der katholische Herzog Karl Eugen 1779 für seine evangelische
Maitresse Franziska Theresia bauen ließ.
Die
Trauung führte überraschender Weise die am Vortag angereiste
Albanienbekanntschaft Pastor Ulf Gouderner durch, der in Schweden die
größte pietistische Brüdergemeinde leitete. Bei dieser Hochzeit
brauchte an nichts gespart werden, da beide Elternpaare sehr
vermögend waren. So wurden sämtliche geladenen Gäste mit
Pferdefuhrwerken, nach einem kurzen Champagnerempfang für alle
Gottesdienstbesucher, zum Schloss Hohenheim gefahren. Jonathan
überredete den Kutscher einen Umweg zu machen und die fürstliche
Baumallee hinunter zu fahren, um vom runden Aussichtspunkt gemeinsam
mit seiner Angebeteten einen Blick auf die herrliche Parkanlage mit
Teich zu nehmen. Die beiden Umarmenden standen auf der geschwungenen
Mauer und atmeten förmlich die Kraft der Natur ein. „Die
energiegeladene Aura hier, mit riesigen Bäumen aus allen Herren
Länder ist einmalig, oder mein Hohepriester?“, fragte die
ehemalige Hexenanführerin, deren Wiccakult sie an den keltischen
Sabbaten gemeinsam mit ihrem Coven nackt unter den Jahrhunderte alten
Bäumen herumtanzen ließ. „Das können wir ja mal bei Vollmond
genauer austesten. Aber erst wenn wir verheiratet sind. Jetzt müssen
wir zurück zu den Festlichkeiten“, spürte der wieder nüchterne
und besonnene Fiktionsheld. Jonathans Tischkärtchen in der im
Hohenheimer Schloss befindlichen Speisemeisterei befand sich zwischen
Ulf Gouderner und den zwei blonden Tänzerinnen des Albanienurlaubs.
Kurzerhand wurde für Magdalena vom Kellner ein Stuhl und weiteres
Gedeck besorgt, damit sie sich an dem runden Tisch zwischen Ulf und
Jonathan hinsetzen konnte. Das siebengängige Sternekoch-Menü, war
das Köstlichste was sie je zu sich genommen hatten, waren sich die
über ihren Urlaub angeregt Unterhaltenden einig. Das unschlagbare
Duo Martin Öxle mit Fernsehkomiker Johann Lafer kreierten in den
edlen Räumlichkeiten des Schlosses die vorzüglichsten Speisen. Der
„Sinn des Lebens“ Prediger Ulf scherzte, ob die kurz vor dem
Zerbersten Gemästeten nicht anschließend einen Wetttreppenlauf auf
Webers Gourmetturm veranstalten sollten, bei dem der Verlierer den
Gewinner zum Pfefferminzblatt-Diner einlädt. Jonathan erklärte dem
Evangelikalen Dauerläufer, dass er durch den Besuch von Caesars
Magical Empire gründlich geläutert wurde und keine Spielwetten mehr
annimmt. Gouderner blödelte weiter und behauptete, er habe wie
einige US-Magier und christliche Propheten gelernt Gedanken zu lesen
und könnte wahrsagen. Die sich von diesen Praktiken lösen wollende
Magdalena, tief in ihre geschockten Augen schauend, beruhigte er:
„Machen sie sich um Frankenstein keine Sorgen, der ist bei seinen
Eltern gut aufgehoben, aber hätte seinen Koffer mit dem
Schicksalsbuch gerne wieder. Passen sie in Zukunft besser auf
Jonathan auf und kommen sie ihm nicht zu nahe, sonst schlägt der
Blitz in ihr gemeinsames Domizil ein“, sich zu Jonathan wendend
fuhr er fort: „Du denkst du bist reich, bist zum Wohlstand gekommen
und bedarfst nichts. Aber in Wahrheit bist du arm, nackt und blind.
Darum kaufe durchs Feuer geläutertes Gold, weiße saubere Kleider
und Augensalbe, um wieder zu sehen. Suche den Willen Gottes für
jeden Tag und tue alles zu seiner Ehre!“ „Danke, das ist nichts
neues für mich. Irgendwo habe ich das schon mal gehört. Kannst du
dein Können sonst irgendwie unter Beweis stellen?“, wollte der
verärgerte, zurecht gewiesene Schützling wissen. Ulf holte einen
Zettel mit 20 Kindheitsfragen aus seiner Tasche, die er dem Zweifler
anschließend alle erwidern könne. Die Punkte überfliegend spottete
Jonathan, dass er jede Wette eingeht, dass Ulf die Fragen nicht
beantworten kann. Gouderner schlug folgenden Handel vor: „Also wenn
du verlierst gibst du mir lediglich die Rechte an deiner Biografie,
und im Gegenzug lade ich dich in das Fernsehturm Restaurant und zu
mir nach Schweden, inklusive Flugticket und Spesen, zum Predigen im
Fernsehen ein.“ Die Sache fing an, für den gerne in der
Öffentlichkeit stehenden neuen Medienstar, der Magdalena imponieren
wollte, interessant zu werden. Jonathan las die Fragen genauer durch
und bestimmte lachend, dass er seinen Lebenslauf schon bei drei
richtigen Antworten zur Verfügung stellt. Die erste Eingabe lautete:
Wo verbrachtest du am Liebsten Deine Ferien? Die Zweite: Wie heißt
dein Lieblingslehrer? Und die Dritte: Mit welchem Notendurchschnitt
hast du deine Schule abgeschlossen? Der Held der Fiktion, der sich
nicht erklären konnte, was Gouderner mit seiner Lebensgeschichte vor
hatte, schlug in das Geschäft ein und bekam überdies, zur
Belustigung der Anwesenden, prompt alle zwanzig Fragen richtig
beantwortet. „Das ist Zauberei und Hellseherei, hast du jetzt die
Seiten gewechselt?“, wollte der verblüffte Jonathan wissen. Auch
die mediale Magdalena, die für ihr Klientel extreme Vorhersagen und
Prognosen erstelle, wurde sprachlos und wollte unbedingt selbst
mitmachen. Aus bestimmten Gründen wollte Gouderner jedoch das
Kuriosum nicht mit ihr wiederholen.
Da
Zaubertricks nur so lange interessant sind, wie sie vorm Publikum
verschleiert werden, vertröstete Ulf seine Zuhörer und versprach,
den Gag bei Jonathans baldiger Hochzeitsfeier mit seiner Zukünftigen
zu wiederholen und dann erst aufzulösen.
Der
interessierte Leser soll nicht bis Kapitel 10 auf die Folter gespannt
werden, denn die Auflösung ist einleuchtend: Die stark wachsende
Kirche von Ulf in Schweden wurde neuerdings von einem Schulfreund von
Jonathan besucht. Walter Stein arbeitete schon lange Zeit als
Physiker in dem skandinavischen Land und hatte sich nicht nur die
Landessprache, sondern auch eine einheimische Frau und vier Kinder
zugeeignet. Sein neuestes Hobby war neben dem wieder entdeckten
christlichen Glauben, das Schreiben von Fantasy-Romanen. Deshalb
ersann er mit dem von ihm aufgestellten Fragenkatalog einen
erfolgreichen Streich, um sich gemeinsam mit Gouderner, Jonathan
Fischers unglaubliche Lebensgeschichte zu angeln. Eine weitere
menschliche und nicht übernatürliche Informationsquelle war Frank
Stein, der eine Nacht zuvor nach seinem Rausschmiss in die elterliche
Salute-Wohnung in den Fasanenhof zurückkehrte. Seit langem war der,
wie Tod Bentley von Kopf bis Fuß mit Kriegern und dämonischen
Symbolen tätowierte, wieder nüchtern und traute sich deshalb nach
Hause. Dort traf er zufällig auf den von seinem Zwillingsbruder
vermittelten Übernachtungsgast Gouderner und tauschte sich
stundenlang über Walter, Jonathan und Maggie aus.
Die
alkoholisierten Hochzeitsgäste ließen zur Freude von Magdalena und
Jonathan die Puppen tanzen und feierten gemeinsam bis zum nächsten
Morgen. Das von dem SWR Big Band Tanzorchester begleitete exklusive
Fest mit zahlreichen prominenten Gästen bot weiter ein
unterhaltsames wohltätiges Programm. Denn der eine Aids-Stiftung
gründende Papa Bernd Scheu war nicht nur erfolgreicher
Dosen-Unternehmer, sondern auch Spesen und Sitzungsgeld einsammelnder
Stuttgarter Gemeinderat. Seine braungebrannte Frau Sonja engagierte
sich neuerdings für Jürgen Klinsmann und half als Lehrerin
ehrenamtlich im Agapedia Kinderhaus in Esslingen mit. So nimmt es
nicht Wunder, dass die Negerküsse liebende Mutter des Bräutigams,
Sabine Anrich, eine Tombola für ein karitatives Projekt in einem
Elendsviertel in Südafrika eröffnete, und ihr durch die Show
führender Ehegatte Professor Peter-Christoph als Chef der Freiburger
Sportklinik für das JAM Ernährungsprogramm warb. Der vom Telekom
Team anhand von T-Mobile Handys ermittelte Benefiz-Erlös hätte zur
Begleichung des Diablo-Schadens gereicht, und etwa die gleiche Summe
verschlangen die leistungssteigernden Bewirtungskosten, sinnierte der
radfahrende Geldexperte vor dem Einschlafen in der neu bezogenen
Dachgeschosswohnung im Rotlichtviertel.
