Die
Reise nach England
Einen
Monat später trafen sich die bildhübschen Teilnehmer der
Abenteuerreise erneut in der Wohnung von Vera, um einen netten
Plausch zu halten und ihre Fotos auszutauschen. Helen Richards
erzählte Jonathan Fischer, dass sie seit kurzem den Gesang in einem
Schülerkreis anleitet und fragte ihn, ob er am darauf folgenden
Samstag mitkommen möchte. Das war ein doppelter Wink mit dem
Zaunpfahl auf den Jonathan sich nicht zweimal bitten ließ. Das
Gebetstreffen fand in der Wohnung eines Lehrers namens Otto Blümchen
statt, der auf einem Sindelfinger Gymnasium Ev. Religion, Englisch
und Sport unterrichtete. Außer den drei Erwachsenen hatten sich ein
Mädchen und drei Jungen seiner neunten Klasse eingefunden. Helen war
als Engländerin geradezu prädestiniert, den evangelischen
Religionslehrer zu unterstützen. Blümchen bat sie, einen
behandelten Bibeltext in reinstem Oxford Englisch vorzulesen und sich
anschließend mit ihnen, in ihrer Heimatsprache darüber
auszutauschen. Der wöchentliche Schülertreff begann, durch Helens
Mitarbeit weiter zu wachsen, und bald versammelten sich zwölf Leute.
Jonathan bekam die Idee, als bayerischer Schachmeister durch eine
Simultanveranstaltung mehr Schüler anzulocken. Sein neuer
Fürsprecher Otto buchte für Samstag ein Klassenzimmer und kurbelte
kräftig an der Werbetrommel. Die Tische wurden in dem Schulraum im
Viereck aufgestellt und vierzig Schachbretter darauf aufgebaut.
Jonathan befand sich stehend in der Mitte des Quadrats und begab sich
in Windeseile von einem Brett zum nächsten. In zwei Stunden war
Jonathan fertig und war bis auf eine Partie siegreich geblieben. Der
clevere Pfarrersohn Christoph Ziegler war nicht nur Mitglied in der
BGG Stuttgart - Biblische Glaubensgemeinde 1955 e.V. - sondern auch
im Schachverein SV Wolfbusch 1956 e.V. und münzte seinen
Bedenkzeit-Vorsprung in einen gekonnten Sieg um. Es war nicht
verwunderlich, dass Christoph in der nächsten Woche wieder kam, um
die Gemeinschaft mit Jonathan zu genießen. Erstaunlich war eher,
dass die Sindelfinger Wohnung von Otto Blümchen mit dreißig
Schülern brechend voll war. Der begehrte Single Otto war nicht nur
ein pädagogisch äußerst wertvoller Lehrer, sondern eine liebende
Vaterfigur die christliche Werte durch das eigene Leben vermittelte.
Einige
Eltern ließen sich von seinem Engagement ebenfalls überzeugen und
stellten sich zur Verfügung, wenn Chauffeure für
Alternativprogramme benötigt wurden. Fahrradausflüge, Wanderungen
und Grillfeste gehörten genauso zu den Programmen, wie ein
vierteljährlich stattfindender Jesus-Treff. Dreitausend Teilnehmer
versammelten sich regelmäßig bei lauter Rockmusik in einem neu
erbauten Gospelforum um More of God zu erleben. Die christliche Band
Beat Generation, deren Vocalist Tobi Veigel normalerweise durchs
Programm führte und Drummer Simon Wörner, der für durchschlagenden
Betrieb sorgte, organisierte den Event. Für Beat Generation war es
normal, mit mehreren Songs in den Charts vertreten zu sein, und die
christlichen Musiker waren kurz davor, die deutsche Ausscheidung zum
Eurovision Song Contest zu gewinnen. Denn als größten Erfolg
erreichten sie einmal den zweiten und einmal den dritten Platz bei
der Musiktelefonwahlsendung. Christen aller Konfessionen hatten sich
für sie die Finger wund gewählt.
Lehramtsreferentin
Helen bekam die Idee, eine Sprachreise an die Südostküste Englands
für die christlichen Englischpauker zu organisieren. Sie war mit dem
Pastor der Gemeinde des Königs in Ramsgate befreundet, dessen
Kirchenmitglieder gerne bereit waren, ihre Häuser für die
Sprachschüler zu öffnen. Blümchen trug die Möglichkeit anlässlich
eines Elternabends vor und stieß auf Begeisterung. In kurzer Zeit
hatten sich dreißig Schüler, von denen einige aus anderen Klassen
stammten, für den Sommerurlaub angemeldet, was die Kapazitätsgrenze
sprengte. Die zwei eifrigsten Besucher des Schülertreffs Christoph
Ziegler und Markus Ruf, ein Oberministrant aus der St. Nikolaus
Kirche, meldeten sich ebenso an, wie ihre drei erwachsenen Vorbilder
der Samstagtreffen.
Die
Reise führte mit dem Flugzeug nach London und weiter mit dem Zug
nach Ramsgate. Der bibeltreue Pfingstpastor Aaron Spelton hatte sich
alle Mühe gegeben, ein abwechslungsreiches Programm zu gestalten.
Neben dem täglichen Unterricht in einem der Sprachinstitute wurden
zahlreiche Ausflüge organisiert. Die in der Grafschaft Kent gelegene
alte Universitätsstadt Canterbury, die Tunnelausstellung und das
Schloss von Dover und ein Vergnügungspark in Margate waren beliebte
Ausflugziele.
