Die
Reise in die Schweiz
Der
graue Alltag kehrte wieder im Leben von Jonathan Fischer ein. Er ging
wieder seinen gewohnten Beschäftigungen nach, die hauptsächlich
durch sein Tätigkeitsfeld als Kundenberater in seiner Volksbank
bestimmt wurden. Sein Freundeskreis im Münchner Schachclub
interessierte sich überhaupt nicht für seine Erlebnisse. Ja, sie
hielten ihn für einen Spinner und Träumer, der zum hirnlosen Opfer
einer der amerikanischen Sekten geworden ist. Dummerweise kam eine
Serie von Niederlagen in der Schachbundesliga hinzu, was den
kritischen Teammanager veranlasste, ihn eine Zeit lang gegen einen
Ersatzspieler auszutauschen. Verständlicherweise wollte auch seine
Familie die entfachte Glaubensbegeisterung nicht teilen. Die Eltern
waren der Meinung, wenn man einmal katholisch getauft ist, muss man
auch immer katholisch bleiben. Sein Bruder Thomas griff ihn scharf
an, weil er selbst eine seiner Meinung nach verrückte und fanatische
Vorgesetzte hatte, die ihn schon des öfteren versuchte zu bekehren.
Umso ärgerlicher wurde er, als er erfuhr, dass diese Vera Fischer
sich mit seinem kleinen Bruder bekannt gemacht hatte und mit ihm
betete. Vera stellte ihre Wohnung im Sommer dem Sportler für Jesus
Team zur Verfügung und war bei den christlichen WM-Treffen dabei. So
wurde Jonathan von seiner engen Verwandtschaft prophezeit, dass seine
Begeisterung sich schnell wieder legen würde. In gewisser Weise
sollten sie Recht bekommen.
Weihnachten
stand vor der Tür und die Möglichkeit eines phantastischen
Winterurlaubs eröffnete sich für Jonathan. Er erhielt eine
Einladung in ein Nobelhotel in St. Moritz, die er seiner besten je
erzielten Schachleistung zu verdanken hatte. Im Vorjahr triumphierte
er bei einem mit zehn internationalen Jungtalenten besetzten Turnier
in Lenk im Berner Oberland. Er gewann sieben Mal und spielte zwei Mal
unentschieden, was der Leistung eines Supergroßmeisters entsprach.
Ein jährliches von dem Schweizer Verband der Raiffeisenbanken
gesponsertes Grand-Prix-Turnier, wurde in dem Oberengadiner Kurort,
der vom Jetset überaus geschätzt wurde, ausgetragen. Die einzige
Hürde, die es zu überwinden gab, war eine zum Jahreswechsel
geltende Urlaubssperre für alle Bankbediensteten. Jonathan wusste,
dass sein von klassischer Musik faszinierter Bankdirektor Adolfo,
sich immer selbst über sein Ferienverbot hinweg setzte, um vor
Sylvester zum Märchenschloss Neuschwanstein zu pilgern. Dort fand
alljährlich im Sängersaal ein Wagner-Festival statt, bei dem seine
begnadete Frau und sechsfache Mutter, Anne-Sophie dirigierte. Einer
der erfolgreichsten Bankvorstände Deutschlands, der nicht nur
Liebhaber der höheren Künste, sondern auch sein Förderer war, ließ
ihn natürlich nicht im Stich.
Jonathan
wurde von einer befreundeten Familie aus Kecskemet in Ungarn gebeten,
ein vierzehnjähriges Wunderkind mit in die Schweiz zu begleiten. Der
hagere Jugendweltmeister Peter Polgar galt nicht nur als
aussichtsreichster Kandidat auf die Königskrone, sondern spielte
auch ausgezeichnet Fußball in seinem Armeeverein. Jonathan hatte
beim Frühlingsfestival in Budapest sogar erlebt, wie es eine
Schlägerei unter geldgierigen Schachtrainern gab, wer den
Wunderknaben unterrichten darf. Der neue ungarische Nationalcoach und
Großmeister Dr. Tamas Bozi, war ein Freund der Familie Fischer und
übernachtete gelegentlich bei seinen Europa-Touren in Stuttgart.