Endlich
einmal wieder Ausschlafen, lautete Jonathans Motto für Sonntag, doch
daraus wurde leider nichts. Elymas kam um 9.30 Uhr in sein Zimmer und
rüttelte ihn wach: „Hey Meister, heute ist Gottesdienstpflicht.
Besuchen wir meine mütterliche Verwandtschaft in Maria Verkündigung,
der größten griechisch orthodoxen Basilika in Deutschland, oder
weißt du etwas besseres?“ „Eigentlich bin ich kein Fan von
Statuen, Ikonen und Heiligenbildern. Außerdem kommt es nicht auf die
Höhe des Kirchturms oder die Größe des Altarraums, sondern auf die
Güte der Botschaft und die Schönheit des Gesangs an. Wir gehen in
die nächst gelegene Kirche und dann schlafe ich weiter, basta“,
war der pragmatische Vorschlag von Jonathan. Ein paar hundert Meter
weiter lag die historische Leonhardskirche, deren Glockenturm den
Gottesdienst ankündigte. Als Jonathan mit Elymas vorsichtshalber in
der letzten Reihe Platz nahm, um besser nicht mit ihm erkannt zu
werden, traute er seinen Augen nicht. Der vielgeliebte Georg Müller
leitete die Evangelische Messe und begann die Bergpredigt auszulegen.
An seinen wohlwollenden Blicken von der Kanzel spürte Jonathan, dass
er ihn erkannt hatte. Elymas nahm einen Notizblock und schrieb die
Predigt mit. Als Jonathan seinem Mitbewohner erzählte, dass er den
Pfarrer seit der Leichtathletik WM 1993 kenne, wollte dieser
unbedingt vorgestellt werden und lief am Ende mit ihm nach vorne.
„Hallo Jonathan, schön dich wieder zu sehen. Wie geht es dir?
Trachtest du zuerst nach dem Reich Gottes? Hast du deine Traumfrau
gefunden?“, erkundigte sich der Seelsorger. „Wenn man von
Unfällen und Mordanschlägen absieht geht es mir bestens. Das Reich
Gottes ist mir unbegreiflich und die Zukünftige ist mir gerade erst
begegnet“, antwortete er, ehe Elymas ins Wort fiel: „Herr Pfarrer
dieses Individuum hat mir meine Verlobte ausgespannt. Bitte kommen
sie mit zum Mittagessen, und ich werde ihnen alles berichten.“
„Stimmt das Jonathan? Wirklich, dann gehe ich mit“, sprach der
allzeit zum Dienst Bereite und begleitete die Zwei in ihre
Dachgeschosswohnung. Jonathan berichtete von seiner Chinareise, von
den beruflichen Höhenflügen und über das Zusammentreffen mit
Magdalena. Erstaunt empfahl der Geistliche: „Hast du schon mal
überlegt deine Story zu veröffentlichen? Das könnte ein Bestseller
werden.“ Dem seiner verflossenen Liebe nachtrauernden Elymas
empfahl er den geistlichen Wettkampf anzunehmen, schließlich wäre
es ja die freie Entscheidung Magdalenas, wen sie heiraten will. „Gut,
dann habe ich gleich ein paar Fragen. Was ist arm sein vor Gott? Wie
soll ich das verstehen, dass ich nicht Gott und dem Mammon dienen
kann? Muss ich jetzt mein ganzes Hab und Gut verkaufen? Wie befreie
ich mich in von meiner okkulten Geheimverbindung, bei deren Aufnahme
ich unerlaubterweise bei meinem Leben geschworen habe, nichts zu
verraten oder nur bei meinem Tod wieder auszuscheiden? Wie löse ich
mich vom Baphomet-Satan mit dem ich mich mit meinem Blut verschrieben
habe?“, lauteten die berechtigten Fragen des Zauberers und
Zuhälters. „Eins nach dem anderen. Zunächst einmal müssen sie
von neuem geboren werden, indem sie Buße für ihre begangenen Sünden
tun und den Herrn Jesus Christus in ihr Leben aufnehmen. Jonathan ich
schlage vor du gehst in dein Zimmer, damit wir beide ungestört sind,
wenn ich die Lebensbeichte abnehme.“ Dieser Wicked-Oz musste wohl
einiges auf dem Kerbholz haben, denn es dauerte drei Stunden, bis der
das ersehnte Nickerchen machende Jonathan wieder ins Wohnzimmer
gerufen wurde. Georg und Elymas waren schweißgebadet und
ausgepowert, wie nach einem Marathonlauf. Das Telefon läutete. Die
umschwärmte Magdalena meldete sich, um Jonathan zu sprechen. Elymas
erzählte ihr von seiner wunderbaren Lebensbereinigung, die ihm
übersinnliche Gefühle gebe. Er behauptete, dass ihm gerade zwei
Engel namens Swift und Emma-O begegnet wären, die ihn an himmlische
Orte entführt hätten. Georg Müller mahnte zur Vorsicht, denn er
bezweifelte, ob diese Erscheinungen wirklich von Gott kamen.
Magdalena wollte sofort herbei eilen, damit Pastor Müller für sie
für ähnliche Offenbarungen betet. Es wurde ein gemeinsamer Termin
in der Pfarrei für den nächsten Nachmittag vereinbart, da sich
Georg kraftlos fühlte und aus Sicherheits- und Sittlichkeitsgründen
seine Ehefrau Christa mit dabei haben wollte.
Elymas
und Jonathan behagte überhaupt nicht, als sie erfuhren, dass
Frankenstein in die Wohnung in der Schloßstraße zurückgekehrt war,
um sein Schicksalsbuch zu holen. Viel schlimmer war die Ankündigung
von Maggie am Telefon, dass Frankenstein bei ihr verweilen sollte, um
als Goldtransporteur mitzuhelfen. Am nächsten Tag beabsichtigte sie,
bei Scharkfisch den 33 Stück Einkilogramm Barren Kauf aufgrund ihres
zweiwöchigen Rücktrittrechts zu stornieren. Jonathan standen die
Haare nicht nur wegen ihres übersteigerten Rechtsverständnisses zu
Berge. Durch die Mithilfe des evangelischen Pfarrers konnte er
immerhin erreichen, dass Frankenstein bei Oma Hilde im Gästezimmer
der oberen Wohnung nächtigt.
Am
darauf folgenden Montag ging bei einigen Menschen die Welt unter.
Zunächst konnte Maggie überhaupt nicht verstehen, warum Gebhart
Scharkfisch nicht bereit war das Gold zurück zu nehmen. Selbst der
Ankauf zum 4 Prozent schlechteren Kurs wurde von der Bankspitze
abgelehnt. Ob es an ihrem kein Vertrauen einflößenden, tätowierten,
glatzköpfigen Begleiter Frankenstein lag, oder an ihrem weniger
dominanten christlicheren Auftreten, wusste sie nicht zu erklären.
Der sich vor weiteren Mordanschlägen versteckende Jonathan wunderte
sich überhaupt nicht, als zum Mittagessen die frustrierte Magdalena
und der enttäuschte Frank Stein mit ihrem schweren Gepäck in der
Dachgeschosswohnung des Edel-Ethos-Centers ankamen. Als er die
wertvolle Ladung genauer inspizierte zeigte sich der Münzexperte
nichtsdestoweniger überrascht. Normalerweise hätte es sich hier um
für gewöhnlich von der Genossenschaftlichen Zentralbank gelieferte
Degussa 999,9 Feingoldbarren handeln müssen. Doch die auf das
glänzende Metall gedruckte runde Prägung lautete auf die
Südafrikanische Firma Rand Refinery LtD. Was tun? Magdalena schickte
versuchsweise Frankenstein zum Umtausch eines Kilogramm Goldbarren
zur Landesbank und nahm gleichzeitig ihren Seelsorgetermin wahr.
Jonathan studierte in der Zeit die für ihn mitgebrachte Hauspost.
Erstaunlicherweise entdeckte er eine Computer-DVD in einem anonymen
Brief. Der neugierige Elymas half ihm die Daten zu entpacken und
interessierte sich zunächst nicht für die zahlreichen Bankbelege.
Jonathan traute beim Durchforschen seinen Augen nicht. Durch die
verdeckten Ein- und Auszahlungen, sowie der
SWIFT-Auslandsüberweisungen in die Schweiz, die sämtlich von Maria
Müller-Kempe unterschieben waren, konnte er einen Riesen-Schwindel
an Provisionszahlungen für Scharkfisch und Kempe erkennen. Der
frühere Kassierer Jonathan wurde noch aufgeregter, als er die von
Gebhart Scharkfisch und Max-Moritz Straussinger unterzeichneten
Belege des Parteikontos untersuchte. Wurden hier nicht
Stiftungsgelder aus Liechtenstein für Straussingers Wahlkampf
zweckentfremdet? Flossen dabei nicht Millionen hohe Barauszahlungen
in die eigenen Taschen? Das Telefon klingelte. Frankenstein bettelte,
ob Jonathan zur gegenüber liegenden Polizeiwache kommen könnte, da
er soeben festgenommen worden wäre. Die misstrauischen Landesbänker
hatten entdeckt, dass das Gold magnetisch ist, und es sich lediglich
um eine legierte Metallplatte handelte. Der zur Aufklärung am
Telefon befragte Scharkfisch schwor bei seinem Leben, er hätte das
südafrikanische Falschgold nicht für Frank Stein beschafft. Er
könne bestimmt nichts dafür, das nicht alles Gold ist was glänzt.
Somit reiste der gelackmeierte Steinbruder nicht zum Besuch von
Verwandten nach Schweden, sondern zu befreundeten Gangmitgliedern
hinter schwedische Gardinen. Jonathan konnte und wollte im Moment
nichts zu seiner Entlastung beitragen, denn zunächst musste er im
Edel-Ethos-Center Kriegsrat halten.