Nach
dem ersten Sonntagsgottesdienst versammelten sich die Gasteltern mit
ihren Mitbewohnern zu einem Barbecue bei den Sportplätzen am Wembley
Park. Die überwiegend männlichen Schüler waren leidenschaftliche
Fußballspieler, wobei die Mädchen lieber mit ihrem Sportlehrer
Blümchen Volleyball spielten. Jonathan wohnte bei einem Junggesellen
namens Erwin Vilde, der das deutsch englische Fußballspiel zwischen
der Gemeindejugend und den Sprachschülern organisiert hatte. Die
Partie im Park Stadion gestaltete sich knapp und verbissen, doch am
Ende hieß es nach einigen umstrittenen Szenen 4 zu 2 für die
Engländer. Bedauerlicherweise trübte der grätschende Verteidiger
Vilde durch die abgewetzten Stahlstollen seiner Nike-Schuhe die
glückliche Atmosphäre. Der durch seine aggressive Spielweise
auffallende Erwin verschuldete an seinem Gegenspieler und Gast
Jonathan bei einem Tackling eine tiefe Schnittwunde am Oberschenkel,
was die Stimmung erheblich trübte. Der Deutsche Nationalstürmer
Fischer, der mit seinen Adidas-Fußballschuhen ein Tor des Jahres per
Fallrückzieher erzielt hatte, musste von Aaron Spelton schnell ins
Krankenhaus gefahren werden, um genäht zu werden.
Am
folgenden Montag bot sich für den lädierten Jonathan neben den
Sprachstudien die Möglichkeit, sich mit den anderen Urlaubern, am
Nahe des Fährhafens gelegenen kargen Badestrand zu erholen. Die
angehimmelte Helen hatte am Nachmittag einen kühlere Luft spendenden
Sonnenschirm mitgebracht und rieb ihm genüsslich mit einer
Bübchen-Sonnenmilch den Rücken ein. Der eine dunkle Sonnenbrille
tragende Patient ergötzte sich sichtlich an den Schattierungen ihres
perfekten Oberkörpers. Jonathan beglückte sich weiter an seiner
Umgebung mit den zwei englischen Abhängen, bis er nicht mehr wagte
sich umzudrehen. Der in seine Lutherbibel versunkene Blödelbarde
Otto schien etwas bemerkt zu haben, denn er fragte ihn unerwartet
ironisch, ob sein behandelter Schenkel noch verhärtet sei. Jonathan
entgegnete, dass ein steifer Unterarm, den er sich in einem
einwöchigen Spanischen Tenniscamp zugezogene hat, ihm mehr Probleme
bereiten würde. Das Ambiente und Klima an der frischen Seeluft in
Ramsgate wären überhaupt viel heilsamer, als die staubigen
Trainingszeiten mit seinen zwei Stammheimer Emmerholz-Clubfreunden
auf Mallorca. Die bezaubernde Helen rettete die Lage, indem sie das
Gespräch auf den von Theologen verworfenen himmlischen
Zufallsgenerator lenkte. Sie schwärmte vom
Bibel-schlag-auf-Finger-zeig-drauf-Spiel, machte ihre Augen zu und
deutete auf die Stelle: „Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems:
Was wollt ihr wecken, was aufstören die Liebe, bevor es ihr
gefällt.“ Der am ganzen Körper braun behaarte Otto fuhr fort,
folgende altdeutsche Schrift zu verkünden: „Sieh nicht an seine
Gestalt noch an seine große Person, ich habe ihn verworfen. Denn es
geht nicht wie ein Mensch sieht: Ein Mensch sieht was vor Augen ist,
der Herr sieht aber das Herz an.“ „Meint er etwa damit mich?”,
arbeitete es in Jonathan, der seine modernere Senfkornbibel nahm und
den Minivers: „Besser offene Rüge als verborgen gehaltene Liebe!“,
aufschlug. Die Männer wollten aufhören, doch die Badenixe Helen
konnte sich nicht beherrschen, denn schon blätterte sie im Neuen
Testament, dem hinteren Teil der Bibel: „So sie aber sich nicht
mögen enthalten, so laß sie freien. Es ist besser freien denn
Brunst leiden.“ Lautes Gelächter erschallte. Der ein Netz
auswerfende Fischer nutzte den Moment aus und kam seinem Rivalen
Blümchen zuvor. Schnell entflechtete er absichtlich das berühmte
dreizehnte Kapitel des ersten Korintherbriefs aus seinen vielen
Registern und flüsterte: „Die Liebe erträgt alles, sie glaubt
alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“ Der besonnene Otto
berief sich zum Abschluss auf folgendes Zitat: „Trachtet am ersten
nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch
solches alles zufallen.“
Beim
Abendessen hatte Jonathan ganz schön schwer zu kauen, was nicht nur
an den zähen, überbrutzelten Schweine-Steaks seines heftig
tätowierten Kochs Erwin lag. Hatte Gott tatsächlich durch das
verrückte Spiel gesprochen oder war alles nur Blöff? Warum musste
er zum wiederholten Mal diese Reich Gottes Stelle gesagt bekommen?
Das Wichtigste in seinem Leben war gewiss doch, dass er endlich eine
Freundin bekommt. Na klar, den ersten Kurzvers musste er genau
beherzigen, indem er seine Liebe gegenüber Helen in einem passenden
Moment gesteht, sonst würden sie beide sicherlich vor Sehnsucht
früher oder später zerschmelzen.
Am
nächsten wolkenbedeckten Tag wurde anlässlich eines
Steilküsten-Spaziergangs entlang von sieben viktorianischen Buchten
das in Broadstairs gelegene Haus von Charles Dickens besucht. Es war
im Keller zum Seeräuber-Museum umgebaut worden und bat viel Einblick
in das Leben des Arbeiterkindes und Erfolgsautors von Oliver Twist
und David Copperfield. Jonathan schmerzte die Wunde an seinem Bein.
Er biss sich jedoch lieber die Zähne zusammen, um an der Seite der
schmucken Helen mitzuwandern. Am Liebsten hätte er ihr gleich einen
Freundschaftsring angesteckt. Bei der großen Gruppe ergab sich
jedoch für den Verliebten noch nicht die günstige Konstellation für
ein ungestörtes Zuneigungsbekenntnis.
