Die
Leichtathletik-Weltmeisterschaft
Jonathan
Fischer plante seinen Sommerurlaub und begab sich in ein im
Stuttgarter Königsbau befindliches Reisebüro. Er besorgte sich
Informationsmaterial über Tansania und Kenia, um es zu Hause zu
studieren. Der ehrgeizige Sportler wollte den höchsten Berg Afrikas,
den Kilimandscharo besteigen. Da begegnete ihm eine Schar singender
Christen in der Haupteinkaufszone Stuttgarts, deren Lieder er Gehör
schenkte. Ein nicht unattraktives Mädchen sprach ihn an und gab ihm
eine Einladung für einen offenen Abend des CVJM. Als Katholik mied
Jonathan jeglichen Kontakt zu evangelischen Gottesdiensten, weil er
sich nie vorstellen konnte, wie seine Tante Gertrude Elisabetha das
Glaubenslager zu wechseln. Dieser Luther gab ihm sowieso ein
unangenehmes Gefühl, wenn er das „Gegrüßet seist du Maria“
betete. Auf der Einladung stand Multivisionsschau über die Schönheit
der Landschaft Kenias mit anschließender Missionsreportage des
evangelischen Pfarrers Georg Müller. Das verblüffte Jonathan stark.
Der Reise-Interessent nahm sich vor, die Veranstaltung am selben
Abend zu besuchen, aber vor dem zweiten religiösen Teil zu
verlassen. Die Schönheit der auf einer großen Leinwand projizierten
Bilder war unbeschreiblich und übertraf seine vielfältigen
Eindrücke, die er durch das Fernsehen hatte bei weitem. Er sah sich
in Gedanken in der morgendlichen Dämmerung den Mount Kenia
besteigen, um selbst life das atemberaubende Schauspiel der
kenianischen Landschaft von oben betrachten zu können. Später würde
er in eines der zahlreichen Fischerboote am Viktoriasee einsteigen
und die sich im Wasser orange schimmernden Flamingoschwärme mit
seiner Kamera festhalten. Er träumte und vergaß ganz, dass es an
der Zeit war die Flucht zu ergreifen. Die sympathische Stimme, die
durch den Großdiavortrag führte, fing nun an von zahlreichen
Wundern, die sich auf dem Missionsfeld mit der Stammesgruppe der
Massai ereigneten, zu berichten. Aufgrund anderer Reportagen glaubte
Jonathan, man sollte diesem stolzen Nomaden- und Hirtenvolk seinen
Naturglauben belassen, aber gerne ließ er sich durch die positiven
Geschehnisse vom Gegenteil überzeugen.
Was
dann folgte sollte Jonathans Leben komplett verändern. Pfarrer
Müller begann über Golgatha zu predigen und fragte die
Zuhörerschaft wer sein Leben neu Jesus Christus weihen möchte.
Jonathan
hatte einen Menschen noch nie in der Art und Weise wie Georg Müller
über den Tod am Kreuz sprechen hören. Er empfand, als ob jedes Wort
der Rede tief in das Innere seines Herzens eingebrannt wurde und es
war so, dass er sich Jahre später noch an Einzelheiten des Gesagten
erinnern konnte. Jonathan wurde es ganz mulmig und sein schmaler
Oberkörper erschauderte, als der Geistliche am Ende des Vortrags
gerade auf ihn zuging und fragte, ob er für ihn beten dürfe. Sie
begaben sich in einen Nebenraum des der evangelischen Kirche
gehörenden Gebäudes und setzen sich auf zwei Stühle. Georg, der
Hirte, legte seinen Arm um Jonathans Schulter und fragte liebevoll
was sein größter Herzenswunsch wäre. Jonathan erzählte von seinen
Plänen mit der Keniareise und wie sehr ihn die Vorführung
begeistert hatte. Müller fand die Idee genial und erkundigte sich,
ob er verheiratet wäre oder eine befreundete Person mitnehmen
wollte. Das traf den Nagel auf den Kopf. Denn Jonathan fühlte sich
trotz zahlreicher Freunde sehr einsam und hatte vor, die Reise als
Rucksacktourist alleine anzutreten. Ja, sein größtes Verlangen
bestand darin, eine Frau zu finden. Seelsorger Müller versicherte
Jonathan, dass Gott genau die passende Partnerin für ihn vorgesehen
hat und er ihm vertrauen soll, dieser zum exakt richtigen Zeitpunkt
zu begegnen. Es wäre überaus wichtig, bei allem was er tut nach
Gottes Willen und Plänen zu fragen und immer zuerst nach Gottes
Reich zu trachten. Diesem Ratschlag wollte der Jesus-Jünger
bedingungslos folgen. Jonathan freute sich noch besonders über ein
Neues Testament, das er bei der Verabschiedung überreicht bekam. Er
las jeden Abend mehrere Kapitel des Taschenbuchs und war nach einem
Monat am Ende, bei der Offenbarung des Johannes angekommen. So
sonderbar ihm vieles in dem Buch der Bücher erschien, so
unerklärlich war Jonathan der plötzliche Unfriede über seine
bereits gebuchte Reise. Das Gefühl verließ ihn erst, als er den
Flug nach Kenia mit finanziellen Nachteilen stornierte. Nun stand er
da und hatte bei seiner Bank zwei Wochen Urlaub eingetragen, die er
bald zu Hause verbringen müsste.