Die
zurückkehrende Magdalena schien wie von Sinnen zu sein, denn sie
schwärmte, dass der Himmel wundervoll blau wäre und die Vögel
unbeschreiblich schön zwitscherten, seit dem sie ihre Schuld vor
Georg und Christa bekannt hatte. Als sie hörte, wie sie durch den
Golddeal um ihr Vermögen gebracht wurde, war sie schnell wieder auf
dem Boden der Tatsachen angelangt. Sie bekam einen Schrei- und
Tobsuchtsanfall, in dem sie einen Todesfluch auf Scharkfisch legte.
In ihrer Naivität hatte sie nicht einmal einen Bankquittung für den
Goldtausch gefordert, sondern lediglich selbst unterschrieben, das
fürs Gold eingesetzte Bargeld von dem Treuhandkonto in Empfang
genommen zu haben. „Dann schaut mal was ich hier habe“, freute
sich Jonathan, der den PC abermals startete. „Dieses Bankchinesisch
verstehen wir nicht. Erkläre uns bitte, was die Daten und Belege
aussagen“, wünschte Elymas zu erfahren, dem gleich danach eine
scheinbar gute Idee kam. Er wollte nicht zur Polizei gehen, sondern
Scharkfisch, Kempe und Straussinger erpressen und so zum Millionär
werden. „Nein, ehrlich wärt am längsten. Wir übergeben die
Daten-Disk der Staatsanwaltschaft“, meinte Jonathan. „Bekomme ich
dann mein Geld zurück?“, wollte Magdalena wissen. „Ja, wenn
Scharkfisch es noch nicht ausgegeben oder verhurt hat“, war der
scherzhafte Kommentar des Anlageberaters, den seine Gesprächspartner
weniger passend fanden.
Jonathan
dachte, seinen Schulkameraden Frank schnell wieder aus der
Untersuchungshaft herauszubekommen, als er die brisante
Beweissammlung vorsichtshalber gemeinsam mit Elymas selbst beim
Stuttgarter Oberstaatsanwalt Ratzinger abgab. Dieser meinte jedoch,
dass die Daten alle gefälscht sein könnten und Jonathan doch nicht
im Ernst hoffen würde, er könne so mir nichts dir nichts, den
ehrenwerten, über alle Zweifel erhabenen Justizminister, den
wohltätigen, bewährten Herrn Immo-Professor und den rechtmäßig
über ihn gesetzten Bankdirektor, dessen Posten er nur begehre, vom
Sockel stoßen. Beim Verabschieden wunderte sich Jonathan über die
Art des Handschlags von Wicked-Oz und Ratzinger. Später erkannte er
den gleichen Händedruck bei dem der katholischen Kirche beitretenden
britischen Premierminister.
Das
war eine Lehre für den Glaubenshelden, die ihn daran erinnerte, dass
man sich nicht auf Menschen verlassen darf und Gerechtigkeit oft erst
durch das letzte Gericht Gottes, des Richters der Menschheit gewirkt
wird.
Für
Scharkfisch, der zwar die Wahrheit gesagt hatte, aber trotzdem log,
war die Apokalypse angebrochen. Der unerreichbare Professor Kempe
hatte sich in seine Ferienvilla nach Sizilien abgesetzt und gab durch
den Mittelsmann Max-Moritz zu verstehen, dass er bei dem
südafrikanischen Golddeal mit der äthiopischen Mafia selbst übers
Ohr gehauen worden wäre und nichts mehr ändern oder wiedergutmachen
könnte. Viel schlimmer für Scharkfisch wirkte sich jedoch aus, dass
das Schatzmeisterpendant Straussinger von einer unbekannten Person,
die Zugang zu hochexplosiven Bankdaten haben musste, wegen illegaler
Parteispenden und Waffengeschäften anonym erpresst wurde. Dieser
mutmaßte, dass es sich dabei um Jonathan Fischer handelte, der es
gewagt hatte, ihn bei ihrem gemeinsamen Partei- und Logenfreund
Ratzinger anzuzeigen. Es könne aber noch viel schlimmer kommen, weil
der Verräter in den eigenen Reihen stecken könnte, da auf dem
Ausbeuterschreiben das Logo des Veritas-Geheimbundes aufgetaucht war.
Wenn Gebhart nicht innerhalb von einem Tag, dafür Sorge trägt, dass
der Erpresser zum Schweigen gebracht wird, könnte es ihn den eigenen
Kopf kosten. Äußerste Panik machte sich bei Scharkfisch breit, der
abermals Jagd auf Fischer machte. Der paranoide Schizophrene setzte
sich in der Nacht vor Jonathans Wohnung auf die Lauer, um ihn beim
Erscheinen seiner Silhouette zu liquidieren. Diesmal zerstörte der
zitternde Kunstschütze mit dem von Straussinger beschafften G22
Gewehr zur Abwechslung die Fensterscheibe von Jonathans Schlafzimmer
und versetzte damit der laut, wie am Spieß schreienden Magdalena
Osiris-Ra den Schreck ihres Lebens. Glück im Unglück für sie war,
dass sie lediglich einen Streifschuss am Gesäß ab bekam.
Scharkfisch erkannte an ihrem lauten Gequike, dass er das falsche
Opfer ausgewählt hatte und suchte das Weite. Die sofort eingeleitete
Hubschrauberfahndung nach einem weißen Mercedes brachte ihn jedoch
schnell in den Stammheimer Hochsicherheitstrakt. Frankenstein, der in
der Nachbarzelle herbergte, kündigte bei seiner Einlieferung an,
Scharkfisch an den Angelhaken zu nehmen, sobald er ihn beim Freigang
in die Finger bekommt. Und in der Tat lebte Scharkfisch nur noch
wenige Stunden. Wie von unsichtbarer Hand gesteuert öffneten sich in
der Nacht die beiden Stahltüren, so dass der wütende Frankenstein
in Sekundenschnelle begann, seinen Mitinsassen in der Nachbarzelle in
seinen Händen zu wiegen und dessen Kopf abwechselnd in ein mit
Wasser befülltes Waschbecken unterzutauchen. Der verängstigte
katholische Fürst Gebhart flehte um Gnade und begann, eine durch die
Folter erzwungene Beichte seiner Schandtaten vor dem ihn bedrohenden
Taufpaten abzulegen. Er beruhigte Frankenstein, dem er viel Geld und
Macht versprach, mit zahlreichen unglaublichen Mysterien aus seiner
Freimaurerloge. Der Geheimnisverräter berichtete von gescheiterten
U-Boot Lieferungen und deren wahren tödlichen Folgen, von geglückten
Fuchs Spürpanzerlieferungen und deren finanzielle Segnungen, von
erfolgreich verschobenen Ölraffinerien und anderen
Milliardengeschäften bei denen er und seine Bundesbrüder mitgewirkt
hatten. Der immer größeren Unfrieden verspürende Gebhart fühlte,
dass seine Lebensuhr ablief, und es an der Zeit war, ein
Schuldbekenntnis abzulegen. Darum drängte es ihn, bei dem
Beichtvater Frankenstein Buße zu tun, für seine vielen Sünden. Er
entschuldigte sich für den Goldbetrug und viele weitere Verstöße
gegen die zehn Gebote. Gewiss würde er versuchen, das Unrecht bei
all den geschädigten Menschen wieder gut zu machen. Er bat Gott um
Vergebung für seine Vergehen, damit dieser seinen Geist schneller
annimmt, und er nicht zu lange im Fegefeuer geläutert werden muss.
„Um aus dem Fegefeuer herauszukommen musst du schon sieben
Milliarden Rosenkränze beten und mir siebzig Milliarden Lire als
Ablasszahlung leisten“, scherzte Pater Stein, ehe er von
ununiformierten ininformierten Agenten, die das Gespräch, wo auch
immer, abgehört hatten, jäh unterbrochen und zum Trost, durch ein
Quantum Ofsolacecyclobarbital betäubt, zurück in sein
007-Zahlen-Verließ verfrachtet wurde.
Am
nächsten Morgen fanden die James Bond Möchtegern-Geheimdienstler
nicht Frankenstein ermordet, sondern Scharkfisch tot in seiner Zelle
vor. Laut Presseberichten hatte er eine Überdosis Digitalis
eingenommen, die in einem schwarz-goldenen Siegelring versteckt war.
„Komisch, trug er überhaupt so einen Ring, und wie konnte er so
schnell obduziert werden?“, fragte Jonathan den aufmerksamen
Elymas, der gerade an einem ähnlichen Exemplar an seinem Finger
spielte, als beide im Frühstücksfernsehen davon erfuhren.
Von
größerer Bedeutung war für den keine Antwort erhaltenden Fischer
und den illuminierten Gentleman Wicked-Oz, die im Marienhospital auf
dem Bauch liegende, verletzte und angebetete Maggie, mit der Jonathan
aufgrund seines Versteckspiels viel zu wenig Zeit verbringen konnte.