Doch
zunächst erlebte Jonathan eine nicht für möglich gehaltene Reich
Gottes Erfahrung. Er meinte, dass der redende Herr der Schöpfung ihn
bei folgender Begebenheit selbst angesprochen hatte:
Ein
Höhepunkt der zweiwöchigen Reise war ein besonderer
Jugendgottesdienst in der Mitte der Woche. Becky Spelton, die
Pastorentochter leitete mit ihrer hohen Stimme eine Jugendband, in
die sich Helen Richards eingeklingt hatte. Es wurden eine halbe
Stunde lang englischsprachige Lieder vorgetragen, deren mit einem
Overheadprojektor an eine Leinwand geworfenen Texte, von den Schülern
leicht mitgesungen werden konnten. Anschließend versuchte die
siebzehnjährige Becky, das Wirken des Heiligen Geistes anhand vieler
biblischen Beispiele zu erläutern, was Jonathan interessiert am
zweiten Mikrofon ins Deutsche übersetzte. Am Ende wurden weiter
Gesänge angestimmt und Beckys Speltons Stimmbänder und Zunge fingen
an, in einer fremdartigen Sprache zu singen. Gino Padre, ein in Rom
geborener Schüler kam aufgeregt zu Jonathan gerannt und übersetzte
ihm folgende Sätze, die sich bei der Sängerin im Wechselspiel auf
italienisch wiederholten: „Meine lieben Kinder, reinigt euch, denn
bald werde ich große Wunder an euch tun. Ich werde meinen Geist über
euch ausgießen und ihr werdet weissagen und Träume bekommen.
Fürchtet euch nicht, denn so wie das Wasser die Meere bedeckt, wird
meine Herrlichkeit überaus schwer über euch sein.“ Jonathan
fragte Aaron, ob seine Tochter Italienisch spricht, was dieser
verneinte. Die gesungenen Sätze wurden von Gino und Jonathan Wort
für Wort an den Gastpastor Spelton weitergegeben. Aaron notierte
jede Einzelheit und meinte, dass Gott etwas ganz besonderes mit der
Europäischen Gemeinschaft vor hat.
Am
nächsten Morgen reisten die Stuttgarter Touristen mit dem Zug nach
London, um eine Besichtigungstour durchzuführen. Die Schüler
genossen den Blick vom Oberdeck eines der zahlreichen
Doppelstockbusse auf die vielen Sehenswürdigkeiten. Jonathan besaß
in seiner Nebensitzerin Helen die kompetenteste und charmanteste
Fremdenführerin. Sie kutschierten an der Tower Bridge und dem
Westminster Palast vorbei und hörten dazu die Glocken von Big Ben
läuten. Es gab zahlreiche interessante Plätze zu sehen, wie den
Parliamant Square und den Trafalgar Square bis sie den bekanntesten
Ort, den Buckingham Palace passierten. Sie hatten das Riesenglück,
einen Festtag zu erleben, an dem sich die Herrscherin Queen Elizabeth
II. in einem weißen Rolls Royce Phantom feiern ließ. Zahlreiche
Fotos, auf denen das königliche Staatsoberhaupt gut gelaunt den
Menschen zuwinkte, wurden von den erfreuten Schülern geschossen. Vor
dem chinesischen Mittagessen besuchte ein vornehmlich weiblicher Teil
der Gruppe Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, während die Männer
sich mehr für das London Transport Museum interessierten.
Eine
freie Nachmittagszeit wurde von Blümchen eingeplant, bevor die
Teilnehmer zu ihrem fünf Uhr Zug an die Victoria-Station
zurückkehren sollten. Otto erklärte, dass er großes Vertrauen in
die Schüler legt, wenn sie unbeaufsichtigt durch Londons Straßen
gehen, und er erwartete, dass sich jeder pünktlich auf den Rückweg
begibt. Helen nützte das Angebot, um eine Weile mit Jonathan alleine
verbringen zu können und lud ihn ein, ihre Heimatkirche in
Kensington Temple zu besichtigen und einen christlichen Buchladen im
Untergeschoss zu besuchen. Helen wollte Freicoupons von Kingsway
Music für eine „Champion of the World“ CD von ihrem Onkel Noel
Richards einlösen, und Jonathan interessierte sich für ein Buch mit
dem Titel „Bibellesen mit Vision“ von Rick Prince. Der zufällig
ebenfalls shoppende Hauptpastor Colin Dye begrüßte die zwei
freundlich. Als er hörte, dass Jonathan von Stuttgart kommt, empfahl
er ihm, die Autobiografie „In des Töpfers Hand“ von Paula
Gassner zu lesen. Die schwäbische Gründerin der BGG Biblischen
Glaubens Gemeinde hatte anscheinend in den dreißiger Jahren eine
Zeit in London verbracht und als Missionarin im Hyde Park gewirkt.
Das
brachte Helen auf die Idee, Jonathan in ein Cafe des großen Parks
der Landeshauptstadt einzuladen. Das Ausflugsziel hatte eine
Freiterrasse mit romantischer Aussicht auf einen künstlich
angelegten See, in dem ein turtelndes Schwanenpärchen seine Runden
schwamm. Jonathans Blick blieb an Helens rosa Bluse haften, deren
tiefer Ausschnitt seine Uroma von oben betrachtet als zu gewagt
ansehen würde. Er lenkte die Perspektive auf ein christliches Buch
von Derek Warren, das von einem Leben mit Vision handelte und beide
gelesen hatten. Ihm fiel eine Stelle ein, in der der Autor davon
berichtete, jahrelang an der Speakers Corner in London gepredigt zu
haben. Helen wusste, dass dieser Platz sich ganz in der Nähe befand.
Sie riefen den Kellner, bezahlten und spazierten in Richtung des
nordöstlichen Endes des königlichen Parks. Die Unterhaltung über
den New York Times Bestseller wiederholte sich sehr harmonisch, denn
sie stellten fest, dass sie in allen Lebensfragen übereinstimmten.