Jonathan besorgte einen gebrauchten Personalcomputer für das
zunächst im Fasanenhof beherbergte Duo und installierte eine
umfangreiche Schachdatenbank namens ChessBase darauf. Die Koffer, der
PC und die eigene alpine Skiausrüstung wurden ins Auto gepackt, um
sich zu dritt nach St. Moritz zu begeben. Jonathan diskutierte mit
Tamas auf der Schnellstraße Richtung Schaffhausen, ob er zukünftig
nicht die Geldanlagen des aufstrebenden Spitzenverdieners Peter
managen könnte. Deshalb machte beim Grenzübertritt der promovierte
Rechtsanwalt Dr. Bozi in gebrochenem Deutsch die scherzhafte
Bemerkung, dass er ein Nummernkonto für sein Mündel Peter in der
Schweiz eröffnen möchte. Die humorlosen Fahnder zerlegten daraufhin
auf der Suche nach Bargeld nicht nur zwei Stunden lang den Opel
Kadett in seine Einzelteile, sondern versuchten auch mit allen
möglichen Entschlüsselungstricks die vermeintlichen
Bank-Zahlendaten auf der Computerfestplatte auszuspionieren. Die drei
Verdächtigen vertrieben sich währenddessen die Zeit in einem
Warteraum mit einem gegenseitigen Blind-Simultanturnier. Jeder
spielte gleichzeitig gegen jeden, wobei kein Schachbrett zur Hilfe
genommen wurde, sondern die Züge im Kopf behalten und weitergesagt
wurden. Jonathan war zufrieden darüber, seine beide
Gedächtnis-Partien gewonnen zu haben und deutete dies als gutes
Omen. Noch glücklicher waren alle drei Denksportler, als ein Dienst
ablösender Grenzer sich als echter Experte und Schachfreund
entpuppte und die Reise fortgesetzt werden konnte.
Mit
reichlicher Verspätung an der Rezeption des Grand Palace Hotels im
verschneiten Engadin angekommen, wurde der PC und Bildschirm abermals
zerlegt. Geheimdienstmitarbeiter befürchteten, dass sich darin eine
Bombe befinden könnte. Warum dieser Aufwand? Das weltberühmte
Domizil wurde in der Weihnachtszeit als Austragungsort einer
Konferenz über eine „Neue Weltordnung“ von Regierungschefs und
Wirtschaftsbossen gebucht und war deshalb strengstens überwacht. Die
drei Neuankömmlinge bekamen endlich ihre Zimmerschlüssel und einen
Strichcode-Scanausweis, um sich besser bewegen zu können, bis sie
sich erschöpft auf ihre Overnightapartments begeben konnten.
Am
nächsten Morgen kehrte Fortuna in Jonathans Leben zurück. Beim von
einer Harfenistin begleiteten Frühstück in der Grand Hall der
Nobelherberge setzten sich zwei weltberühmte Business-Women an
seinen Tisch. Die reiferen, gleichaltrigen Blondinen unterhielten
sich auf Englisch über ihre Marketing- und Verkaufsstrategien. Sie
brüsteten sich mit ihren Double-Investments in Silicon Hills, die
ihnen zu famosem Reichtum und Wohlstand verholfen hatten. Der
gläubige Christ und Banker geriet in einen Gewissenskonflikt und ins
Nachdenken. War es ein Zufall, dass er beide in der Nacht, bei von
der Kirche verbotenen Szenen, im Fernsehen gesehen hatte? Madonna!
Die eine setzte sich auf MTV mit ihrem Hit „Like a Prayer“ wie
üblich schockierend in Szene, und die einem menschlich erbebenden,
tödlichen Karma erliegende Sharon, zeigte sich in „Basic Instinct“
bei einem Teufelsritt von ihrer besten, nackten Seite.
Als
Jonathan mit der Gondel in die schneebedeckten Graubündner Berge
herauf schwebte, schimmerten die weißen Türme des auf einem Hügel
befindlichen Märchenhotels in rötlichem Sonnenlicht. Beim Verlassen
des Transportmittels verhakten sich seine Skistöcke mit denen des
jugendlichen, angelsächsischen Thronfolgers, was er nicht fassen
konnte. Untertänigst hob er beim Verlassen des Skilifts das
weggeworfene Stofftaschentuch des Rotzlöffels auf und stieß bei der
versuchten Rückgabe auf Unverständnis bei dessen abschirmenden
Leibwächtern. Der verärgerte Jonathan steckte das klebrige Souvenir
ein und überflügelte die Adelsfamilie forsch, indem er gekonnt mit
seinen Fischer Slalom Skis die schwarzen Pisten ins Tal hinunter
wedelte. Jonathan konnte diesen Tag gelassen angehen, da er die
Erstrundenpartie am Nachmittag gegen seinen Kumpanen Tamas Bozi zur
schnellen lustlosen Remispartie im voraus vereinbart hatte. Im
Anschluss daran erteilte Jonathan seinem Komplicen Skiunterricht an
einem Anfängerlift und amüsierte sich über dessen zahlreiche
Stürze in den Schnee.
Das
nächste morgendliche Buffet hatte zwei steife Opernsänger zu
bieten, die die Gäste musikalisch begrüßten. Die Vorsänger Tamino
und Papageno wurden von einem Streichorchester harmonisch untermalt.
Diesmal gesellte Jonathan sich an einen Tisch mit zwei männlichen
Geschäftsleuten, die sich ihm, ihre Daumen beim Händeschütteln
reibend, als stets zu Diensten stehenden Lehrlinge vorstellten. Es
waren zwei Landsleute, die anscheinend an dem Politikerforum
teilnahmen. Der eine wollte das teure Bargeld abschaffen und der
andere seinen störenden Betriebsrat. Der Volkswirt und der
Maschinenbauer erfanden ein Mammon-Patent. Der Cash des
Kreditinstituts sollte heimlich an die Heros des Volks-Betriebsrats
flowen, um dann von diesen Glücks-Boten auf ein in Buchgeld
umwandelndes Spesenkonto eingezahlt zu werden. Damit glaubten die
beiden Chair-Männer of the Executive Board, zwei Zylinder mit nur
einem Ventil steuern zu können. Hoffentlich streikt dann der
Katalysator nicht, bilanzierte Jonathan, der spekulierend seine
Rücklagen in Vermögensanlagen der Weltkonzerne umgeschichtet hatte.
Beim
Kandidatenturnier starteten die Partien jeweils um zwei Uhr
nachmittags. Die zweite Begegnung mit Peter Polgar hatte es in sich,
denn Jonathan kämpfte in einem Endspiel mit Turm, Springer und
Mehrbauern gegen eine übermächtige Dame ums Überleben. Da kamen
ihm ein in Yale empor gestiegener Präsident und sein Zögling der
Öl-Gouverneur zur Hilfe. Die zwei Kiebitze mit ihren Adleraugen
schlichen von ihrem mit Bergen von Bildern gekrönten Konferenzraum
in den holländischen Schach-Saal des Hotels. Sie wurden von
ausspähenden Kameramännern umkreist, die den hysterisch,
siegessicheren Polgar in erhöhtes Lampenfieber versetzten. Der
jugendliche Schachgott schwang für die Galerie elegant seinen König
durch die Lüfte, bis er sogleich in Panik geriet, weil er seinen
Irrtum erkannte. Ein Zug mit der weißen Dame wäre vorteilhafter
gewesen.
Das
Tier in Jonathan bestand jedoch auf die Berührt-Geführt-Regel, so
dass er sich schadenfroh in eine Zugwiederholung durch Dauerschach
retten konnte. Umso geiler empfand der Schwarz-Spieler, dass diese
Begebenheit in der SF Tagesschau ausgestrahlt wurde. Die Bewunderung
und der Neid zahlreicher Bekannter waren ihm sicher.
Fischer
bewohnte eine Junior Suite Deluxe, bei der die Getränke der Hausbar
zunächst gratis waren. Am dritten Tag wurde der Kühlschrank mit den
Spirituosen jedoch von der Femme de Chambre leer geräumt. Was war
passiert? Sein Zimmernachbar der englische Meisterspieler Harry
Bibber hatte sich betrunken und eine aus dem Zimmer geworfene,
räuberische Konkubine auf dem Gang mit dem Notfall-Feuerlöscher
übersprüht. Die pulverisierte Etage sah danach aus, wie nach einer
winterlichen Übung der Jugendfeuerwehr.
Jonathan
freute sich, dass der Terminplan ausgerechnet an diesem Tag seine
Weiß-Partie gegen den Alkoholiker vorgesehen hatte. Es sah so aus,
als ob Jonathan einen kampflosen Sieg erringen könnte, da sein
Gegner bei Rundenbeginn seinen Kater immer noch nicht ausgeschlafen
hatte. Mit fast einer Stunde Verspätung kreuzte der rothaarige
Bibber doch noch auf und schmiss aus Versehen gleich seine schwarze
Dame und den Matt zu setzenden König um. J´adoube - ich rücke
zurecht, pflegen die Spieler in so einem Moment zu sagen. Jonathan
wählte die Spanische Partie, und der mit den Figuren zaubernde Harry
strebte den gefürchtete Marshall-Angriff an. Weiss besitzt dabei den
Materialvorteil eines Mehrbauern, muss aber dafür die
Eröffnungsinitiative hergeben. Der schweißgebadete Jonathan fühlte
sich in seiner Haut sehr unwohl und kam nach zwei Stunden in große
Zeitnot. Sein intuitiv, genialer Kontrahent, der pausenlos auf die
Toilette rannte, hatte nur fünfzehn Minuten Bedenkzeit benötigt.
Die Begegnung wurde später zur Partie des Jahres gekührt, weil
Jonathan trotz riesigem Materialvorteil das erstickte Schachmatt
durch den feindlichen Springer nicht mehr verhindern konnte.
Beim
Gourmet Set Diner erfuhr der ein obligatorisches Jacket tragende
Deutsche vom Underdog mit dem Sommersprossengesicht, nicht nur warum
er die zu kostenintensive Bäuerin opferte, sondern auch, dass er das
Marshall-Gambit im Schlaf beherrschte. Die gemeinsame Analyse im
Doppelzimmer von Tamas und Peter, mit Hilfe der
Computer-Spielerdatenbank, bestätigte Harrys Behauptung anhand
vieler erfolgreichen Partien. Die Ungarn waren dadurch gewarnt und
bereiteten sich besser auf ihre Begegnungen mit dem Engländer vor.
Am
Abend tröstete sich der Möchtegern-Weltmeister Fischer, der es
hasste lange Eröffnungsvarianten auswendig zu lernen, im Pay TV mit
dem mehrmals gesehenen Arnold Schwarzenegger Science-Fiction Total
Recall und mit anderen vergesslichen Mind-Movies.
Am
folgenden Tag versuchte Fischer als Schwarzer, ebenfalls einen
Bauernvorteil in einem Königsgambit gegen Kasparow zu behaupten. Er
musste jedoch nach 33 Zügen die Überlegenheit des weltmeisterlichen
Diktators eingestehen. Bei der folgenden Partieanalyse in der
Wodka-Jelzin-Lounge versuchte ein sowjetischer KGB-Offizier namens
Wladimir die Bauernhalte-Strategie vehement zu verteidigen. Der
Demonstrationskunst von Garry war dieser Deutschlandverbündete
allerdings nicht gewachsen. Garry Kasparow brachte seinen Landsmann
letztendlich zum Schweigen, indem er spöttisch und verächtlich
empfahl, seine aufrührerischen Gegner besser beim Judo zu
unterwerfen oder den Erfolg versprechenden Schläger Put-Inn, beim
Golfball-Einlochen in seinem Caddy zu verhaften.
Unglücklicherweise
hatte sich der am königlichen Taschentuch schnüffelnde Fischer auf
der Skipiste einen grippalen Infekt zugezogen, der ihn zunehmend
schwächte und in seiner Freizeit ans Bett fesselte. Auch in der
Schacharena ereignete sich fatalerweise an den folgenden Tagen eine
nie dagewesene Pechsträhne mit vier weiteren Niederlagen. Fischer
verlor gegen Kramnik in einer Russischen Partie, gegen Anand im
Königsindisch, gegen Madl-Sautter im Damengambit und schließlich
gegen Leko in der umstrittenen Eröffnungsvariante des Budapester
Gambits. Jonathans Gebete um Erfolg schienen von Gott überhört
worden zu sein, und das gelegentliche Studium in der
Nachtkasten-Gideon-Bibel brachte ihm wenig Trost. Zu allem Überfluss
verloren seine VW-Turbo Optionsscheine täglich an Wert und eine
Spekulation auf die Deutsche Bank Aktie an der DTB (Deutsche
Terminbörse/Nachfolger Eurex) erwies sich zum Verfalltermin als
wertlos.
Nun
reichte es Jonathan Fischer endgültig. Er entschloss sich Gott zu
strafen, indem er nicht einmal mehr das Vaterunser vor dem
Einschlafen betete. Als Kommunionkind war dies zu einer heiligen Gute
Nacht-Tradition geworden. Statt dessen ergötzte sich Jonathan an dem
Film neuneinhalb Wochen. Ausgerechnet bei einer der kulinarischen
Schlemmerszenen mit der sexy Kim, klopfte es unvermutet an seiner
Tür. Viktor Orlowski, der Vater seiner Schlussrunden-Gegnerin wollte
ihn sprechen. Er bot ihm 600 Franken an, falls er am nächsten Tag
absichtlich verliert. Jonathan hatte im vergangenen Jahr zwei
Französische Partien gegen die äußerst hübsche Judith gewonnen.
Darum hatte der Papa Angst, dass er ihr wie ein angeschlagener Boxer
den ersten Platz mit 6600 Dollar Preisgeld kurz vor dem Schlussgong
abtrotzen könnte. Die Tochter sollte von dem geheimen unmoralischen
Angebot nichts erfahren. Als Jonathan selbst einmal durch solche
Absprachen benachteiligt wurde, hatte er geschworen, bei den
Geschäften der Schach-Mafia nie mitzumachen. Trotzdem begann ihm der
Handel zu gefallen. Somit würde der Gentleman die Veranstaltung eben
mit einem Negativrekord von lediglich einem von neun möglichen
Punkten beenden und dafür mit dem Bestechungsgeld etwas Erregendes
anfangen. Die folgende Suche nach der mit dem Brandlöscher weiß
gewichsten Spaß-Gesellschafterin blieb jedoch erfolglos. Der Liftboy
meinte zu wissen, dass Queen Theresa zu einem Vorstellungsgespräch
beim Kantonalen Gesundheitsamt abgereist wäre. Das kam ihm spanisch
vor, denn beim Lunch hatte sie doch gemosert, dass sie umgehend und
zwingend eine Eidesstattliche Versicherung bei ihrem
Wohnsitzfinanzamt abgeben muss.
Am
nächsten Tag gewann Peter Polgar eine ebenfalls abgekartete Partie
gegen seinen Sekundanten Tamas Bozi und wurde mit 14 Jahren zum
jüngsten Männer-Großmeister ernannt. Den Turniersieg teilte er
sich mit der frühreifen Frauenspielerin Judith Orlowski, die im
rekordverdächtigen Alter von 15 Jahren den höchsten Schachtitel
erhalten hatte.
Der
zickige Peter wollte das Preisgeld zu Jonathans Leidwesen nicht bei
seiner Sandbank Denkenstadt eG anlegen, sondern befolgte den Rat
eines Schweizer Raiffeisen-Beraters und kaufte Parmalat Aktien. So
ein Stinkerkäse, dachte sich Jonathan, die ausländischen Kollegen
hatten wohl noch nichts aus den Südmilch- und Sachsenmilch-Pleiten
gelernt. Überhaupt war das trotzige Kind seit ihrer
Auseinandersetzung nicht gut auf ihn zu sprechen und machte sich auf
der Rückfahrt schier in die Hose, als der Digitaltacho die
zweihunderter Marke überschritt. Der letzte Nachtzug vom Züricher
Bahnhof in Richtung Wien musste auf dem Heimweg für die Ungarn
erreicht werden. Der Sportwagenfahrer Fischer verfolgte auf der
Schweizer Autobahn einen Speedster mit dem Kennzeichen S-PS 231. Das
schwarz-goldene Flügelcabrio mit dem Emblem Porsche 911, hatte wohl
doppelt so viel Zugstutenstärken, wie sein tiefer gelegter
violett-metallischer Opel GSI, der bei Bodenwellen aufgrund der
Gepäcklast hinten schon mal aufsetzte. Tamas und Jonathan machte
dies in ihren bequemen Recaro-Vordersitzen nichts aus, doch der saure
Zögling auf der Rückbank wurde ranzig gerüttelt.
Ein
schwarzer Ford Scorpio, der im Windschatten der Stuttgarter Autos
zunächst Benzin sparen wollte, schaltete ein portables Blaulicht an
und nötigte Jonathan bei der Raststätte Würenlos anzuhalten. Der
Ziegenpeter konnte erlösend zum Pinkeln, und Jonathan bekam die
Möglichkeit, seine Tuning-Umbauten den netten Schweizer Beamten
anhand seines KfZ-Scheins zu erläutern. Für den Grippe geschwächten
Kadett-Frisierer hatte das neue Jahr nicht gut begonnen, denn er
bekam einen Strafzettel von 600 Franken für die überhöhte
Geschwindigkeit verschrieben. Er konnte froh sein, dass die
Ordnungshüter ihn überhaupt noch weiter fahren ließen, denn seine
hinteren Goodyear Niederquerschnittsreifen hatten sich an den
Radkästen glühend violett gescheuert.
Die
Schachprofis wurden wie geplant am Bahnhof verabschiedet und Jonathan
erreichte mit Mühe die eigene Heimat, wo sein Krankheitszustand sich
weiter verschlechterte. Eine eitrige Entzündung im Oberkiefer brach
hervor. Im Katharinenhospital wurde die Diagnose gestellt, dass ein
Tumor im Kopf wieder nachgewachsen sei, der operativ entfernt werden
musste. Jonathan war am Boden. Er weinte und bekam Todesängste. Er
erinnerte sich an seinen Freund Richy Hammer, der ihm beim
sommerlichen Abschied einen Bibelvers aufschrieb, in dem stand, er
solle mutig und stark sein und sich nicht fürchten. Ein großes
Briefkuvert aus Übersee wurde am selben Morgen Jonathan zugestellt.
Darin befand sich das gemeinsame übergroße Foto mit Carl und Leroy.
Hammer erinnerte den Held dieser Lebensfiktion in dem beigefügten
Schreiben abermals an die aufgeschriebenen Worte aus dem ersten
Kapitel des Josuabibelbuchs. Jonathan erschrak, als er beim Lesen der
Zeilen an sein Versprechen erinnert wurde, nicht mehr an
Schachturnieren teilnehmen zu wollen. Die kritische Operation wurde
mit örtlicher Betäubung durchgeführt, was Jonathan nicht als
angenehm empfand. Ein Kieferchirurg namens Martin Anrich erzählte
dem Assistenten Dr. Christian Finckh von einem Hilfseinsatz in
Albanien und seinen Plänen nach Macao zu reisen. Jonathan
befürchtete, dass bei den ablenkenden Urlaubsgesprächen die
geschickten Filigranhände nicht jedes Tumorgewächs zwischen seinen
Zahnwurzeln entfernen würden. Prompt bekam er vom Operateur zu
hören: „Hoffentlich habe ich alles erwischt. Ich bohre Ihnen jetzt
ein Nasenfenster in die Kieferhöhle, damit in der Zukunft
Entzündungen nicht so leicht auftreten.“ Finckh ein Arzt im
Praktikum bemerkte: „Ich weiß jetzt wie es geht. Sonst hole ich
den Rest halt nach meiner vollen Approbation an Ostern heraus.“
Der
desillusionierte Jonathan lag noch eine Woche stationär und bekam
Besuch von einer charmanten Dame. Vera Fischer hatte von seinem
Bruder von dem Krankenhausaufenthalt erfahren und begann ihn, mit
einem mitgebrachten Obstkorb aufzumuntern. Jonathan war überaus
geschmeichelt und begann sich ein wenig in die einige Jahre ältere
Diplomingenieurin zu vergucken. Waren die gleichen Nachnamen
vielleicht ein Wink vom Allerhöchsten?
Der
von den Ärzten gewünschte Heilungsverlauf stellte sich ein. Somit
wurde der Patient in den gewohnten Lebensablauf und Berufsalltag
zurückgelassen. Kurze Zeit später ereignete sich jedoch
bedauerlicherweise ein großer Skandal in seinem vor 160 Jahren
gegründeten Schachverein. Der Teammanager hatte beim Poker die ihm
anvertrauten Gehälter aufs Spiel gesetzt und trotz Royal Flush
verloren. Die Sponsoren zogen sich zurück, und die Berufsspieler
mussten sich neue Vereine suchen, da sie ohne Geld dastanden. Der
Bankfachwirt Fischer war froh, ein monetäres Handwerk auszuüben und
sah das Ereignis als letzten Wink Gottes, sein Hobby an den Nagel zu
hängen. Die künftige Erfüllung seines Lebenstraums würde eine
Bestätigung für diesen schweren Entschluss sein.
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