Die beiden Verehrer und neuen Freunde besuchten und trösteten sie
gemeinsam. Jonathan hielt rechts am Bett das Händchen und Elymas
links. Das kam dem Kriminalkommissar Sherlock Colombo gerade recht,
der zum Verhör von Magdalena ins Krankenzimmer eingetreten war. Nach
mehreren Fragen an die Anwesenden war für den Querdenker der Fall
gelöst. Der tote Scharkfisch war nicht nur für ihn der mehrmalige
Bösewicht. So riss es niemand vom Hocker, als ausgerechnet der
Oberstaatsanwalt Johannes Ratzinger den aufgedeckten Goldskandal
publik machte und alle Übeltaten, der sich nicht wehren könnenden,
in Windeseile eingeäscherten Leiche, angekreidet wurden. Der
mitwissende Aufsichtsratsvorsitzende der Bank, Professor Karl Kempe
kehrte nach ein paar weiteren hoch bezahlter Gehirnwäschen von
seinem Cefalu-Sizilienurlaub zurück, weil sein Stuhl nicht mehr
wackelte. Zum Ärger von Jonathan setzte „Karl der Große“ im
Aufsichtsratsgremium der Volksbank Denkenstadt eG einen von extern
kommenden, rotarierenden Vorstandsvorsitzenden durch. Dies war für
Insider abermals der Beweis dafür, dass Beziehungen bei der Vergabe
von Spitzenämtern wichtiger sind, als Abschlüsse, Fähigkeiten oder
Begabungen. Tatsächlich herrschte nach dem Wechsel nur kurzer
Frieden in dem in die Schlagzeilen geratenen Raiffeisen-Laden.
Nächtliche Einbrecher mit Schlüsselgewalt entwendeten die im
feuersicheren Tresor befindlichen, auf Mikrofiche verfilmten
Buchungsvorgänge aus den letzten sechs Jahren und steckten die im
Keller befindliche Papier-Registratur mit Material aus zehn Jahren so
gekonnt in Brand, dass das historische Fachwerkgebäude auf der
Stelle in Staub und Asche lag. Nichts desto trotz bekam die betrogene
Magdalena ihr verlorenes Geld in zweifacher Form von der
vorübergehend in Container auf dem Parkplatz hausenden Volksbank
zurück. Die geschickte Personalleiterin Octopussy sorgte neben der
Goldrückerstattung zusätzlich dafür, dass die Berufsgenossenschaft
den Schaden an dem Lamborghini und dem Opel bezahlte, da es sich um
einen Betriebsunfall Fischers handelte. Somit bekam Magdalena
666.000,- DM für ihr Gold, Elymas 514.000,- DM für den Lamborghini
und Jonathan 32.500,- DM für seinen Vectra aufs Konto.
Jonathan
bezog wieder seine Wohnung in Denkenstadt, weil er sich um Aaron,
sein Frettchen, kümmern musste. Denn der Hauswirt Elymas weigerte
sich, das ungeliebte Tier in der Dachgeschoßwohnung des
Leonhardsviertel aufzunehmen, da er ohnehin Hänsel und Gretel, das
rallige schwarze Katzenpärchen der weißen Hexe, versorgen musste.
Der entlastete und befreite Frankenstein durfte für eine Zeit das
dritte Zimmer in der Schloßstraße beziehen, und wenn man davon
absieht, dass die genesende Magdalena bald wieder in ihrem
Rotlichtviertel-Betrieb arbeitete und wohnte, schien alles bestens
für Jonathan zu laufen. Maggie, die Domina, verwies zunächst Elymas
angestellte Haushaltssklavinnen, die sowieso keinen Arbeitsvertrag
hatten, des Feldes und nahm für sich die erste Etage des
Edel-Ethos-Centers in Anspruch. Elymas baute seine
Dachgeschosswohnung in eine Praxis für christozentrisches Heilen um.
Der Esoterikladen im Erdgeschoß begann mit der Alpha Buchhandlung zu
kooperieren und verkaufte bevorzugt Bücher vom Johannis-Verlag.
Passend zu dieser Situation bekam Magdalena oder besser gesagt Elymas
eine powervolle gewichtige Idee. Sie wollten eine 33 Kilogramm
schwere Goldpyramide zum Gedenken an Ramses Ra und Lore Osiris
fabrizieren lassen. Diese würde dann in einem Kristalltresor im
Ladengeschäft ausgestellt werden, um noch mehr Kunden anzulocken.
Die Pyramide sollte ein abnehmbares Auge mit einem riesigen Diamanten
an der Spitze haben und in etwa so aussehen, wie das Spielzeug, das
George Herbert Walker Bush (Senior) für George Walker Bush (Junior)
anfertigen ließ. Elymas präsentierte dazu ein älteres Foto, das
die Präsidenten im Schlafzimmerbett mit der Spielzeugpyramide
hantierend zeigte. Der Grabeskammerverwalter Jonathan konzentrierte
sich angespannt und ließ nach einem weiteren Geistesblitz seine
Beziehungen spielen. Aus dem Kaufvertrag seines Mercedes an einen
Pforzheimer Goldschmied, fand er sofort die richtige Adresse für die
Beschaffung und Herstellung. Das einzige Manko war, dass das
Kunstobjekt aus dem historisch günstigen polnischen Gold, von ihres
Gebisses und Schmuckes beraubter Seelen gegossen und geschmiedet
werden sollte. Das begeisterte den die Hälfte der Kosten
übernehmenden Wicked-Oz umso mehr, und Maggie konnte wegen dem
unschlagbaren Angebot der unmoralischen Versuchung ebenfalls nicht
widerstehen. Gold und Geld stinken nicht und haben ihre Faszination
im Verlauf der Jahrtausende nicht eingebüßt. Der Schein trog ebenso
nicht, denn die magische Gold-Pyramide schien eine noch stärkere
Kraft auszustrahlen, als das zerstörte Immobilienobjekt am
Stuttgarter Trümmerberg. So war der Besucherzustrom im
Edel-Ethos-Center genauso stark, wie bei der neuen Ausstellung mit
metaphysischen Bildern von Caspar-David Friedrich in der Stuttgarter
Staatsgallerie.
Jonathan
konnte sich vor Arbeit kaum mehr retten, denn der Kundenandrang in
der Park-Haus Bankfiliale war aufgrund der Brandkatastrophe in der
Denkenstadter Hauptstelle gleichfalls enorm angewachsen. Dadurch
bedingt und durch die Androhung der eigenen Kündigung setzte er bei
seinem neuen Chef Rolf Schafpelz durch, dass die elektronische BGG
Bankkontakt-Geschäftspartner-Guthabenauswertung abgeschafft wurde.
Durch die Verbannung des Kontrollsystems mussten seine entlasteten
Mitarbeiter nicht mehr monatlich Rechenschaft über ihre
Geschäftsabschlüsse ablegen. Trotzdem war der Druck auf Jonathan
weiterhin so stark wie noch nie, weshalb der Workoholic in seinen
kurzen Schlaferholungsphasen spürte, wie er kurz davor war, einen
Burnout zu erleiden. Als er Georg Müller von seinem Arbeitspensum
erzählte, empfahl ihm dieser seine Ämter als Fraktionsvorsitzender
des Gemeinderats und Verwalter der Grabesstiftung niederzulegen.
Wahre Demut – Dienstbereitschaft – würde im Einsatz für die
Armen offenkundig werden, und nicht im Reden schwingen, vor Beifall
spendenden Totengebeinen. Deshalb solle er sich lieber am Bau von
Gottes Reich beteiligen, indem er an den Wochenenden in die gesegnete
Arbeit der Diakonie einsteigt. Außerdem wäre es besser, wenn er die
Finger von der sündigen Magdalena lässt, da diese wieder voll in
ihre alten Gewohnheiten abgedriftet wäre. Diese Vorschläge gefielen
dem Scheinheiligen überhaupt nicht. Dieser missionierende Pfarrer
konnte leicht reden, schließlich verdiente er lange nicht so viel
Geld wie er selbst. Der Ratsuchende wurde besonders verstimmt über
die zitierte Bibelstelle, der Mensch hätte keinen Nutzen, wenn er
die Welt gewinnt, aber sich selbst verliert und Schaden an seiner
Seele nimmt. Sollte das heißen Jonathan wäre nicht auf dem
richtigen Weg? Und dann wollte der Pfaffe, dass er sich über das
Sabbat Gebot hinweg setzt und am Sonntag in der Vesperkirche Essen
austeilt. Jonathan musste seinem Ärger laut Raum geben, indem er
Frankenstein von dem gesetzesbrechenden Vorschlag erzählte. Damit
war er jedoch an den Falschen geraten, denn Frank Stein hatte großen
Gefallen daran, selbst in der Leonhardskirche mitzuarbeiten,
schließlich hatte er jahrelang von dem Spitzenservice für
Bedürftige profitiert. Der versnobte Banker wäre nur hochmütig und
würde auf die Obdachlosen verachtungsvoll herab blicken, sonst würde
er mit ihm mitkommen. Zunächst einmal fuhren die beiden wirklich mit
dem Twingo an seinen Tippelbrüdern am Leonhardsplatz vorbei, jedoch
nur um Magdalena zum Jesus-Treff im Gospel Forum abzuholen. Jonathan
wäre viel lieber gewesen, wenn er wie in der Werbung als Adam und
Eva alleine in dem engen Verführungsgefährt gesessen wäre. Statt
dessen überzeugte der listige Schlangen-Teufel auf der verrückten
Rücksitzbank das Weib Magdalena davon, als Früchteausteilerin für
die zwischen modernen Konsumtempeln und dem Straßenstrich liegende
Vesperkirche mitzuwirken.
Bedingt
durch die sakrale Rockmusik der Beat Generation Band regte sich der
Händchen haltende Liebhaber wieder ab, obwohl sich die Atmosphäre
unter den 3.000 Zuhörern durch die packenden Beats weiter aufheizte.