Jonathan schaute seiner flotten Gesprächspartnerin in die hellgrünen
Augen, nahm sein Herz in die Hand und fragte, ob sie seine Freundin
werden möchte. Helen gestand ihm, dass sie sich am Ende der
Albanienreise in ihn verliebt hatte, und sie ihn deshalb auch in
England dabei haben wollte. Das junge Glück fasste sich zufrieden an
den Händen, so dass ihrem einträchtigen Schicksal nichts mehr im
Wege zu stehen schien. Die zwei zärtlich Verbundenen nahten sich der
Stelle, an der jeder, der die Königsfamilie nicht in den Schmutz
zog, eine Rede halten durfte. Als sie Christoph und Markus unter den
Zuhörern entdeckten, ließen sie ihre Hände schnell wieder los. Die
Schüler, die beide einmal Theologie studieren wollten, lauschten, ob
jemand vom christlichen Glauben redete. Es hatten sich zwei
Menschenansammlungen gebildet, bei denen tatsächlich über andere
Weltreligionen gesprochen wurde. Die sich gefundene vierköpfige
Heilsarmee beschloss ein paar englische Worship Songs zu singen, die
Helen anstimmte. Wenige Leute blieben stehen und hörten zu. Diese
waren wahrscheinlich Christen, dachte sich Jonathan und nahm seinen
ganzen Mut zusammen. Er begann zu erzählen wie Gott sein Leben
verändert hat und welche übernatürlichen Abenteuer er erleben
durfte. Er versprach den Zuhörern, dass diese Gott persönlich
erfahren können. Dieser beherzte Auftritt imponierte Helen viel
mehr, als seine Schachkünste. Ein hinzugekommener obdachloser
Alkoholiker übergab im Gebet sein Leben an Jesus und fing an, heftig
zu weinen. Die neuen Freunde hätten ihn gerne weiter betreut, doch
die Zeit begann knapp zu werden. Nachdem sie ihm an einem Stand etwas
zu essen gekauft hatten, begaben sie sich in die Marble Arch Station
und betraten die einfahrende Untergrundbahn. Es war ihnen äußerst
peinlich, als sie nach einmaligem Umsteigen erst fünf nach fünf bei
Otto und dem anderen Teil der Schüler am Zentralbahnhof ankamen.
Denn sie waren dafür verantwortlich, dass alle eine Stunde auf den
nächsten Zug warten mussten. „Mein lieber Schwan!“, meinte Otto
Blümchen und die unangenehm berührte Helen Richards schämte sich
mit Jonathan Fischer um die Wette, da sie wussten, dass ein Leiter
immer mit gutem Beispiel voran geht.
Am
Abend traf sich das frisch verliebte Pärchen gemeinsam mit Otto im
Ramsgater Honeysuckle Inn Pub, um ein von Blümchen empfohlenes
dunkles Guinness Extra Stout Bier zu probieren, dessen starker
bitterer Geschmack dem „Sweet Couple“ nicht behagte. Sie
erzähltem dem Alkohol-Verführer, dass sie sich enger befreundet
hatten und erklärten ausführlich den Grund Ihrer Verspätung. Der
fesche und adrette Otto, der insgeheim auch ein Auge auf Helen
geworfen hatte, gab Ihnen den Ratschlag, mit dem Austausch von
Zärtlichkeiten nicht zu schnell zu weit zu gehen, da ein zu enger
körperlicher Kontakt bei Trennungen große Schmerzen verursacht. Er
zitierte aus dem Buch „Gott stiftet Ehen“ von Derek Warren, dass
Gott die von ihm bestimmten Gläubigen zusammenführt und als Paar
besonders segnet, wenn sie jungfräulich in die Hochzeitsnacht
eingingen. Helen fand es lustig, dass ausgerechnet dieser Autor
zitiert wurde und empfand dies als Bestätigung, dass Jonathan der
richtige Mann für sie sei. Was sie noch nicht wissen konnte war,
dass in der Tat ein Jahr später die Hochzeitsglocken für sie in
Ramsgate läuten würden.
Ein
weiterer Sonntagsgottesdienst mit herrlichem Gesang ereignete sich,
an dessen Ende Deborah Beesweet, die Gastmutter von Markus Ruf, einen
Eindruck den der Heilige Geist ihr gegeben haben soll, weiter gab.
Sie behauptete es gäbe einen Dieb in der Gemeinde, der wie der
Jesus-Jünger Judas heimlich Geld aus der Kasse nimmt und für sich
selbst abzweigt. Sie erinnerte an eine weltweit bekannte Vision eines
nigerianischen Endzeit-Propheten namens Daniel, der gesehen haben
will, dass verstorbene Angestellte von Kirchen und Werken in der
Hölle qualvolle Schmerzen erleiden, weil sie nicht Menschen, sondern
Gott selbst bestohlen haben. Jetzt wäre das reinigende Zeitalter in
der Gemeinde des Königs angebrochen. Der alles verzehrende Eifer
Jesu um sein Haus, den Tempel Gottes, der die Gläubigen selbst sind,
würde bald wie ein Feuer ausbrechen. Deshalb sollte der Missetäter
besser heute als morgen umkehren, ehe es wie bei Judas zu spät ist.
Aaron Spelton bestätigte sie, indem er mitteilte, dass ein
Einbrecher in der vergangenen Nacht eine Geldkassette entwendet
hatte. Falls dieser Langfinger unter den Anwesenden sei, solle er das
Geld zurückgeben und alles würde gut werden, weil Christen einander
vergeben und die Gnade über das Gericht triumphiert.
Helen
Richards begann vor den schockierten Zuhörern mit ihrer
leidenschaftlichen Stimme das Solo „Refiner´s Fire, Come To The
Mercy Seat“ von Charity Hill vorzutragen und Erwin Vilde, der in
der Gemeinde des Königs Ordner war, reichte den Opferkorb durch die
Reihen. Am Nachmittag traf sich Jonathan und ein Großteil der
männlichen Schüler in Deborahs Haus in der Pensacola Street, um im
Fernsehen ein Formel-1-Rennen zu verfolgen. Danach schauten sie den
Videofilm das Kreuz und die Messerhelden an, dessen zwei Kontrahenten
sie noch mehr als Damon Hill und Michael Schumacher beeindruckten.