Der
nächste, monatlich stattfindende offene Abend stand vor der Tür,
für den Georg Müller einen kenianischen Olympiasieger als Redner
engagiert hatte. Der schmächtige Dauerläufer begann temperamentvoll
in seiner afrikanischen Art vom übernatürlichen Eingreifen Gottes
in seinem Leben zu berichteten. Anscheinend hatte das Laufwunder
Rudolph Fixson in jungen Jahren Kinderlähmung gehabt und konnte
überhaupt nicht gehen. Neben seinen sportlichen Erfolgen engagierte
sich der einen Spendenaufruf gebende Rudolph für die Waisenkinder in
der Agape Academy in Kosele und der Agape School in Awendo. Jonathan
fiel es schwer, die Lebensgeschichte von Fixson zu glauben. Der Film
über die freudig in die Hände klatschenden, singenden Aids-Waisen
beeindruckte den seinen Geldbeutel leerenden Deutschen umso mehr. So
empfand er diesen Treff genauso überwältigend wie den Letzten. Der
Neuling genoss es, die auf eine Leinwand geworfenen Lobpreislieder
mitzusingen. So erinnerte er sich, dass er als Kind immer schöne
Gefühle hatte, wenn in der Kirche „Großer Gott wir loben dich“
gesungen wurde.
Am
Ende der Veranstaltung wurde ein Fahrer für die bevorstehende
Leichtathletik-Weltmeisterschaft gesucht. Der Zeitraum deckte sich
mit Jonathans Urlaub und ein unbeschreibliches Gefühl der Freude
machte sich in ihm breit.
Außer
ihm gab es auch keine andere Person, die bereit war zu helfen. Er
bekam einen privaten Minibus von einem Arzt der Kirchengemeinde zur
Verfügung gestellt, um ein Team mit dem Namen „Sportler für
Jesus“ aus den USA herum zu chauffieren.
Die
erste Fahrt führte ihn in eine ehemalige Militärkaserne im
Scharnhauser Park, die zum Athletendorf umgebaut wurde. Durch die
Teilnahme an internationalen Schachturnieren beherrschte Jonathan die
englische Sprache gut, und so verfolgte er jedes Wort, das im Minibus
gesprochen wurde. Die Mitfahrer diskutierten über eine Veranstaltung
im Fernsehen, bei der berühmte Sportler von ihrem Glauben berichten
sollten. Der Grund des Besuchs war, möglichst viele weitere Athleten
für das in einem Kongresszentrum stattfindende Ereignis einzuladen.