Wie schön es ist, endlich einmal wieder in die Gegenwart Gottes
einzutauchen, dachte sich der seine Arme nach oben erhebende
Jonathan, bei einem ruhigeren abschließenden Stehbluesstück der
„Normal Betrieb“ Jugendlobpreisband zum Mitsingen. Der Missionar,
der nach Europa kam, in Form des Gastredners David Diao, betrat die
Bühne. Himmelsbürger Diao begann wiederum seine unglaubliche
Lebensgeschichte zu erzählen und warb für seine neu gegründete
„Schau auf Jesus“ Gemeinde. Jonathan genoss das Wiedersehen mit
Vera und David, die ihn vor der Bühne herzlich umarmten, während
viele andere Besucher Schlange standen, um ebenfalls einen Plausch zu
halten und eine schriftliche Einladung für die Sonntagsgottesdienste
zu bekommen. Doch erst wollte der Auserwählte seine abseits stehende
Herzallerliebste Magdalena mit dem Diao-Pastorenehepaar bekannt
machen: „Das ist mein neuer Sonnenschein Magdalena Osiris-Ra, mit
der mich der Herr fest zusammen geschweißt hat.“ „Dann pass gut
auf, dass du dich an der fruchtbaren Ägyptischen Heliosgöttin nicht
verbrennst. Wissen sie schon, dass Jesus für sie gestorben ist?“,
fragte die skeptische Vera, sich an die wenig erfreute Busenfreundin
wendend. „Mädchen, für mich sind schon viele Männer in den Tod
gegangen. Du brauchst dir auf deinen beinahe ermordeten Wundermann
nichts einbilden und wirst sehen, wenn ich etwas anpacke, dann aber
richtig. Stimmt´s Jonathan?“ Der an Diablo- und
Reiki-Zusammentreffen Erinnerte löste wohlweislich die Unterhaltung
auf: „Ja ganz gewiss. Du bist die Allerallerbeste, liebste Maggie.
Komm, wir wollen die anderen Leute nicht weiter warten lassen.“
Zum
Glück kam gerade Markus Ruf angelaufen, der Jonathan auf die
Schulter klopfte: „Endlich sehe ich dich wieder hier. Wurde auch
Zeit. Sag mal bist du vom Glauben abgefallen?“ „Gibt es heute
Abend nur witzige Bemerkungen, die ich überhaupt nicht komisch
finde? Durch mich hat sich Maggie, Elymas und Frankenstein bekehrt.
Sieht denn niemand was für ein toller Evangelist ich bin?“, wollte
Jonathan spöttisch wissen. „Moment mal, den Ruf Gottes, habe ich
durch Markus, den katholischen Kirchendiener verspürt. Jesu Liebe
drückt sich nämlich zuallererst durch die Armenspeisung aus“,
befand Frank Stein und der ebenfalls hinzu gekommene Wicked-Oz
bekannte: „Und ich folge der kosmischen Lebenskraft, um mehr Macht
zu bekommen und Maggie zu imponieren.“ „Und ich habe Jesus
Christus als persönlichen Heiland angenommen, nachdem mir Müllers
sieben unreine Geister ausgetrieben haben“, bezeugte Magdalena. „Ja
und die sind alle nach einer viertel Stunde mit ein paar zusätzlichen
Kumpanen in dein Haus zurückgekommen“, war die zweistimmige
theologische Erkenntnis vom grinsenden Wicked-Oz und verhöhnenden
Frankenstein. Das war des Guten zu viel. Das Treffen löste sich auf.
Im Rotlichtviertel gab Jonathan Magdalena zur Posse den letzten
minutenlangen Zungenkuss, was den hinten sitzenden Frankenstein vor
Eifersucht zur Weissglut reizte. Doch bei dem Dreitürer gab es außer
der Heckklappe keine Möglichkeit durch die das tobende Biest hätte
entfliehen können.
Der
rechtzeitig in seinem BMW ankommende Ersthelfer Elymas schritt durch
wilde Odin-Schreie Frankensteins alarmiert zur Tat und öffnete die
Beifahrertür: „Nennst du das lediglich Händchenhalten? Nun komm
heraus. Halte dich an die Abmachungen. Ich habe noch fünf Monate
Zeit.“
Jonathan
hätte nie gedacht, dass er in dieser Nacht Magdalena verlieren
würde. Weniger Verwunderung würde sich bei ihm auslösen, falls der
die Ruhe störende Frankenstein sein Heim verlässt. Dieser Nervtöter
legte nämlich bei der Rückkehr in die gemeinsame Behausung eine
geheime Videocassette ein, die ihm Elymas Wicked-Oz zugespielt hatte.
Darauf befanden sich die versautesten Aufnahmen, die man sich nur
vorstellen kann. Jonathan hatte sich längst abgewöhnt
pornographische Filme anzuschauen. Er fühlte sich viel besser dabei,
wenn er seine tierischen Triebe kontrollierte, anstelle sich von
diesen beherrschen zu lassen. Deshalb machte er sich vom Schlafzimmer
auf den Weg zum Fernseher, um das Gestöhne abzustellen. Dann traute
er seinen Augen nicht. Hier handelte es sich nicht um
Porno-Darsteller, sondern um Max-Moritz Straussinger und Karl Kempe,
die sich gefesselt abwechselnd von einer befehlenden Domina
auspeitschen ließen. Frankenstein hatte wie diese die höchsten
Sadomachismus-Lustgefühle, als er die schmerzvollen Abläufe
verfolgte. Kann es so etwas unter zivilisierten Menschen geben? Die
beiden Verbündeten ließen sich als Adolf Hitler und Benito
Mussolini verkleiden und spielten ihren eigenen qualvollen Untergang
nach. Den Motorsport Fan wird dies weniger erstaunen, da solche Dinge
von anderen bekannten Verbandsbossen unlängst in die Öffentlichkeit
gedrungen sind. „Was könnte passieren, wenn die kompromittierenden
Aufnahmen an Pressevertreter verkauft werden?“, erkundigte sich
Jonathan. „Das wäre dumm. Elymas hat viel mehr Macht, wenn er die
Kopien an die stupiden Sex-Masochisten schickt und sie erpresst“,
meinte Frankenstein und fuhr fort: „Was denkst du, wie er über
dich die Kontrolle gewinnt, wenn du mit Sado-Maso-Maggie verheiratet
bist.“ „Sprich nicht so über sie, sonst fliegst du raus“,
ärgerte sich Jonathan. „Hast du denn nicht erkannt, dass sie die
heimlich aufgezeichnete Taktgeberin im Video ist?“, fragte
Frankenstein. „Nein, das kaufe ich dir nicht ab. Diese schwarz
maskierte Latex-Corsage-Trägerin hat zwar eine gleich geartete
Oberweite, ist aber bestimmt nicht Maggie“, hoffte Jonathan. „Es
ist ja richtig, wenn du auf das Gute im Menschen zählst, aber Leute
die in Armut leben, und wie ich auf der Straße gelandet sind, kennen
das wahre, schmerzhafte, bittere Leben“, behauptete Frankenstein,
der das Band vorspulte. Die nächste Szene spielte sich bei Vollmond
auf einem Gräberfeld ab und wurde von einem Baum herunter gefilmt.
Diesmal war Frankenstein in miserabler You Tube-Qualität selbst
Film-Acter, der sich als Wicca-Hohepriester nacheinander in einer
wilden Sex-Orgie über zwölf unter Drogen stehende Hexen hermachte.
Die schrecklichste Gräueltat wurde danach in der zur Metzgerei
verwandelten Aussegnungshalle vollzogen. In dem am Eingang von zwei
Flügellöwen bewachten, wie ein Tempel aussehenden, altertümlichen
Säulengebäude, wurde von schwarz Vermummten unermesslich viel
Schweineblut in einen Sarg gegossen. Die widerwärtigsten,
bestialischten Handlungen vollbrachte dabei klar erkennbar ein
Jonathan bekanntes, total aufgegeiltes Satanisten-Pärchen, deren
nacktes Fleisch in wärmenden Lebenssaft zu ertrinken schien. Die
ebenfalls in Ekstase geratenen Gaffer begannen sich niederkniened an
in Blut getränkten Widerchrist-Obladen zu ergötzen, um sich wieder
erhebend, abwechselnd an einem goldenen, mit Edelsteinen besetzten
Dämonen-Wein-Kelch zu berauschen. Gibt es so etwas Abscheuliches?
Lieber Leser, ängstige dich nicht und forsche nicht nach, denn es
handelt sich hier um einen Fiktionsroman.
Jonathan
war so schockiert wie noch nie in seinem Leben. Die Tränen kullerten
pausenlos über seine Backen: „Frank, ich wäre dankbar, wenn du
gehst und mich alleine lässt. Ab heute ist Schluss mit Magdalena.
Bitte nimm dieses verfluchte Band mit und gib es Elymas zurück. Ich
gebe auf. Er hat den Kampf um Fräulein Osiris-Ra gewonnen.“ „Zu
Befehl Meister. Sei nicht traurig. Diese tollwütige Maggie ist eher
ein Weib für mich. Warte noch ein bisschen und du wirst mehr Erfolg
beim anderen Geschlecht haben“, lautete der Abschied des seinen
Koffer schnappenden Sex-Monsters.
Jonathan
war endgültig am Ende und wollte nicht mehr leben. Scheinbar hatte
Gott keine Lust, sein größtes Verlangen zu erfüllen. Darum schwor
er beim Opferaltar, Magdalena nie wieder unsittlich zu berühren. In
Zukunft wollte der Single sich an den Ratschlag von Paulus halten,
indem er nicht krampfhaft versucht verheiratet zu werden. Außerdem
würde er sich wieder mehr für den Bau von Gottes Reich einsetzen,
und danach trachten den Willen Gottes zu tun.