Die wahre Begebenheit um den drogenabhängigen Gangleader Nicky Cruz
und den New Yorker Pastor David Wilkerson zog sie in den Bann.
Beesweet hatte die Idee eines gemeinschaftlichen Gebets, in dem die
Schüler ihr Leben Gott weihten und um Bewahrung vor schädlichen
Süchten baten. Ein weiterer harmonischer Tag neigte sich dem Ende
zu.
Jonathan
wurde von Erwin in dessen Wohnung zu einem feinen Ceylon Black Tea
eingeladen. Vilde, der einen Schuss Pusser´s Rum in seinen Pot
kippte, erklärte provozierend, dass die Engländer die feinen
Spitzen des in Sri Lanka wachsenden Pflanzenblattes importieren und
die deutschen Banausen nicht merken, dass sie die minderwertigen
Stängel in ihren Teebeuteln zusammen gemahlen bekommen. Jonathan
fiel während des weiteren Gesprächsverlaufs auf, dass der ehemalige
Skinhead Erwin eine starke Alkoholfahne hatte und innerlich verletzt
war, weil seine Großeltern bei einem deutschen Fliegerangriff ums
Leben gekommen waren.
Er
legte sich ins Bett, wobei ihm viele Gedanken durch den Kopf gingen.
Er begann, den Tagesablauf nochmals vor sich abzuspielen und bekam
warme Gefühle, als er sich an den Liedvortrag von Helen erinnerte.
Es war schade, dass er sie an diesem Tag nicht so lange sehen konnte.
Die weibliche Clique zog es vor, gemeinsam mit dem in Emden geborenen
Ostfriesen Otto eine Fahrt auf einem Schiffskutter zu unternehmen.
Trotz der kuscheligen Nickerchen-Hilfe in Form eines Ottifanten,
konnte Fischer einfach nicht einschlafen, weil er immer wieder an die
seltsame Prophetie von Deborah Beesweet erinnert wurde. Könnte es
tatsächlich einen Gauner in der Königsgemeinde geben? In dem Moment
hörte er wie Erwin die Wohnung verließ. Dies war ungewöhnlich,
denn es war ein Uhr morgens. Jonathan entschloss sich ebenfalls einen
Spaziergang zu machen und schlenderte in Richtung der Gemeinde. Das
Gottesdiensthaus befand sich im Zentrum von Ramsgate, da es ein
umgebautes Kino war. Der in Gedanken versunkene Nachtwandler wunderte
sich, weil er noch Licht im Gebäude brennen sah, das gerade
ausgelöscht wurde. Er staunte nicht schlecht als er sah, wie ein
Glatzkopf die große Tür des Eingangsbereichs verschloss. Er folgte
ihm unauffällig und beobachtete, wie dieser einen Gegenstand aus
seiner Tasche nahm, an sein Gesicht führte und in ein Gebüsch
schmiss. Das wollte er genauer untersuchen. Der Tatort-Kommissar
entdeckte eine leere Sangriaflasche. Die Sache fing an, ihm spanisch
vorzukommen. Zu Hause angekommen überraschte er den Satansbraten
Vilde im Speisezimmer, als dieser gerade einen Haufen Pfundscheine
auf dem Esstisch ausbreitete. Sie schauten sich beide eine lange Zeit
schockiert in die Augen, bis Erwin zusammenbrach und bitterlich
weinte. Pastor Aaron wurde telefonisch hinzugerufen und ein längeres
Gespräch ergab sich. Erwin Vilde erstattete alles gestohlene Geld
zurück und konnte schon am nächsten Tag eine Entgiftung anfangen.
Der Name der christlichen Therapieeinrichtung, die ihn sofort
aufnahm, lautete sinnigerweise übersetzt „Weg zur Freiheit“.
Das
aufregendste persönliche Erlebnis für Jonathan war nicht diese sich
weltweit verbreitende, Ehrfurcht erregende
Sündenüberführungsgeschichte, sondern der zweite
Jugendgottesdienst. Es begann wieder mit einer Zeit der intensiven
Anbetung vor dem Thronsaal Gottes, die im Englischen Worship genannt
wird. Das deutsche Kollektiv ahmte die britischen Jugendlichen nach,
indem sie ihre Hände beim Singen des Songs „Reinige mein Herz“
von Brian Doerkson nach oben streckten. Jonathan Fischer und Markus
Ruf, die nebeneinander standen, taten es ihnen gleich und sangen mit
Leibeskräften. Ein ruhigeres, eher meditatives Lied startete, bei
dem Jonathan anfing, alles um sich herum zu vergessen. Er war nicht
nur in Helen verliebt, denn er wiederholte laufend ihn seinem Herzen:
„Ich bin verliebt in Dich Heiliger Geist. I´m in love, sweet Holy
Spirit I´m in love.“ Eine unsichtbare Kraft kam auf Jonathan, die
er nie zuvor erlebt hatte. Das Gefühl der unbegreiflichen Schwere
überschattete seinen Körper. Er fiel nach vorne um. Dasselbe
ereignete sich mit seinem Nachbarn Markus. Otto Blümchen eilte
sofort hinzu, da er beobachtete wie beide wie vom Blitz getroffen
umstürzten. Deshalb machte er sich große Sorgen. Als er die
lächelnden verklärten Gesichter der zwei Jünglinge sah,
verschwanden seine Ängste. Der Reiligionspädagoge wusste aus
Jahrhunderten der Kirchengeschichte, dass solche Ekstasen bei
Menschen vorkommen konnten. Die anderen Jugendgottesdienstbesucher
wurden ebenfalls innerlich berührt. Sie gingen auf ihre Knie und
heulten und schluchzten eine viertel Stunde lang. Danach fingen sie
spontan an zu lachen. Die Normalität kehrte zurück. Jonathan und
Markus waren wieder zu sich gekommen und standen auf. Jonathan spürte
in seinem Herzen, dass er nicht sofort sagen soll, was mit ihm
geschehen war und auch Markus war viel zu überwältigt, als dass er
nur ein Ton aus sich heraus brachte. Becky, die Keyboardspielerin
behauptete ein Licht, wie von einem Himmelsscheinwerfer auf den
Verzückten gesehen zu haben. Ihr Vater Aaron erklärte, der heiße
Punkt und Stein des Anstoßes im Hause Gottes auf dem die Verklärten
eingeschlafen sind, hätte sich für eine Zeit zu einem heiligen Ort
verwandelt, an dem er Engel auf und nieder steigen sah.