Es wurden Zweiergruppen gebildet mit dem Ziel, Einladungsschreiben in
dem streng überwachten Athletendorf zu verteilen. Zunächst fiel es
Fischer schwer bei dieser Verteilaktion mitzuwirken, da sich ein
Gefühl der Beklemmung bei ihm einstellte. Seine zur Seite gestellte
amerikanische Mitarbeiterin Hera Torch bemerkte das sofort und sagte,
er soll nur eine schwere Tasche mit den Prospekten tragen und sich
eventuell als Dolmetscher zur Verfügung stellen. Diese klein
gewachsene Götterbotin Torch war wie eine feurige Fackel, die ihre
Umgebung in Windeseile zu entfachen schien. Nach drei Stunden waren
die mitgebrachten fünfhundert Einladungen an Sportler und Trainer
der verschiedensten Nationen verteilt. Jonathan war ganz aufgeregt
als er Heike, die deutsche Seriensiegerin im Weitsprung erkannte und
diese bereitwillig seine letzte Einladung entgegen nahm. Als
Belohnung für seinen Mut bekam er von Hera einen Granatapfel
geschenkt. Andere Teammitglieder trafen sich in der Zwischenzeit in
der provisorischen Athletenkapelle mit bekennenden Christen aus den
verschiedensten Ländern. Der Besuch eines Krankenhauses wurde
vorbereitet. Am nächsten Tag half Jonathan, ein Mischpult mit Boxen
in der Aula des Ruiter Paracelsus-Krankenhauses aufzubauen. Die
internationale Sportlerband hatte nur kurze Zeit zum Proben,
versprühte jedoch bei ihrem Konzert eine große Freude, die sich
durch das ganze Hospital auszubreiten schien. In gleicher Manier
schwärmte die bunt aussehende Sportlerschaft am Ende der Gospelsongs
in die Zimmer der vier verschiedenen Flügel des Gebäudes. Sie
erzählten aus welchen Ländern sie kamen und welche Sportart sie
ausübten und leisteten so vielen dankbaren Patienten Gesellschaft.
Eines
darauf folgenden Abends traf sich das amerikanische Team zusammen mit
Pastor Müller und CVJM-Mitgliedern in einer Parkanlage im Zentrum
Stuttgarts. Sie sangen englische Lobpreislieder, die mit Gitarre
begleitet wurden. Danach dolmetschte der evangelische Geistliche den
Leiter des Sportlermissionswerks von Übersee, der Samuel Lay hieß
und sein bester Freund war. Es ging wieder darum, dass man sein Leben
Jesus übergeben soll. Ein weiteres Mitglied des amerikanischen Teams
wurde von Jonathan verdeutscht, und plötzlich kamen etwa zweihundert
Leute um zuzuhören. Der Sprecher Richy Hammer war so eine Art Arnold
Schwarzenegger, da es kaum ein T-Shirt gab, in das seine Muskelmasse
hinein gepasst hätte. Es handelte sich um den ehemaligen
US-Landesmeister im Diskuswerfen, der eine unglaubliche Lebensbeichte
abgab. Anscheinend hatte er nach seiner Sportkarriere Drogen
geschmuggelt und war in einer Todeszelle in Thailand gelandet. Am
Ende dieser überaus spannenden Geschichte meldeten sich zwanzig
Menschen, die ihr Leben in Gottes Hände übergeben wollten. Es war
dunkel geworden und die Versammlung löste sich auf. Jonathans letzte
Aufgabe bestand darin, den Bodybuilder und Fitnesstrainer Hammer zu
seiner Gastfamilie zu fahren. Er lief mit seinem Fahrgast durch die
Parkanlagen zum Auto und erzählte ihm, dass sie durch ein
gefährliches Gebiet laufen in dem vor kurzem ein Drogenhändler
erschossen worden ist. Richy schaute seinem neuen Freund tief in die
Augen und sagte, er fürchte sich vor seinen früheren Berufskollegen
nicht, denn wo die Finsternis groß ist würden Christen umso besser
scheinen. Jonathan bekam wieder ein mulmiges Gefühl, das sich um ein
vielfaches verstärkte als Hammer sich nach kurzer Ankündigung neben
einen bedrückt wirkenden Mann auf eine Parkbank setzte und anfing,
von der Liebe Gottes zu erzählen. Der deutsche Übersetzer wurde
umso bestürzter, als im auffiel, dass die finster ausschauende
Gestalt die Freiversammlung zuvor laut beschimpft hatte und nun
abermals zu fluchen begann. Plötzlich überschlugen sich die
Ereignisse. Der wütende Ansprechpartner zog eine Pistole und sagte
er würde Richy das Hirn aus dem Kopf blasen, wenn er noch einen Ton
über Jesus spricht oder er ihn sieht, wie er vor einer Menschenmenge
predigt. Richy Hammer fing an auf Englisch zu beten: „Keine Waffe
die sich gegen mich erhebt wird Erfolg haben.“ Jonathan hatte
längst aufgehört zu übersetzen, denn er hatte noch nie so große
Todesängste. Doch genau das wollte sein kühner Freund auf Deutsch
ausgesprochen haben, nämlich dass sie beide keine Angst vor dem Tod
haben. Sie würden sofort in den Himmel kommen, und das wäre genau
der Ort, wo der terrorisierende Waffenbesitzer in der Ewigkeit auch
hingehört. Auf einmal fing der Bedroher an bitterlich zu weinen und
fragte, ob Gott auch Mörder bei sich aufnimmt. Die Atmosphäre hatte
sich komplett geändert. Die drei Männer hielten sich an den Händen
und beteten gemeinsam um Vergebung. Als Jonathan im Bett war bekannte
er Gott, dass er zukünftig im Urlaub nicht wieder auf Schachturniere
fährt, wenn das Leben als Christ immer so spannend ist. Ein paar
Tage später beim Frühstücken traute er seinen Augen nicht, als er
ein Bild des Bedrängers auf der Parkbank in den Stuttgarter
Nachrichten erkannte. Es war der Parkmörder, der sich freiwillig bei
der Polizei gestellt hatte.