Der
deprimierte Jonathan meinte deshalb zu wissen: „Wenn der Teufel
einen ärgert, schlägt man am besten mit einer hohen Geldspende an
ein christliches Werk zurück.“ Darum nahm der „geisteskranke
Selbstmordkandidat“ am nächsten Tag einen Scheck über 100.000,-
DM in die Raichberg Realschule als Opfer mit. Die auf fünfhundert
Besucher angewachsene evangelische Freikirche traf sich zum
sonntäglichen Gottesdienst in der brechend vollen Turnhalle des
städtischen Gebäudes. David Diao predigte darüber, dass Jesus
immer im Zentrum stehen muss und die Augen der Gläubigen stets auf
ihn gerichtet sein sollen. „Wie recht er doch hatte“, ging es dem
in der ersten Reihe sitzenden Jonathan durch den Kopf, der gerade
dabei war, einen innerlichen Zerbruch durchzumachen und seinen
Seelen-Frieden wieder zu erlangen. Plötzlich tauchte Elymas auf und
besaß die Frechheit, sich neben ihn hinzusetzen: „Was ist los mit
dir Meister? Willst du die Flinte ins Korn werfen?“ „Ganz genau.
Ab jetzt folge ich radikal Jesus nach und stelle mich ihm als
lebendiges, Gott wohlgefälliges Opfer zur Verfügung. Magdalena
kannst du behalten“, damit glaubte Jonathan den Zauberer
loszuwerden. Doch der dachte nicht daran zu gehen. Im Gegenteil,
dieser griechisch stämmige Deutsche fing an sich mit Pastor Diao am
Ende der Versammlung angeregt auf Chinesisch zu unterhalten. Er
behauptete, in der Nacht weibliche Engelserscheinungen mit Namen
Licht und Donner gehabt zu haben. Diese hätten ihn an den
Eingeweiden operiert, so dass er die Gabe in anderen Zungen zu reden
bekommen hat. Der himmlische Diao war außer sich vor Freude und
selbst Vera begann, den christlichen Zauberer wegen seiner
Sprachbegabung aus der Distanz zu bewundern. „Was hast du denn
Jonathan? Du schaust so traurig aus“, erkundigte sich die
Feinfühlige bei ihrem langjährigen Bekannten. „Du hast recht
gehabt mit Osiris-Ra. Sie ist eine Nummer zu groß und viel zu heiß
für mich. Hier bitte, nimm den Scheck. Ich möchte euch und die
Gemeinde segnen“, seufzte der einen Briefumschlag übergebende
Missionspartner. Als Jonathan am Abend von einem stundenlangen
Spaziergang heimkehrte, war sein Anrufbeantworter voll gesprochen.
Vera war außer sich vor Freude, bedankte sich für die Geldspende
und lud ihn am nächsten Morgen zum Frühgebet ein. Die zweite
Anruferin Magdalena erzählte zehn Minuten lang wie toll ihr
gemeinsamer Einsatz mit Frankenstein in der Vesperkirche war. Der
geknickte Verehrer löschte die Aufzeichnung, da er ihre Stimme nicht
mehr hören konnte. Der Schmerz saß zu tief.
„Oh
Mann, ich muss wirklich übergeschnappt sein, weil ich um 5.30 Uhr
aufstehe, um mich mit einem des Landes verwiesenen Chinesen zu
treffen, dessen lautes Gekrächze wie ein Gockelhahn die ganze
Nachbarschaft aufweckt“, ging es Jonathan durch den Kopf, als er
sich mit David, Vera, Martin Peter und Reinhild in deren Heumadener
Hobbyraum an den Händen fasste. Doch irgendwie kam durch das
abwechselnde Bekennen von Bibelstellen neuer Lebensmut und eine kühne
Entschlossenheit auf den Gotteskrieger. Jonathan sah unvermittelt in
seinem inneren Auge den Gebäudekomplex des Möhringer SI-Centrums
und schien zu betrachten, wie die stehenden Besucher der aus den
Nähten platzende Freikirche sich gemütlich in die roten
Samtklappsessel der Musical Hall setzten. Als er den geistlichen
Eindruck weitergab, bekam er einstimmig das Amt des Schatzkanzlers
zugedacht, der sich um die zukünftige Hallenanmietung kümmern soll.
„Du wirst sehen, wenn das spirituelle Bild vom Heiligen Geist ist,
bekommen wir prompt die Zusage“, zeigte sich Martin Peter sehr
optimistisch. Jonathan begann sein Wandel mit Gott wieder mehr Spaß
zu machen, denn das Hallenmanagement gab ihm sofort einen Termin beim
von allen Seiten umschwärmten obersten Chef. Der scheue Investor
wollte das Gebäude eigentlich nur ein- oder zweimal für 10.000,- DM
zur Probe mieten. Hop oder top lautete dagegen die Devise des
solventen Rolf Deyhle, der die Option gab, bei Gefallen den Miss
Saigon Theater-Saal zum Festpreis von 100.000,- DM für vier Monate
Sonntag morgens zu buchen. Jonathan hatte sich schon so gut an die
Rolle des wahnsinnigen, bürgenden Bank-Spenders gewöhnt, dass er
diesen Anteil ebenfalls übernahm. Die Beliebtheit und Achtung bei
seinen China-Freunden stieg dadurch enorm. So trafen sie sich
weiterhin zum Frühgebet und warteten auf charismatische Eindrücke.
Montags bei Anrichs, Mittwochs bei Diaos und Freitags morgens in
Jonathans Wohnung.
Der
nächste Impuls von Jonathan war, Tobi Veigel und Simon Wörner zu
fragen, ob sie mit ihrer Band Beat Generation nicht den Musikteil der
Treffen übernehmen, was zusätzlich für Popularität sorgte.
Außerdem wurde nach dem Gottesdienst ein kleiner kostenloser Imbiss
aufgetischt und kräftig in der U-Bahn und auf Littfaßsäulen
Reklame gemacht. So wuchs die Versammlung innerhalb von zwei Wochen
auf 2000 Besucher an. Die meisten davon waren Christen, die ihren
Heimatgemeinden den Rücken zukehrten, weil sie den moderneren,
nobleren Gottesdienst bevorzugten. Deshalb hatte der evangelische
Pastor Müller gar keine Freude an Jonathans Werbeideen und
verurteilte am Telefon scharf die amerikanisierten pfingstlerischen
Auswüchse. Es wäre nach wie vor viel besser für den
Fischer-Jesusjünger, so wie Magdalena und Frankenstein in der
diakonischen Vesperkirche mitzuarbeiten. Der dachte dagegen nicht
daran ins Leonhardsviertel zurückzukehren. Er vermied es peinlichst,
Kontakt mit Magdalena zu führen und nahm den Telefonhörer nicht ab,
wenn ihre Nummer auf dem Display angezeigt wurde. In einem längeren
Brief hatte Jonathan seinem Schwarm versucht zu erklären, warum es
besser ist, sich vorerst nicht mehr zu sehen und Abstand voneinander
zu gewinnen.
Im
Gegensatz dazu ließ sich dieser aufdringliche Wicked-Oz einfach
nicht abschütteln, indem er einen weiteren Fuß in die evangelische
Freikirche setzte. Elymas erreichte durch seine Beziehungen, dass das
SWR-Fernsehen einen positiven Bericht über die „Schau auf Jesus“
Gemeinde ausstrahlte. Er gewann seinen abspeckenden Patienten, den
Justizminister Max-Moritz Straussinger, als Schirmherrn und
Gastredner für den Gottesdienst. Anscheinend war diesem im Healing
Room – Heilungsraum – des Edel-Ethos-Center ein zu kurzes Bein
heraus gewachsen, was den politischen Wahlkampf-Prediger veranlasste
unter dem Jubel der Zuhörer lautstark zu verkündigen, dass Gott
heute noch heilt. Ferner bekam der mit David Diao bevorzugt Mandarin
sprechende Geschäftsmann Elymas die Genehmigung vor und nach dem
Gottesdienst die Johannis-Verlag Bücher seines mobilen Ladens zu
verkaufen. Das gefiel dem die Unterhaltung nicht folgen könnenden
Kassenwart Jonathan überhaupt nicht, weil ihm Tempelgeschäfte
suspekt waren, und er viel lieber den Charisma Shop als Lieferanten
gehabt hätte. Ähnlich wie Jonathan brachte Elymas viele fruchtbare
Ideen für die Gemeinschaft ein, so dass er kurzerhand ebenso in das
Leitungsteam des eingetragenen Kirchen-Vereins aufgenommen wurde. Der
Zauberer war Fan von christlicher Literatur, die lehrte, dass man
alles bekommen kann, was man will, wenn man nur glaubt. Seine
Favoriten waren „Kraft des positiven Denkens“ von Norman Vincent
Peale und „Die vierte Dimension“ von Jonggi Cho. Deshalb schlug
Elymas anhand dem erfolgreichen südkoreanischen Vorbild vor, unter
der Woche Zellgruppen mit 13 Personen abzuhalten und für die
Leiterschaft eine Multi-Level-Struktur einzuführen. Außerdem
sponserte Wicked-Oz eine Studienreise in die USA zur Oral Roberts
University und Christal Cathedral Megachurch von Dr. Robert H.
Schuller. Die dreizehn erfolgreichsten Zellgruppenführer, die es am
schnellsten schafften ihre Hauskirche in eine ebenso Große zu
dividieren, wurden eingeladen vierzehn Tage durch die USA zu reisen.
Ausgerechnet der junge Katholik Markus Ruf, der in dem Kraftsportler
Christoph Ziegler seinen eifrigsten Mithelfer heranzog teilte das auf
24 weitere Besucher angewachsenes Freitags-Wohlfühl-Treffen schon
bei der nächsten Möglichkeit. Das war kein Wunder, denn die
angeheiterten Veritas-Burschenschaft Studenten trafen sich in der
Tübinger Wohnheimbar im Keller. Als Nachweis sollte sich jeder
Teilnehmer verbindlich registrieren lassen und einen plumpen
Meinungs-Fragebogen ausfüllen. Ferner musste jedes Treffen nach
Themen und Mitglieder dokumentiert werden. Die Einwände von
Jonathan, dass diese Überwachungs- und Nachforschungsmethoden an die
Scientolgy „Kirche“ erinnern wurde von Himmelsbürger Diao
abgeschmettert. Schließlich musste man in der Dreiselbstkirche in
China ebenfalls Meldebögen ausfüllen. Zudem konnte er damit
beweisen, die am schnellsten wachsende, protestantische
Bundesvereinigung Deutschlands zu leiten. Scheinbar vergaß der
„Himmlische Bibelkenner“ das Gottesverbot der Volkszählung, das
ein bekannterer David gebrochen hatte und einen schweren Fluch nach
sich zog. Die ganzen Kontroll-Aktivitäten begannen Jonathan immer
unheimlicher zu werden. Etwas besser behagte ihm die für Kinder neu
eingeführte Beard-Powell Boy and Girl Scout Groups, die in die gute
Obhut von Reinhild und Martin Peter Anrich gegeben wurden und sich
ebenso prächtig entwickelten. Leider gelang es Wicked-Oz bei den zu
Rittern geschlagenen Pfadfindern wiederum ein militärisches
Pyramidenführungsprinzip einzuführen, in dem gleichfalls alle
Aktivitäten von der mit Orden ausgestatteten Leiterschaft
dokumentiert werden mussten, um zu beweisen, dass in Stuttgart in
Rekordzeit der größte Pfadfinder-Stamm Europas aufgebaut wurde.
Jonathan
hätte nicht gedacht, dass in seinem nächsten Kundengespräch Ron,
der jüngste Elite-Pfadfinder der Vereinigten Staaten eine ebenso
auditive Rolle einnehmen würde. Maria Müller-Kempe saß in seinem
Büro in der Park-Haus Filiale und fing unvermittelt an, Herz
zerreißend zu weinen, als ihr Bankberater sich nach ihrem Befinden
erkundigte. Die Arme kam gerade aus ihrem sechstägigen
Italien-Urlaub zurück, den sie in einem Besserungscamp verbringen
musste. Scheinbar hatte sie den Wellnessurlaub und die mit
Vitamin-Präparaten verbundenen Saunagänge gar nicht genossen. Im
Gegenteil, denn sie beklagte sich über die von L. Ron Hubbard
eingeführten verrückten metaphysischen Lehren der Scientology
Sekte, denen sie zum Opfer gefallen sei. Ihr totalitärer Diktator
und Ehemann Karl Kempe wäre einer der führenden kosmischen Köpfe,
der sich in peinlich debiler Weise für eine Reinkarnation von
Mussolini hielt, und um seinen frei operierenden Thetan zu erreichen,
selbst seinen Schwiegersohn um die Ecke bringen würde, wenn er sich
nicht als clear erweisen würde. Sie wäre ja selbst schuld an ihrem
Unglück, weil sie nicht auf die Warnungen ihres Beichtvaters Fürst
vor dem als Luzifer und Engel des Lichts erscheinenden Bräutigam
gehört hatte. Ja, selbst Kinder würden in seinem sizilianischen
Psycho-Konzentrations-Lager, in liebloser verachtungsvoller Weise,
nur als kleine verbesserungswürdige Körper angesehen und
entsprechend geläutert. Bevor ihrem Leben ein Ende gesetzt wird,
wolle sie Jonathan in die kriminellen Machenschaften seines bösen
Aufsichtsratsvorsitzenden einweihen. Ihr Göttergatte Karl hätte aus
dem Tod von Gebhart Scharkfisch überhaupt nichts gelernt. Im
Gegenteil, als von Max-Moritz Straussinger eingesetzter neuer
Schatzmeister der Bundespartei würde er die dubiosen Machenschaften
seines Vorgängers noch verschlimmern. Am meisten bedauere sie
jedoch, dass Jonathan nicht zum Bankdirektor befördert wurde,
sondern ein korrupter Logenbruder ihres Mannes, der die
betrügerischen Immobiliengeschäfte im selben Stiel fortsetzen
musste. Sie verstehe nicht, dass im Denkenstadter Gemeinderat niemand
etwas gegen die gesetzlosen Machenschaften bei der Umlegung von
Bauland unternimmt. Der ehemalige Fraktionsvorsitzende Fischer
überlegte sich, ob er ihr weitere süffisante Schmiergeld-Details
über die Schaffung des Neubaugebiets und die Erteilung von Vorteil
gewährenden Baugenehmigungen und Krediten geben soll. Er zog es
statt dessen vor, in tröstender Weise seinen Arm um die
Bedauernswerte zu legen. Einen kurzen Moment schoss es ihm durch den
Kopf, dass die steinreiche Maria doch die Richtige für ihn wäre,
wenn sie sich vom niederträchtigen Kempe scheiden lässt. Doch
sofort erinnerte er sich an das letzte der zehn Gebote und an sein
Versprechen, nicht aktiv nach einer Ehefrau zu trachten.
Große
Gewissensbisse überkamen Jonathan, weil er sich nicht weiter um die
depressive Maria Müller-Kempe angenommen hatte, als er am nächsten
Morgen an der Arbeit erfuhr, dass sie sich vom 70 Meter hohen
Autobahnviadukt gestürzt hatte. Niemand seiner Kollegen, außer
Jonathan selbst, konnte sich erklären, warum die reichste Frau
Denkenstadts in den Tod gegangen ist. Bei ihrem letzten Abschied
hatte sie ihm ein verschlossenes Samsonite Köfferchen übergeben,
dessen Riegel er knacken sollte, falls ihr etwas zustößt. Betroffen
und aus Neugierde nahm sich Jonathan Freistunden, um die schwarze
Aktentasche mitzunehmen und zu Hause zu öffnen. Der Kopfarbeiter
bekam das heftig widerstandleistende Schloss nicht auf. Deshalb
durchtrennte er mit seinem Bosch Flex Winkelschleifer auf der
Terrasse den dicken Plastikmantel des Behältnisses. Als erstes stieß
ein Testament zum Vorschein, welches „Karl den Großen“
weitestgehend enterbte und die katholische Kirche als Nachlass
Begünstigten einsetzte. Ausgerechnet jetzt bekam er ungebetenen
Besuch von Rolf Schafpelz und Karl Kempe, die ihn schon von weitem
erspäht hatten. Der anstürmende Bankdirektor warf ihm vor, dass er
sich unerlaubter Weise vom Arbeitsplatz entfernt hatte, und der dem
Aufsichtsrat vorstehende Ehren-Professor riss die halbierten
familiären Kofferschalen samt Inhalt an sich. Schon am Nachmittag
wurde Jonathan Fischer schnurstracks von Octopussy die Kündigung
zugestellt. Die eidesstattlich bezeugte Versicherung lautete, er habe
Kempe bestohlen, geheime Kundendaten ungeschützt auf seiner Veranda
deponiert und Beihilfe zur Geldwäsche auf Marias Konto geleistet. In
der Tat hatte er vor einer Woche Dr. Wolfgang Baumeister, dem Leiter
der Innenrevision, telefonisch bestätigt, dass er über die
Schwarzgeldgeschäfte, der ihr schlechtes Gewissen erleichternden
Müller-Kempe, höchstpersönlich informiert wurde und nichts gegen
die weitere Verhinderung unternommen hatte. Der arme Jonathan, der
eigentlich reich war, wurde zur Höchststrafe von 100.000,- DM nach
dem Geldwäschegesetz verurteilt. Die ihn ehrenhalber aus dem
Gemeinderat verabschiedenden Parteigenossen versuchten ihn zu
ermuntern, da es sich hierbei lediglich um eine gemeinnützige Spende
handele, und er nur in Augen der öffentlichen Meinung vorbestraft
sei. Die Hauptschuld der bestechenden Vergehen wurde sowieso wiederum
der verleumdeten Leiche zur Last gelegt. Die rufgeschädigte, wie
eine leblose zerschmetterte Statue starrende Maria, deren gefestigter
Körper ohne vorige genaue Untersuchung mit extra Chemikalien für
die Familiengruft einbalsamiert wurde, konnte sich verständlicher
Weise nicht mehr zur Wehr setzen. Der Warnhinweis von John Todd, des
Phil Collins „In The Air Tonight“ Tour-Truck-Drivers, der gesehen
hatte, dass kurz vor ihrem Abflug zwei dunkle Gestalten, im
auffälligen Bentley Continental Cabrio, spät nachts auf dem
schmalen Standweg der weiten Brücke angehalten haben und den
Kofferraum öffneten, wurde genauso ignoriert, wie Jonathans
unverschämte ketzerische Behauptung eines katholischen Neuen
Testaments Marias, in dem nichts von ihrer Himmelfahrt, sondern von
dem mütterlichen Vermächtnis „Tut was er euch sagt“ steht.
Die
gelbe Post brachte als Götterbote darüber hinaus zusätzlichen,
unbequemen Schriftverkehr für Jonathan ins Haus. Der Stuttgarter
Notar Uwe Baumann konnte nicht mehr verantworten, dass Fischer die
Grabesstiftung führt, da heutzutage so viele Gelder von
Hausverwaltern veruntreut werden und Jonathan schließlich arbeitslos
wäre. Noch unverschämter war der Brief seines alten Parteigenossen
Max-Moritz Straussinger, in dem Jonathan von dem dazu gestoßenen
Kirchenbruder aufgefordert wurde, das Amt des Schatzmeisters
niederzulegen, da er ja vorbestraft wäre und aufgrund seiner
Geldwäscheaktivitäten für so ein verantwortungsvolles Amt
erwiesener Maßen unfähig wäre. Jonathan kochte vor Wut. Das
verfluchte Pyramidengrab konnte seinetwegen jemand anderes besuchen,
aber er selbst hatte doch mit seinen vielen guten Ideen die „Schau
auf Jesus“ Gemeinde ins Scheinwerferlicht gebracht. Sein nächster
Einfall sollte ihm zum totalen Durchbruch verhelfen und eine
Vollzeitanstellung in der Kirche sichern, dachte sich zumindest der
Science Fiction Held. Jonathan Fischer schaffte es tatsächlich, das
Daimlerstadion für 300.000,- DM an einem Wochenende zu mieten und
die berühmten Bußprediger Reinhard Hill und Steve Bonnke zu
engagieren. In seiner selbst gestrickten Erweckungs-Vorstellung
bekehrten sich 60000 Menschen auf einen Schlag und verhalfen ihm als
finanzierendem Organisator zu großem Ruhm und Ansehen. Das
Leitungsteam der Gemeinde unterstützte sein Vorhaben und freute sich
ungemein. Allein Elymas war ein bisschen beleidigt, weil sein
Vorschlag Billy Graham einzuladen und gleich noch die katholische
Kirche mit ins Boot zu nehmen abgelehnt wurde. Dafür freute sich
Wicked-Oz um so mehr, als der Stuttgarter Oberstaatsanwalt Ratzinger
das neue Gemeindebüro in der Talstraße besuchte und zahlreiche
Mängel entdeckte. Der gute Jonathan hatte vor lauter Arbeitsstress
keine Ordner für den Schriftverkehr angelegt und selbst die
Spenden-Kontoauszüge fehlten teilweise bzw. waren nicht
chronologisch abgeheftet.
Somit
wurde der untreue kirchliche Finanzverwalter Fischer als Kassenwart
untragbar und mit der Mehrheit der Männerstimmen seines
Vorstandspostens enthoben. Schließlich drohte sonst, die
Gemeinnützigkeit des eingetragenen Vereins verloren zu gehen. Noch
mehr schmerzte Jonathan der gemeinschaftliche Rat von David, Martin
Peter und Elymas, die Gottesdienste in der Musical Hall für eine
Zeit lang nicht mehr zu besuchen, bis Gras über die Sache gewachsen
sei. Das vereinende Frühgebet wurde sowieso abgeschafft, da David
Diao und Martin Peter Anrich vom Justizminister Max-Moritz
Straussinger in die oberen Regierungs-Kreise eingeführt wurden und
wie Elymas Wicked-Oz morgens lieber ihre Bilder in der Stuttgarter
Zeitung begutachteten. So waren die Kirchendiener bei nächtlichen
exklusiven Staats-Empfängen und im VIP Bereich des VFB Stuttgart
gern gesehene Gäste und konnten so das kommende
Evangelisationsspektakel im städtischen Stadion besser vorbereiten.
Vera und Reinhild wollten den Kontakt zu Jonathan nicht abbrechen
lassen. Sie trafen sich heimlich mit dem Gefallenen und beteten
scheinbar vergeblich für Gerechtigkeit. Letztendlich bestimmten ihre
Ehegatten unter dem Regime von Wicked-Oz, dass man sich mit
Verlierern besser nicht umgibt.
„In
der Not lernt man seine wahren Freunde kennen!“, brachte Jonathan
Aaron in der Speisekammer bei. Das Frettchen kostete es aus, mit
seinem Herrchen eine ausgedehnte Muße lang im Dunkel Versteck zu
spielen. Wenigstens seine lieben behinderten Eltern, die er eher
vernachlässigt hatte, hielten zu ihm. Auch die Familie seines
entfernt wohnenden Bruders Thomas freute sich über häufigere
Besuche. Die treue Witwe Hilde wollte ebenso nicht annehmen, dass an
den Rufbeschädigungen etwas Wahres dran war. Neben Markus Ruf, der
telefonisch bei der Stange blieb und alle Gemeinde-Interna weiter
gab, freute sich Pastor Georg Müller besonders über das wieder
gefundene verlorene Schaf. Der evangelische Mentor tröstete Jonathan
mit der Weisheit, dass je tiefer eine Person fällt, desto höher
könnte sie empor gehoben werden, da der sich selbst verleugnende
christliche Weg nach oben, immer erst in Demut nach unten führt. So
hätte der Herr Jesus Christus selbst behauptet, wer sein Leben zu
erhalten sucht, der wird es verlieren, und wer es verlieren wird, der
wird es gewinnen. Der Predigt folgend beteiligte Jonathan sich
tatsächlich bei der Essensausgabe in der Vesperkirche und nahm an
dem Schicksal der sozial am Rand stehenden Menschen teil, indem er
ihnen stundenlang zuhörte. Kaum hatte er Freude an dieser Tätigkeit
gefunden, ging sie vorüber. Der Winter war zu Ende, weshalb sich die
neun Wochen täglich öffnenden Pforten des Gotteshauses wieder
schlossen. Jonathan beschloss deshalb, die lieb gewonnenen Menschen
selbst auf der Straße aufzusuchen, und sie zum Essen in Gaststätten
einzuladen. Diese Großzügigkeit sprach sich schnell herum und
machte ihn zu einem modernen König der Bettler. Die Stimme Jesu
vermehmend, wollte er nicht so enden wie der reiche Mann in dem
Gleichnis mit dem armen Lazarus. Darum verband er oft die eitrigen
Wunden der Alkoholabhängigen. Er bezahlte sogar die
Tierarztrechnungen der leckenden Hunde und nützte Kontakte zur
Heilsarmee für Kleiderausstattung und menschenwürdigere
Übernachtungsmöglichkeiten. Jonathan teilte gemeinsam mit den
Jesus-Freaks, der Brothaus Gemeinde und den City Chapel Leuten
Samstag Nachts Wurstbrote und Teepunsch aus und befreundete sich mit
Robby Strobel von der BGG – Biblischen Glaubensgemeinde. Dieser
hatte tatsächlich die Hälfte seiner Hochzeitstorte an die von ihm
betreuten Junkies auf der Königstraße verschenkt. Sein
wöchentliches Suppentopfteam erfreute sich bei den Drogenabhängigen
immer größerer Beliebtheit. Dadurch inspiriert arbeitete Jonathan
in der zum Mülheimer Verband gehörenden Olgagemeinde mit. Die
Kirche mit Biss im Olgakeller versorgte die Bedürftigen mit einem
fast kostenlosen Essen verbunden mit einem geistlichen Input durch
Kurzpredigt und Lobpreis. Auf die Spitze trieb es der Jesusjünger,
der nicht wusste, wo er sein Haupt hinlegt, als er ohne Geld eine
Woche mit den Obdachlosen in einer Unterführung Platte machte und
sich selbst durchs Leben schnorrte. Damit war er endgültig einer der
ihren geworden und erhielt selbst von Frank Stein die größte
Anerkennung.
Dieser
Frankenstein sorgte gemeinsam mit Maggie anderweitig für mächtig
Furore, denn beide beabsichtigten das Rotlichtviertel zu bekehren.
Neben den evangelistischen Besuchen von Magdalena durch das
Verschenken des Jesus-Films und von Bibeln bei ihren Ex-Kolleginnen,
sorgte Frankenstein dafür, dass jeder Freier beim Betreten der
Freudenhäuser von einem dafür bezahlten Obdachlosen fotografiert
und abgeschreckt wurde. Bei den folgenden Prügelszenen mit den
Zuhältern behielt die Baseball schlägernde, glatzköpfige
Skinhead-Straßenfraktion die Überhand. Die Etablissements mussten
zwar nicht Insolvenz anmelden, da die Einnahmen des ältesten Gewerbe
der Welt sowieso nicht bilanziert und fast überhaupt nicht
versteuert werden, aber die Szene beschloss aufgrund der
Umsatzeinbrüche vor die Tore der Stadt zu ziehen. Die verbleibenden
Damen wurden seelsorgerlich vom Müllerpastorenehepaar betreut und
schafften größtenteils die Rückkehr ins geregelte Berufsleben.
Jonathan
konnte ebenso nicht weitermachen wie bisher, weil seine Rücklagen
aufgebraucht waren, und er sich nicht arbeitslos gemeldet hatte.
Deshalb nahm er die erstbeste geregelte Stelle an. Dem Rat seiner
Eltern folgend arbeitete er wieder bei einem Geldinstitut. Dieses Mal
bekam der schwer vermittelbare Vorbestrafte eine dienende Reich
Gottes Schaltertätigkeit angeboten. Der frühere Filialleiter half
vier Gehaltsstufen niedriger bei der EKK Evangelische
Kreditgenossenschaft eG als Servicemitarbeiter für Pastoren und
andere Kirchenangestellten mit. Süffisanter Weise wurde Elisabeth
Schätzle, mit der er sich gut verstand, seine zukünftige
Teamleiterin.
Viel
geliebte Leserinnen und liebe detailverliebte Schmökerer, um niemand
nach diesem Mammutkapitel weiter auf die Folter zu spannen, seid
gewiss, dass im zehnten Teil der Lebensfiktion von Jonathan Fischer
der Held der Story seine Traumfrau erkennt und heiratet. So viel sei
vom Betriebsgeheimnis verraten: Die Jonathan nahe stehende Person ist
dem Studierenden bereits bekannt!
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