Jonathan
Fischer und Markus Ruf schliefen so glücklich wie noch nie in ihrem
gemeinsamen Zimmer ein. Aufgrund des Vorfalls mit dem geläuterten
Teufel Erwin war Jonathan in Deborah Beesweets Haus umgezogen. In der
Nacht träumten die beiden Katholiken die selben Dinge, die sie zuvor
während ihrer Seelenerleuchtung gesehen hatten. Ruf war am nächsten
Morgen sehr verwundert und erzählte Fischer folgendes Gesicht: „Ich
war in einer Stadt, die von großen Mauern umgeben war, weil sich die
Menschen, die sich darin befanden vor etwas fürchteten. Ich stieg
auf den Wehrgang der Mauer und sah einen riesigen Zyklopen. Er hatte
ein einzelnes dreieckiges Auge auf seinem Kopf und versetzte die
Bewohner durch seine Drohungen in großen Schrecken. Ich wurde
erzürnt und beschloss, diesem Giganten vor dem Stadttor
entgegenzutreten. Die bedrückten Stadtbewohner wollten mich nicht
vor das Tor lassen, bis ich von oben herab einen schwarzen Talar
angezogen bekam und plötzlich wie Martin Luther aussah. Vor dem
Stadttor veränderte sich mein Erscheinungsbild wiederum und zwar in
das eines rothaarig gelockten Hirtenjungen. Als ich mich selbst sah,
wie ich einen von fünf spitzen Steinen in eine Schleuder steckte,
wusste ich, dass ich die Gestalt von König David angenommen hatte.
Der schwer bewaffnete Riese kam mit seinem überdimensionalen Schwert
auf mich zu und wollte mich erschlagen. Wie in der spannende
Goliathsgeschichte traf ihn der von mir geschleuderte Stein an der
Stirn. Nur, dass in diesem Fall die Mitte des riesigen Dreiecksauge
getroffen wurde. Durch eine starke Explosion wurde das anvisierte
Ziel in tausend Teile zersprengt. Der Riese klatschte nach vorne um,
so dass auf dem Rückenteil seiner mit einem fünfzackigen Stern
gravierten Rüstung ein Wort ersichtlich wurde. Kontrolle stand so
groß geschrieben darauf, dass die belagerten Bewohner es trotz
einiger Entfernung gut lesen konnten. Die Tore der Stadt öffneten
sich, die Bevölkerung kam heraus und ein großes Freudenfest wurde
gefeiert.“ Jonathan hatte einen ähnlichen Traum und fing an zu
erzählen: „Ich befand mich ebenfalls in einer verängstigten
Stadt, deren Häuser bestanden jedoch aus Kirchengebäuden, was mich
sehr verwunderte. Die Stadt hatte zum Schutz eine Mauer mit drei
Toren. Vor den Toren befanden sich ebenfalls Giganten. Der erste
Riese hatte das Aussehen eines Zauberers mit einer Kugel in der Hand,
der zweite sah wie eine Hexe auf einem Besen aus und der dritte wie
ein grässliches blutverschmiertes Monster. Auch ich wollte nach
draußen, um mit den Feinden zu kämpfen. Es wurde eine große
Versammlung mit tausenden von Menschen einberufen, bei der ich
sprechen sollte. Mein Aussehen wurde in das von Martin Luther King
verändert, und ich berichtete von einem großen Traum, den ich
hatte. In diesem Moment veränderten sich die vielen kleinen Kirchen
zu einer großen Kirche mit riesigem Glockenturm, auf dessen Dach
sich eine Plattform befand. Die Glocken fingen an laut zu läuten und
ein großes Kampfgeschrei ertönte. Es wurden drei Gruppen gebildet,
die gleichzeitig aus den Stadttoren heraus stürmten. Ich befand mich
auf der Aussichtsplattform des Turmes und beobachtete von oben, wie
die drei Riesen umgestürzt wurden. Sie verloren auf einen Schlag ihr
Leben und fielen um wie Pappkameraden. Auf der Rückseite des
Zauberers stand groß Manipulation, auf der Rückseite der Hexe war
Herrschsucht zu lesen und das hässliche Monster hatte den Namen
Eifersucht. Die Pappkameraden wurden angezündet und brannten
lichterloh bis nur noch Asche übrig blieb. Ein nie dagewesenes
Befreiungsfest wurde gefeiert, bei dem sich die Menschen unentwegt
auf die Wangen küssten und umarmten.“ Jonathan erkannte, dass es
kein Zufall war, dass er und Markus fast den selben Traum hatten. Er
hatte den Eindruck, dass beide einmal in mächtiger Weise von Gott
gebraucht würden, aber es wichtig sei Demut zu bewahren. Markus
empfand den gleichen Ruf und legte die Stelle mit dem Talar so aus,
dass er erst einmal in Tübingen katholische Theologie studieren
sollte. Beide vereinbarten Stillschweigen über ihre Träume.