Der
Zeitpunkt der großen Fernsehreportage war gekommen, an dem berühmte
Sportler von ihrem Glauben erzählen wollten. Die Kongresshalle war
überfüllt mit Weltmeisterschaftsteilnehmern und Zuschauern.
Jonathan erklärte sich kurzerhand bereit als Ordner mitzuarbeiten.
Vor der Veranstaltung gab es ein riesiges Buffet mit den köstlichsten
Speisen für die Ehrengäste und das Sportler für Jesus Team.
Jonathan war fasziniert wie viel Berühmtheiten sein neuer Freund
Richy kannte, den er begleitete. Sie trugen beide ein rotes Trikot
mit dem Aufdruck des Sporlermissionswerks und begannen, mit
verschieden Gästen einen Smalltalk zu halten. Er ahnte nicht, dass
ausgerechnet der erfolgreichste US-Leichtathlet und die
Hauptattraktion des Abends ein enger Freund des Diskus-Champions
Richy Hammer war. Viele Bewunderer fragten sich insgeheim welche
leckeren Happen der Weltstar mit Namen Carl bei der Eröffnung des
Buffets nehmen würde. Carl hielt eine Banane in den Händen, als er
von Richey gefragt wurde, ob er ein gemeinsames Foto mit Jonathan
machen dürfe. Er stimmte zu und wollte zunächst die Südfrucht
fertig essen. Ausgerechnet in diesem Moment ertönte eine
Aufforderung über die Lautsprecher, dass alle Ordner ihre Positionen
einnehmen sollten. Jonathan war hin und her gerissen und fragte sich
was er tun sollte. Er entschied sich für den sofortigen Ordnerdienst
und wurde ins angrenzende Parkhaus abberufen. Anhand des immer wieder
hörbaren tosenden Applauses erkannte er, dass die Fernsehsendung zum
vollen Erfolg wurde. Ein Trost für ihn war, dass in der elterlichen
Wohnung sein Videorekorder alles aufzeichnete.
Jonathan
war ein ausgesprochener Hifi-Freak. Anstelle eines Mokicks wie sein
Bruder, wünschte er sich von seinen Eltern eine Stereoanlage mit
turmhohen Lautsprecherboxen zum sechzehnten Geburtstag. Alfred
Fischer unterstützte ihn als Liebhaber von klassischer Musik, weil
er die naturgetreue Musikwiedergabe im gemeinsamen Wohnzimmer selber
genoss. Andere Blinde profitierten ebenso von Jonathans
Technikleidenschaft, da er ihnen für ein kleines Zubrot ihre
Audiogeräte verkabelte und programmierte.
Der
Wunsch Jonathans, die Produktion und Ausstrahlung einer Radiosendung
im Innern eines Senders mitzuerleben, erfüllte sich am Morgen nach
der Fernsehübertragung. Erst einmal wurde Jonathan zum gemeinsamen
Frühstück bei Vera Fischer, der Hausherrin des etwa sechzig Jahre
alten Sportlerpastors Samuel Lay, eingeladen. Sie beteten für den
Brunch und für den segensreichen Ablauf eines Radiointerviews. Zwei
Stunden später befand sich Jonathan in einem Studio des
Südwestrundfunks und bekam seine Fragen zur Rundfunkübertragung
anschaulich beantwortet. Der Sender wollte ein Interview mit Samuel
aufzeichnen. Der Interviewer Elmar war in etwa dem selben Alter wie
Samuel und hatte die wärmste Stimme, die man sich vorstellen konnte.