Die
Schüler trafen sich wie fast jeden Morgen vor dem Sprachinstitut und
hatten nur noch ein Thema, nämlich die Vorfälle des
Jugendgottesdienstes. Otto wurde immer wieder gefragt, wie so etwas
passieren konnte und hatte seine Probleme, dies zu erläutern. Aaron
bekam die Idee, sich am Nachmittag wiederum in der Kirche mit den
samtbezogenen Klappstühlen zu treffen. Diesmal wurde Spelton von
Blümchen übersetzt, indem er begann über Themen eines
Lebensseminars zu referieren. Der Glaubenshirte hatte den Alpha-Kurs
von Nicky Gumble schon öfters für neu hinzugekommene Besucher
seiner Kirche als Life-Seminar abgehalten, damit diese ein Leben in
der Fülle entdecken. Die Schüler fanden diese Art von
Religionsunterricht so gut, dass sie an den nächsten zwei
Nachmittagen noch mehr spannende Neuigkeiten erfahren wollten. Die
Erwachsenen freuten sich über die jugendlichen Wissbegierden, denn
es war bestes Badewetter und nicht normal nochmals nachmittags zu
pauken. Aaron erklärte die wichtige Prophetie aus der
Jesaja-Schriftrolle, die ein Jünger namens Philippus dem reichen
Finanzminister aus Äthiopien auslegte. Es ging um die Hinwendung zu
Gott und die Erwachsenentaufe. Sämtliche Schüler wiederholten ein
Übergabegebet an Jesus und bekamen den Wunsch, sich ebenfalls
untertauchen zu lassen. Spelton war überglücklich vor Freude und
bei Blümchen fiel die Kinnlade herunter, denn die ganze
Zusammenkunft bewegte sich ohne viel zu überlegen zum Strand. Helen,
deren verstorbener Vater Charles Haddon ein Baptistenpastor und
Schriftsteller war, stimmte bei dem nun stattfindenden
Freiluftgottesdienst mit der Gitarre ein Lied nach dem anderen an.
Der einen langen Rüssel ziehenden Blümchen konnte trotz lautem
Töröö nicht verhindern, dass gleichzeitig ein Schüler nach dem
anderen von Aaron mit seinen Händen am Oberkörper angefasst und mit
segnenden Worten seitlich kurz untergetaucht wurde. Diese Versammlung
konnte vor den Ohren und Augen der Welt und in Neustadt Ramsgate
nicht verborgen bleiben. Eine mit ihrem Motorroller vorbeieilende,
die Sonne und das kühlende Wasser genießende Strandbesucherin, war
die rasende Reporterin Karla, die die Begebenheit für ihre
Zeitungskolumne ausnutzte. Die Furcht von Blümchen vergrößerte
sich, als er sah, wie sie begann von der Badefeier, mit ihrer
elefantösen Kamera Bilder zu schießen bis der Benjamin einer
türkischen Familie als letztes an die Reihe kam. Blümchen, der im
Wahn schon weiße Mäuse sah, ängstigte sich vor Problemen und ließ
sich von den mündigen Schülern geloben, dass diese ihren Eltern
nichts von der seit Jahrhunderten umstrittenen Erwachsenentaufe bzw.
Wiedertaufe verrieten. Der Zeitpunkt der Abreise für diesen schönen
Urlaub war viel zu schnell gekommen. Jonathan wäre gerne länger
geblieben, doch andererseits freute er sich, da er jetzt mehr
Gemeinschaft mit Helen verbringen könnte. Beim Rückflug nach
Stuttgart streichelte er Helen wieder an den Händen. Sie waren das
glücklichste Pärchen, das man sich vorstellen konnte und sorgten
durch ihre Turteleien für reichlich Gesprächsstoff bei den wenig
Heimweh verspürenden Jugendlichen.
Am
ersten Arbeitstag in seiner Volksbank in Denkenstadt erfuhr Jonathan
von einer interessanten Angelegenheit. Eine von ihm betreute ältere
Kundin suchte eine nettes pflegeleichtes Mädchen als Nachmieterin
für eine nahe am historischen Bankgebäude befindliche Wohnung.
Jonathan musste täglich viele Kilometer ins Geschäft fahren und
spielte sowieso mit dem Gedanken, das Elternhaus zu verlassen. Der
freundliche Kundenberater fragte die Witwe Hilde, ob sie sich auch
vorstellen konnte ein vertrauenswürdiges junges Glück bei sich
aufzunehmen, denn er hätte vor sich zu verloben. Diese Idee gefiel
der fürsorgenden Anstandsdame unter der Voraussetzung, dass die
gemeinsame Vereinigung erst nach dem Ehebund vollzogen wird. Die
sogleich in der Schloßstraße 21 inspizierte Dreizimmerwohnung sagte
Jonathan sehr zu. Er konnte sich keinen schöneren Ort, als die sich
in einer Spielzone befindlichen Sackgasse vorstellen. Jonathans
Eltern waren zunächst über die abrupten Auszugspläne überrascht,
aber sie unterstützten ihn gerne und steuerten eine schöne Summe
zur Wohnungseinrichtung bei. Auch Jonathans Bruder Thomas half ihm
mit Leibeskräften. Der handwerklich Begabte verlegte einen neuen
Parkettboden und leitete das Tapezieren und Streichen an. Jonathan
liebte die Familie seines Bruders, der drei süße Töchter, deren
Taufpate er war, hatte. In diesem Punkt wollte er seinem familiären
Vorbild gerade nacheifern, denn er wünschte sich selbst mehrere
Kinder. Jonathan erfreute den ortsansässigen top Baumarkt mit seinen
umsatzstarken Besuchen. Er konnte nicht schon wieder Urlaub nehmen
und arbeitete täglich bis in die Nacht. In dieser Situation kam ein
Hilferuf von Otto, der sich dringend mit Jonathan und Helen treffen
wollte. Otto erzählte ihm von dem großen Druck, den er von seinem
Schulleiter im Gymnasium bekommen hatte und von schlimmsten Attacken
einiger Eltern. Es wäre sogar eine Schulversammlung wegen der
Englandreise einberufen worden. Was war geschehen? Becky, die
Pastorentochter schloss mit einer Schülerin namens Denise enge
Freundschaft. Die zwei waren in der Ferienzeit schier unzertrennlich.
Als Abschiedsgeschenk gab Becky ihrer Freundin einen in
Zeitungspapier gewickelten siebenarmigen Leuchter mit. Die Mutter von
Denise freute sich zunächst ebenso über das Geschenk und half ihr
beim Auspacken. Sie besaß einen Esoterikladen, in dem sie selbst
Kerzenleuchter und Steine, die leuchteten, verkaufte.
Unglücklicherweise hatte Becky ausgerechnet das Provinzblatt, das
von dem Taufgottesdienst berichtete, verwendet. Dieser Artikel stieß
Isebel, der allein erziehungsberechtigten Mama sofort in die Augen.
Sie begann innerlich zu kochen und ging auf die Barrikaden. Eine
moslemisch geprägte Familie wurde sofort telefonisch informiert und
der Elternaufstand nahm verständlicherweise seinen Lauf.
Jonathan
versprach, sich mit seinen Leidensgenossen am nächsten Abend in
einer am Königsbau befindlichen Eisdiele zu treffen. Er dachte sich,
die Angelegenheit würde sich wieder abkühlen, da die Zeit
bekanntlich viele Wunden heilt. Der Umzugs- und Renovierungsstress
von Jonathan wurde immer größer, denn er wusste bei den vielen
Arbeiten und Plänen nicht mehr wo ihm der Kopf stand. Er informierte
Helen und bat sie, mit dem gutgesinnten Blümchen alleine in das
Mövenpick Restaurant zu marschieren und ihn zu entschuldigen.
Jonathan hatte sich kräftig getäuscht. Der Aufruhr schlug so hohe
Wellen, dass sogar die Boulevardblätter mit Bildern von der
Ramsgate-Taufe berichteten. „Englische Kreuzritter am
Erwin-Teufel-Gymnasium: Religionspädagogen werden zu Wiedertäufern
und führen Zwangsbekehrungen bei moslemischen Schülern durch“,
war unter anderem zu lesen. Um weiteren Angriffen aus dem Weg zu
gehen, ließ sich der Beamte Otto Blümchen beurlauben und bewarb
sich für andere Stellen. Eine kürzlich erbaute „Freie
Evangelische Schule“ in Göttingen stellte sich rasch als neuer
Arbeitgeber für den gepflegten Gymnasiallehrer zur Verfügung. Das
viel geliebte Samstagstreffen löste sich auf, was Jonathan betrübte.
Ferner würde er von seinem Freund und Mentor nicht mehr so stark
profitieren, da dieser ebenfalls umziehen musste und zu weit weg
wohnte. Aber dafür hatte er ja noch Helen. Der Einzug ins traute
Heim war vollzogen und Jonathan verspürte Glücksgefühle in seinen
eigenen vier Wänden. Er war schon dabei mit Helen, die erst später
hinzukommen wollte, Hochzeitspläne zu schmieden. Das futuristische
Ehepaar besichtigte auf einer zu Jonathans Eltern führenden
Fahrradtour einen malerischen Amor-Tempel, durchquerte an einem
idyllischen Lustschloss vorbei das paradiesische Körschtal, bis sie
an einer herrlichen Baumallee angekommen waren. Dort stellten sie
sich gemeinsam vor, mit einem königlichen Pferdegespann durch die
majestätische Promenade hinauf ins Schloss Hohenheim vor der im
Innenhof wartenden Festversammlung einzukutschieren.
Bekanntlich
sind die Gedanken frei und Träume lassen sich nicht verbieten. So
passte zu ihrer Illusion, dass Helen die Ausbildung zur Englisch- und
Geschichtslehrerin an der pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg
gerade erfolgreich beendet hatte und schnell ihren Traumjob antreten
konnte. Jonathan wusste allerdings nicht, ob er sich freuen oder
besser weinen sollte, als die intelligente Helen ausgerechnet in der
für sie idealen christlichen Einrichtung in Göttingen eine
Anstellung fand. Durch die räumliche Trennung konnten sie sich
leider nicht mehr so oft sehen. Bei den sonst stundenlang geführten
Telefonaten gingen immer mehr die Gesprächsthemen aus.
Am
Nikolaustag, dem 6. Dezember, freute sich Jonathan über ein
überraschendes Geschenk. Die liebenswerte Helen hatte kurzfristig
übers Handy angekündigt vorbei zu kommen. Als besonderes
Mitbringsel kam der hinreißende Otto mit der von allen Seiten
umworbenen Meerjungfrau angestiefelt. Was für eine Freude es war,
das Herzblatt wieder zu treffen. Als sie zusammen in Jonathans
Wohnzimmer einen Kräutertee schlürften, rückte der geliebte
Blümchen mit einer umwerfenden Tatsache heraus. Es täte ihm selbst
unheimlich weh, weil er niemanden verletzen möchte, aber er und
Helen würden trotz zwölf Jahre Altersunterschied sehr gut
zusammenpassen, hätten sich leidenschaftlich ineinander verliebt und
könnten mit einer segnenden Zustimmung des Glaubensbruders schon an
Heilig Abend mit gutem Gewissen ihre Verlobung feiern. Was für ein
Bescherung, philosophierte das Christkind. Jonathans Augen wurden
immer größer und er fühlte sich so, als ob er gerade recht rup-pig
mit der Rute einen Schlag auf den Popo oder einen tier-isch
renn-enden Schneeball vom Nordpol in seinen Sack abbekommen hatte. Er
weinte. Helen legte ihre Hand tröstend um seine Schulter. Hatte er
nicht selbst gesagt, dass die Liebe alles erträgt? Wieder einmal war
er der Verlierer bei einem Beziehungsspiel geworden.
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