Man besprach die Fragen und Jonathan übersetzte, da sein Englisch
besser als das des bekannten Moderators war. Ein weiteres
erstaunliches Lebenszeugnis wurde verbreitet. Lay erzählte über den
Erfolg und die gute Stellung die er im Beruf hatte, als Gottes Reden
ihn und seine Frau Anni nach Kenia führte. Er begann dort mit dem
Fahrrad Bibeln zu verteilen und predigte zunächst ein Jahr lang in
einem Zelt vor einer Schar von neun Zuhörerinnen. Als er nach
zwanzig Jahren mit Frau und sieben Kindern die am Viktoriasee
gelegene Nyanza-Provinz wieder in Richtung seiner Heimat verließ,
betreute er als Bischoff hundert Gemeinden. In diesem Moment wurde
Jonathan bewusst, dass sich die Pastoren Georg Müller und Samuel Lay
von Afrika her kennen mussten. Das Wachstum des Sportlermissionswerks
spielte sich in gleicher Weise ab. Einem kleinen Gebetskreis im
Wohnzimmer folgten Einladungen für Sportfeste an Schulen, Auftritte
bei Leichtathletik-Meetings von Universitäten, Gottesdienste bei
US-Meisterschaften und zuletzt regelmäßige Fernsehprogramme bei
Olympiaden und Weltmeisterschaften.
Ein
neuer Tag bei der Leichtathletik WM in Stuttgart brach an mit der
Entscheidung im zweihundert Meter Lauf. Jonathan hätte das Rennen
gerne im Fernsehen angeschaut, jedoch war sein Job an diesem Tag
Samuel Lay und Richy Hammer in ein Nobelhotel zu fahren. Anhand ihrer
Gespräche im Auto erfuhr er, dass sie dort für zwei heimische
Sprinter beten wollten, die das Finale erreicht hatten. Samuel hatte
einen besonderen Autorisierungspass und besaß dazu eine einzigartige
Ausstrahlung, dem selbst das Herbergspersonal nicht widerstehen
konnte. So bekam der altertümliche Bus einen Parkplatz direkt am
Haupteingang des Inter-Continental-Hotels zwischen diversen
Untertürkheimer Luxuslimousinen. Jonathan nahm in der Hotellobby
Platz und begann, in seiner mitgebrachten Bibel die Bergpredigt zu
lesen. Die englischsprachigen Landsleute würden keinen Übersetzer
in dem für sie vorbereiteten Tagungsraum benötigen. Nachdem Samuel
seine Ankunft über die Rezeption angekündigt hatte, musterte er das
Bibelstudium-Baby, das weit davon entfernt war, einen Master of
Theology, wie er abzuschließen. Unverhofft nahm er den jungen
Sportfan mit in den illustren Gesprächskreis zweier Weltrekordhalter
im Sprint. Aufgrund von ungewohnten medizinischen Fachausdrücken
konnte Jonathan nicht alles verstehen. Es ging zunächst um die Bitte
um Gesundung von Krankheiten der Familienmitglieder. Jonathan wurde
peinlich berührt und war total perplex, als der weltberühmte Leroy
ihn fragte, ob er verheiratet sei und ein Anliegen für seine Familie
hat. Jonathan hätte jeden seiner Sportkameraden für verrückt
erklärt, wenn sie ihm vor der Leichtathletik WM prophezeit hätten,
dass amerikanische Olympiasieger nach Stuttgart kommen und in einer
freundschaftlichen Fürbitte um eine wunderbare, zukünftige Frau für
ihn beten. Ein liebender, humorvoller Vater im Himmel würde dieses
Gebet tatsächlich noch erhören. Nun wurde das eigentliche Anliegen,
nämlich der bevorstehende zweihundert Meter Endlauf vor Gott
gebracht. Jonathan wunderte sich, dass die mit Medaillen überhäuften
Sprinter Leroy und Carl nicht selbstsüchtig um den Spitzenplatz
bettelten, sondern lediglich wünschten von Verletzungen verschont zu
bleiben. Richy der die ganze Zeit mit dabei war, erinnerte sich an
das Angebot ein Foto zu schießen. Jonathan kam in die Mitte und
wurde von Leroy und dem hundert Meter Weltrekordler Carl für das in
Übergröße zu entwickelnde Foto umarmt. Die Athleten und Trainer
versammelten sich daraufhin in der Hotellobby. Samuel begrüßte den
hinzugekommenen, aktuellen vierhundert Meter Champion Butch und
umarmte ihn herzlich. Der Diplomtheologe fing an Butch ungeniert in
der Hotelhalle zu segnen und dieser revanchierte sich auf dieselbe
Art. Das Personal beobachtete die zwei Amen Rufenden interessiert und
erkundigte sich bei Jonathan welcher Glaubensrichtung der
Sportlerpfarrer angehört. Daraufhin konnte Jonathan ein kurzes
Zeugnis für Christus ablegen.
Der
Tross bewegte sich im Anschluss daran in Richtung des riesigen, bis
auf den letzten Platz gefüllten Stadions. Jonathan war überwältigt
als er ohne Eintrittskarte im Pressebereich in der vordersten Reihe
Platz nehmen durfte. Er feuerte die lieb gewonnenen Akteure an und
beobachtete, wie sie den zweiten und dritten Platz erkämpften. Der
aus einem anderen englischsprachigen Land stammende Sieger posierte
mit seinen ungewöhnlich großen Bizeps vor der Weltpresse und sprach
für alle gut hörbar aus, dass sein Gott größer ist, als der
christliche Gott der Konkurrenten. Jonathan kochte vor Wut und musste
von Samuel und Richey korrigiert werden, weil er lauthals ein
Fäkalwort schimpfte. Sie erklärten ihm, dass Gott immer in
Kontrolle ist und ein Nachfolger von Jesus Christus sich besser
benehmen soll. Jonathan staunte nicht schlecht als einige Zeit später
das lästernde Großmaul des Dopings überführt wurde und damit
seine Karriere beendet war.
Der
letzte Tag der Weltmeisterschaft brach an, ein Sonntag. Jonathan
wurde beauftragt, den von der Kinderlähmung geheilten Kenianer
Rudolph Fixson aus dem Athletendorf abzuholen und in den
evangelischen Gottesdienst mitzunehmen. Diesmal musste die
Übersetzung für Fixson simultan von Deutsch auf Englisch
bewerkstelligt werden, und Jonathan sollte damit Schwierigkeiten
bekommen. Sein viel geliebter Seelsorger Müller predigte in einem
Tempo und mit der Energie einer in Fahrt gekommenen Dampflok, so dass
der feurige Fixson des öfteren Halleluja trompetete und Hände
klatschend applaudierte. Die anderen Besucher, von denen viele
dunkelhäutige Sportler waren, fingen an, dasselbe zu tun. Die
Atmosphäre des Meetings erhitzte sich zunehmend und glich mehr dem
Film „Sister Act“ als einer heiligen Messe. Am Ende geriet der
Gottesdienst ganz außer Kontrolle, weil die meisten Besucher wie
beschwipst lachen mussten. Sobald das gemeinschaftliche Gelächter
abflaute, krümmte sich eines der drei anwesenden Pastorenkinder
kichernd auf dem Boden und das Ganze ging von vorne los. Jonathan
durfte später nicht nur die zwei Töchter Melanie und Jessica sowie
den Sohn Joshua von Georg Müller näher kennen lernen, sondern auch
die liebevoll das Mittagessen zubereitende Ehefrau Christa. Die zwei
Wochen Arbeitseinsatz gingen zu Ende. Noch nie hatte Jonathan so
schöne Ferien verbracht. Er genoss es mit den zwei Müllertöchtern
im häuslichen Garten Fußball zu spielen, während der kleine Sohn
wippend auf dem Schoß von Rudolph saß. Fixson würde schon bald
nach Nairobi heim fliegen und von der Müllerfamilie begleitet
werden. Die Familie Müller besaß noch ein zweites Haus ohne
Stromanschluss und fließend Wasser, aber mit einzigartigem Blick auf
das Naturschauspiel der kenianischen Steppe. Jonathan konnte in
seinen Erinnerungen immer wieder von dieser Essenseinladung und von
den Ereignissen seines Spezialurlaubs zehren. Er ahnte nicht, dass er
dies künftig besonders nötig haben würde.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen