Die
Reise nach Jerusalem
Als
Jonathan Fischer vor Jahren die Weissagung der lieben, inzwischen
verstorbenen Schwestertante Hanna bekam, er könnte sogar einmal
katholischer Bischoff werden, hätte er bestimmt nicht gedacht,
ausgerechnet beim Verteilen von protestantischen Einladungen auf der
Königstraße daran erinnert zu werden. Der nächste vom CVJM
Christlichen Verein Junger Menschen organisierte offene Abend stand
vor der Tür. Eine Gruppe um Pfarrer Georg Müller hatte sich auf den
Freitreppen des Schlossplatzes versammelt und fing an, von Christa
Müller auf der Gitarre begleitet, christliche und jüdische Lieder
zu singen und für die Abendveranstaltung einzuladen. Jonathan war
frustriert, weil die von ihm eifrig angebotenen Flyer für den
Israelvortrag abgelehnt wurden oder sofort im Mülleimer landeten.
Einzig eine vorbei laufende römisch-katholische Nonne versprühte
Lebensfreude, indem sie ihm begeistert von ihren eigenen Reisen ins
gelobte Land erzählte und ihm empfahl unbedingt dort hinzupilgern.
Als die zum Gengenbacher Kloster zugehörige Ordensschwester las,
dass Ludwig Schneider von der NAI- Nachrichten aus Israel Redaktion
spricht, wollte die Franziskanerin sogar selbst später in die
evangelische Kirche kommen. Nach Beendigung der angeregten
Unterhaltung breitete sich die nächste Sinnkrise beim automatisch
seine römisch-katholische Kirchensteuer abführenden Gottesmann aus.
Beim zufälligen Anblick des im Königsbau befindlichen Reisebüros
erinnerte sich der Storyheld wehmütig, an seine Pläne nach Kenia
reisen zu wollen. Nun war er selbst wie eines der 68er Blumenkinder
auf der Straße gelandet, um für Jesus Christ Superstar Werbung und
sich, wie er meinte, lächerlich zu machen. Wäre er den
verführerischen Blicken dieses zum feindlichen Glaubenslager
gehörenden jungen CVJM-Mädchens vor langer Zeit nicht erlegen und
seinen Prinzipien treu geblieben, wer weiß was dann aus ihm geworden
wäre?
Eine
Hand legte sich um Jonathan Fischers Schulter und zwei dunkelrot
bemalte Lippen hinterließen einen herzlichen Abdruck auf seiner
rechten und anschließend auf der linken Wange. Eine schwarz
gelockte, angenehm duftende, dunkelblau uniformierte Stewardess
drückte den verzweifelten Einladungsversuchen einen Erstaunen
auslösenden Stempel auf. Phoebe Leontopoulou hatte ihren lieb
gewonnenen Hongkonger Passagier wieder erkannt: „Wow, Jonathan,
jetzt stehst du tatsächlich deinen Mann und stellst deinen Leib als
Gott wohlgefälliges Opfer hin. Ich übernachte in einem Cityhotel
bis morgen früh mein nächster Flug nach Rom geht. Nimmst du mich
mit zu der Veranstaltung?“ Jonathan stockte der Atem. Sollte ihm
der humorvolle Vater im Himmel einen weiteren Streich spielen und ihn
abermals aus einem Gefühlstal mit der Frau seines Lebens retten?
„Phoebe, dass du mich gleich wieder erkennst. Du siehst ja
bezaubernd aus. Darf ich dich als Dank für deine fürsorglichen
Patientendienste in mein griechisches Lieblingsrestaurant einladen?“
„Na klar, du brauchst dich aber nicht in Unkosten stürzen. Wir
haben gerade orthodoxe Fastenzeit, weshalb ich nur etwas Wärmendes
trinken möchte“, war die dankbare Antwort, der wie eine Venus von
Milo Statue, perfekt gebauten Aphrodite. Jonathan musterte seinen
neuen Schwarm genau, als sie beide auf der Gartenterrasse sitzend, an
einer Tasse Löwenzahn- und Brennesseltee schlürften und über
erstaunliche Erlebnisse plauderten. Außer einem kleinen, markanten
Höcker auf der Nase, den die wie Zwillinge aussehenden, gebleachten
weißen Zähne übertrumpften, schaute Phoebe makellos aus ihren
kaffeebraunen, blinzelnden Rehaugen heraus. „Sag mal, trägst du
auch Kontaktlinsen, weil du öfters deine Augenlieder auf und zu
schlägst?“, wollte der sich nach einer Frau sehnende Storyheld
einwerfend wissen. „Nein, das ist vielleicht die Aufregung über
deine spannenden Geschichten. Wie war das? Diese Magdalena hat dir
deine Augen zärtlich zugedrückt, nachdem du den Lamborghini
rückwärts zu Schrott gefahren hast, und dann hast du dich in sie
verliebt?“ Der begehrte Junggeselle erzählte weiter seine
Erlebnisse, so dass die Zeit wie im Flug verging. Das neu gefundene
Pärchen musste sich in Richtung evangelischer Kirche auf den Weg
machen, um nicht zu spät zu kommen. Jonathan fing an, die legere Art
der südländischen Meeresanwohner zu bewundern. Die ungezwungene
Schönheit, die sich bei ihrem platonischen Freund darüber beklagte,
wie schwer es in ihrem unsteten Berufsstand ist, ein ernsthaftes
Gegenüber zu finden, begann den verträumt Zuhörenden aus Spaß
wach zu kitzeln. Angriff als beste Verteidigung anwendend, begann der
eine Rippe suchende Jonathan ebenfalls seine Gespielin abzugreifen.
Die immer mehr Zutrauen Gewinnenden verstanden sich so gut, als ob
sie sich schon lange kannten. Hand in Hand schlenderten sie ihren Weg
zufrieden weiter. „Solche Momente sind für die Ewigkeit und
bleiben immer im Gedächtnis. Was meinst du Phoebe?“ „Ich genieße
jeden Tag von Neuem und versuche der Vergangenheit nicht
nachzutrauern. Morgen lasse ich mir in Italien die Sonne ins Gesicht
scheinen und im Sommerurlaub gehe ich drei Wochen auf eine
Israel-Freizeit. Kommst du mit Jonathan?“ „Eigentlich will ich ja
schon immer nach Kenia fliegen, aber dir folge ich überall nach“,
versprach der Fernreisende, dem es beim anschließenden Vortrag
mulmig wurde. Israel wäre ein Taumelbecher und Laststein für die
Nationen mit dem sie nicht fertig würden, weil sie sich gegen Gottes
Wort und Verheißungen wenden, behauptete Ludwig Schneider und
begründete dies mit zahlreichen Bibelstellen. Die Zuhörer lauschten
gespannt seiner Redegabe und applaudierten anerkennend am Ende des
Vortrags. Selbst die Franziskanernonne Scholastika bemerkte
anerkennend, dass die feurige Verkündigung der Wahrheiten Gottes
über seinen nie aufgehobenen Bund mit dem Volk Israel, auf vielen
Kanzeln fehle. Sie selbst bezweifle, als eifrige Schülerin des
Wortes Gottes, die populäre Ersatztheologie, nach der die Juden für
immer von Gott verworfen worden sind, und die christliche Kirche an
ihrer Stelle alle Segnungen für sich gepachtet habe. Betrachte man
die Greultaten der Inquisition, müsste demzufolge der liebende Vater
im Himmel seine Christkinder schon längst aufgegeben haben. Phoebe
und Jonathan nickten zustimmend. Leider war der Abend viel zu schnell
zu Ende gegangen. Die beiden tauschten ihre Adressen aus. Phoebe
wohnte in Frankfurt und wollte ihrem Verehrer die Pflichtlektüre
„Warum gerade ich?“ von Jakob Damkani zukommen lassen. Die
Sommerfreizeit in Jaffa wurde nämlich von dem messianischen Juden
und Schriftsteller organisiert.
Das
Wichtigste für den „Mitten ins Herz“ Getroffenen war daraufhin,
dass er in den großen Ferien frei bekommt. Wie wird wohl seine
Vorgesetzte Elisabeth Schätzle, die partout selbst in dieser Zeit
Urlaub wollte, entscheiden? Jonathan bekam zunächst eine Ablehnung,
da Kollegen mit Kindern in den Schulferien bevorzugt verreisen
durften. Das war eine bittere Pille für den frisch Verliebten. Er
haderte mit Gott. Könnte dieser ihm nicht eine Tür öffnen? Sollte
das etwa bedeuten, dass Phoebe ebenfalls nicht die richtige Frau für
ihn ist? Warum musste er gefühlsmäßig solche Höhen und Tiefen
durchleben? Und dann wurde er schon wieder als Trauzeuge für eine
Hochzeit angefragt. Magdalena heiratete. Die ehemalige Prostituierte
hatte ihren wahren Beschützer gefunden. Zunächst einmal flogen
zwischen ihr und Elymas die Fetzen. Als im Frühjahr Elymas mit den
dreizehn besten Zellgruppenleitern für zwei Wochen in die USA flog,
beschloss Maggie ihr gemeinsames Haus richtig aufzuräumen. Sie
verschaffte sich Zutritt ins Dachgeschoss des Edel-Ethos Centers und
vernichtete alle pornographischen Filme und Bilder. Ferner
verramschte sie in einem Schlussverkauf sämtliche esoterischen
Bücher und Gegenstände des Ladengeschäfts. Die Krönung war
jedoch, dass sie die von der Kundschaft bestaunte Gold-Pyramide
einschließlich Diamanten vom Pforzheimer Goldschmied halbieren ließ,
um ihre eigene Hälfte zu versetzen. Einen Teil des Erlöses
verwendete sie dafür, um alle von ihrem Hexenzirkel verursachten
Schmierereien in Form von unverständlichen Flüchen auf zahlreichen
Gebäuden, Wänden, Brücken und Unterführungen von einer
Spezialfirma entfernen zu lassen. Ihr Verlobter Frank Stein kam auf
die Idee als Sicherheitspfand den Computer mit wichtigen Geheimdaten
von Wicked-Oz zu konfiszieren, damit dieser nicht versucht ihre
Säuberungsaktion oder gar die Hochzeit zu torpedieren. Das war des
Guten zu viel und brachte den Manipulationskünstler bei seiner
Rückkehr auf die Palme. Elymas Wicked-Oz schrie und tobte
stundenlang wie ein kleines Kind, das seines Lieblingsspielzeugs
beraubt wurde. Zum Glück konnte er nicht wissen, dass Jonathan
beauftragt wurde, den PC bei sich zu Hause aufzubewahren. Der
eifernde Versuch eines Ringkampfes mit Frankenstein, war Angesicht
der Muskelmasse seines Nebenbuhlers hoffnungslos. Wicked-Oz begann
sich umso mehr zu fürchten, als er im Schwitzkasten befindlich
bemerkte, dass sämtliche dämonischen Tattoos auf Frankensteins
Armen verschwunden waren. „Wie zum Teufel konnte der Satanspriester
Frank diese Schandflecke weg bekommen?“, fragte sich der oberste
Druide Elymas. Der geplanten Abwesenheits-Säuberungsaktion war die
Wiedertaufe des Hexe-Monster-Pärchens im Neckar bei Plochingen
gefolgt. Denn der Seelsorger Georg Müller hatte empfohlen endlich
klar Schiff zu machen. Als der Pastor das zukünftige Hochzeitspaar
untertauchte geschah das größte Wunder, das der Geistliche je
bezeugen konnte. Beim Auftauchen von Frank Stein waren sämtliche
Körperzeichnungen wie weggewischt, als ob der Allmächtige sagen
wollte, dass alle Sünden ausgelöscht und im Wasser versenkt worden
sind. Dies bescherte den Evangelisations- und Bekehrungsbemühungen
im Rotlichtviertel weiteren Auftrieb, weil jeder der bekannten
Bewohner bevorzugt die Arme von Frank Stein betasten und nach dessen
Zeugnis gleichfalls getauft werden wollte. Dieser Frankenstein hatte
nicht nur eine Babyhaut bekommen, sondern selbst sein Haarwuchs
stellte sich wieder ein. Magdalena entwickelte sich in ihrem Denken
und Handeln zu einer Art Mutter Theresa und stellte einen großen
Teil ihres Vermögens für die Armen zur Verfügung. Das war für die
Boulevardblätter ein gefundenes Fressen, die ihre Trauung in der
überfüllten Leonhardskirche an die große Glocke hängten. Im
Gegensatz zu Elymas kam sich Jonathan nicht als Verlierer des Spiels
vor, da er lediglich Empfindungen für Phoebe verspürte, mit der er
in regem Telefonkontakt stand.
Neben
seinen zahlreichen Gesprächen mit Markus Ruf bekam Jonathan einen
unerwarteten Anruf, der ihn über die neuesten Entwicklungen der
„Schau auf Jesus“ Gemeinde informierte. Der Stuttgarter
Gemeinderat Bernd Scheu kochte vor Wut über einige Zeitungsenten,
die seine Familie in Verruf brachten und für reichlich Spott
sorgten: „Storch verwechselte Babies“ war eine harmlose
Schlagzeile im Gegensatz zu „Kirchlicher Gruppensex im Heumadener
Gebetsraum erzeugte fremde Früchtchen.“ Die Presse machte sich
aufgrund eines anonymen Hinweises darüber lustig, dass seine Tochter
Reinhild und der Schwiegersohn Martin Peter Anrich regelmäßig ein
asiatisches Schlitzaugenbaby im Storchenmühle-Kinderwagen herum
schoben, und die in der Nachbarschaft wohnenden Vera und David Diao
ein rein deutsch aussehendes Kind auf einem Schnappschuss in einer
Römer-Babyschale transportierten. Sollten sich die östlichen Lehren
von Bhagwan über die freie Liebe bei den christlichen
Abtreibungsgegnern ausgebreitet haben? Papa Scheu war sich sicher,
dass Wicked-Oz hinter dieser listigen Intrige steckte. Der Zauberer
hatte inzwischen die Gesamtleitung, inklusive das Wort zum Sonntag,
in der evangelischen Freikirche übernommen. David Diao war nämlich
beschuldigt worden, er könne nicht richtig mit Geld umgehen und wäre
lediglich ein chinesischer Wirtschaftsflüchtling. Außerdem würde
er seine Mitglieder durch seine Spendenaufrufe manipulieren und
Psychoterror ausüben, damit sie 10 Prozent ihrer Einnahmen abgeben,
um die kommende Miete für das Daimler-Stadion und die laufenden
Kosten für die Musicalhall bezahlen zu können. Wegen steigender
Anfeindungen im Gottesdienst, in Mode kommender
vellolenel-gelbel-Kindel-Witze in der Öffentlichkeit und
letztendlich einer krisenhaften Vorstandssitzung trat der
Gemeindegründer Diao vorsorglich von seinem Dienst zurück. Die vor
der Tür stehende Evangelisationsveranstaltung hatte Jonathan aus
Bitterkeit verdrängt, aber wo kamen denn die vertauschten Babies
her? „Adoptiert vom Jugendamt und aus einem Waisenhaus in
Kambodscha“, wusste der Mitbegründer einer Aidsstiftung Bernd
Scheu zu berichten und fuhr fort: „Diesem ungeheuerlichen Elymas
muss man das Handwerk legen. Das meine nicht nur ich, sondern auch
meine Tochter Reinhild die nach wie vor große Stücke auf sie hält.
Durch meine Verbindungen zur Stadtverwaltung habe ich dafür gesorgt,
dass sie als ursprünglicher Geldgeber die Gesamtverantwortung der
Großveranstaltungen übertragen bekommen. Sind sie einverstanden?“
„Eigentlich
habe ich keine Lust mich weiter mit Elymas Wicked-Oz anzulegen. Wie
soll denn das Evangelisations-Wochenende verlaufen?“ „Zunächst
einmal gilt es ein Heavymetallkonzert und eine Massenhypnose zu
verhindern“, war der Anfang von weiteren Erläuterungen des
Beinaheschwiegervaters und Dosenfabrikanten Bernd Scheu.
Der
die Stunde der Vergeltung herbei wünschende Jonathan wusste, dass
ihm mit Wicked-Oz, Straussinger und Kempe drei starke
sitzungserprobte Gegner im Ausschuss der Wochenendveranstaltungen
gegenüberstehen. Nach langatmigen, vergeblichen Versuchen die
Programmabläufe zu ändern, gab sich der Technikfreak Jonathan damit
zufrieden, Regie am Mischpult übernehmen zu dürfen. Seine
Vorschläge Frank Stein als Personenschutzbeauftragten einzustellen
und die frischvermählte Magdalena das Cateringgeschäft übernehmen
zu lassen, verursachte bei Elymas zunächst großes Unbehagen. Unter
der von Wicked-Oz gestellten Voraussetzung, dass ein bestimmtes Pfand
zurück gegeben wird, wurde auch dies von den nichts Gutes ahnenden
christlichen Heuchlern, die ihren guten Kern beweisen wollten,
akzeptiert.
Hätten
sie gewusst, dass alsbald Frank, Magdalena und Markus zu einem
Geheimtreffen nach Denkenstadt in die Schloßstraße kommen, um sich
über zahlreiche Interna auszutauschen und ein letztes Mal den
einbehaltenen Computer zu durchsuchen, wäre die Entscheidung
sicherlich anders ausgefallen. Markus Ruf berichtete zunächst von
seiner USA Reise, die er seinem Förderer Wicked-Oz zu verdanken
hatte. Auf Empfehlung von Elymas war er nicht nur Mitglied in der
Veritas-Burschenschaft, sondern auch in der gleichnamigen
Freimaurerloge geworden. Er habe zwar bei seinem Leben geschworen,
keine Geheimnisse weiter zu sagen, aber nachdem eine
Reiseteilnehmerin auf mysteriöse Weise in Kalifornien verschwunden
ist, habe er genau Tagebuch geführt und alles Bösartige notiert.
Einerseits hätte er seine Zeit an den luxuriösesten Orten, wie auf
einem riesigen, altertümlichen Schloss mit römischen Bädern
verbracht, andererseits habe er sich so unwohl wie noch nie gefühlt
und kaum ein Auge zugetan. Das schlimmste Erlebnis seien die
nächtlichen Hilferufe der wahrscheinlich ertränkten Katharina
Hutter gewesen, die nach dem Besuch von Hearst Castle spurlos
verschwunden war. Diese mutige Frau hatte es gewagt beim Abendessen
Wicked-Oz ins Gesicht zu sagen, dass er ein christlicher Schauspieler
sei, der im Verborgenen die schlimmsten Satansbräuche ausübt.
Daraufhin wäre sie auf eigenen Wunsch hin vorzeitig abgereist, aber
nie in Deutschland angekommen. Überhaupt sei die USA und ins
besonders Washington eines der okkultesten Machtzentren der Welt. In
der Mutterloge beherrschen babylonische und ägyptische Götzen die
Szene, die wie er mit eigenen Augen gesehen hat, sogar von einem in
Kürze nach Stuttgart kommenden, weltberühmten Prediger verehrt
werden. Markus habe eine Liste seiner Beobachtungen angefertigt, mit
den Namen von zahlreichen Persönlichkeiten, die sich mit speziellen
internen Erkennungszeichen in der Öffentlichkeit zu verstehen geben.
Das Unglaublichste wären allerdings Neue-Weltordnung-Agenda-Briefe
über die geplante Alleinherrschaft des Antichristen, der ein großes
Maul wie ein Löwe haben soll. Wicked-Oz habe diese wichtigen
Dokumente für die Europazentrale in London mitgenommen und nicht
bemerkt, wie der sich um Kopf und Kragen fürchtende Markus, diese
trotzdem heimlich in dessen Hotelzimmer abfotografierte. Als Banker
würde es Jonathan sicher interessieren, dass bald eine schwer im
Gedächtnis memorisierbare, zweiundzwanzigstellige
Einheits-Kontonummer eingeführt wird, damit die geplagten Menschen
eher bereit sind das Zeichen des Tieres in Form eines Mikrochips auf
ihrer Stirn oder am Handrücken anzunehmen. Jonathan selbst hätte ja
nach seinem Las Vegas Aufenthalt behauptet zu wissen, dass das
Bargeld abgeschafft würde und zukünftig nur noch per Computer-Hilfe
bezahlt werden kann. „Das ist ja alles höchst interessant. Was hat
Wicked-Oz denn sonst noch geplant?“, wollte der um seinen
Arbeitsplatz gebrachte ehemalige Bankfilialleiter Fischer wissen.
„Die größte Show wird er am Wochenende beim „Sehe und Glaube“
Kongress im Gottlieb-Daimler-Stadion abziehen. Er dachte er könne
Maggie mit einer Massengeisteraustreibung imponieren und an sich
binden“, hatte Markus Ruf erfahren. „Da kommt er zu spät“,
lachte Frank Stein und Magdalena meinte: „Ich glaube wir sollten
ihm die Suppe die er zusammenbraut gründlich versalzen und einige
seiner Geheimnisse ans Licht der Öffentlichkeit bringen. Alles was
Markus sagt stimmt. Ich selbst habe bei meinem USA-Aufenthalt in
einem magischen Geisterschloss an einem tödlichen Hexen-Wettkampf
teilgenommen und kenne die sich durch ihre Blutschwüre in Sicherheit
wiegenden Brüder genau. Die besten Informationen werden wir, so wie
ich meinen peniblen Ex kenne, auf seinem PC finden.“ „Dann lasst
uns mal die Festplatte nach spitzen Kieselsteinwaffen durchsuchen“,
schöpfte der Theologiestudent Markus neuen Mut. Jonathan freute sich
ungemein als er das Gerät an seinen Monitor anschloss und die ersten
Datenpakete entpackte. Triumphierend verkündigte der gefeuerte
Bankangestellte und Kirchenvorstand: „Amen, Jesus Christus hat den
Kopf der Schlange zertreten. Ihr werdet sehen, dass bald ein paar
Dämonen unter unseren Füßen liegen.“
Danach
sah es dagegen beim Start der Samstagsveranstaltung „See And
Believe“ überhaupt nicht aus. Die Gruppe „Mega Egyptian Death“
spielte ihre Stücke Return to Babylon, Sunrise over Pyramid´s
Grave, Obelisk´s fallen Moonstar und als Krönung läuteten
dreizehnmal die Glocken von Hell´s Bells vor einer in Feuer
getauchten riesigen Illuminaty-Schrift. Den größten gewaltigsten
Auftritt hatte jedoch Elymas Wicked-Oz vor einem senkrecht
projizierten, kolossalen, in den Bann ziehenden menschlichen Auge,
ähnlich wie bei den Bregenzer Festspielen. Überhaupt war die
rotierende, dreieckige Bühnenfläche der Form des alles sehenden
Auges eines mittelalterlichen Altarbildes nachempfunden. So konnten
die 60000 Zuschauer das kreisende Geschehen gleichmäßig in
wiederkehrenden Umläufen verfolgen. Wicked-Oz kündigte an, dass er
einen Rekord für das Guinness Buch in Form der größten
Massenhypnose aufstellen möchte. Er versprach den Besuchern, sie mit
Unterstützung eines Scheingeists, wie Sterne über den Himmel zu
erheben, wo ihnen leuchtende Engel und verstorbene Heilige begegnen
würden. Alles was sie tun müssten wäre, sitzend auf die magischen
Augen zu achten, ihre Arme wie Antennen zu heben, sich in entspannter
Haltung innerlich total zu öffnen und ihren Verstand und Denkprozess
vollständig zu entleeren und auszuschalten, damit der Weltengeist
sie gänzlich durchdringen und erfüllen kann. Auf Fingerzeig hin
wurde es totenstill. Die Glocken von Hell´s Bells begannen abermals
zu erklingen. Elymas lies die Menge nachsprechen: „Ich verlasse
jetzt meinen Körper“. Mit einem lauten Fingerschnipps des
Hypnotiseurs sackte das gesamte Stadion wie bei einer La-Ola-Welle
urplötzlich zusammen. Fast alle Besucher lagen oder saßen bewusst-
und regungslos auf ihren Sitzen. Wicked-Oz begann zu indoktrinieren:
„Tue was du willst, soll sein das ganze Gesetz. Das Gesetz des
Starken, das ist das höchste Gesetz des Thelema. Zu töten alle
Feinde des Weltfriedens- und der Ordnung, das ist Recht.“ Mit einem
weiteren Fingersignal über das Mikrofon kamen die Leute wieder zu
sich. Viele der bedeppert Aussehenden bezeugten tatsächlich
Engelserscheinungen bekommen und einige Entgeisterte behaupteten,
Kontakt mit toten Verwandten aufgenommen zu haben. Der bis dahin
leise im Hintergrund mitwirkende Leadsänger Mick und sein Gitarrist
Rory begannen, plötzlich laut schreiend wie Heuschrecken zu hüpfen
und ihre Pferdemähnen zu schütteln, um sich danach wie Schlangen
zischend auf dem Bühnenboden zu winden. Elymas gebot im Namen
Apollyon, dass Dämonen der Qual aus ihnen heraus in die Hölle
fahren sollen. Die Autorität mit der er waltete machte bei den
Bandmitgliedern und Zuschauern einen mächtigen Eindruck, denn sofort
beruhigte sich die Lage. Das war das Startsignal für die eigentliche
Attraktion des Abends, nämlich der umjubelte Auftritt des am
höchsten angesehensten Predigers aus den USA, der nach Jonathans
Ansicht mit seinen grauen Haaren aussah wie ein Wolf im Schafspelz.
Die Botschaft ging über den Architekt des Universums der Salomos
Groß-Tempel der universellen Bruderschaft wieder aufbauen möchte
und dafür möglichst viele unbehauene, menschliche Steine benötige.
Wer sich darauf einschwören möchte sollte nach vorne kommen. Das
mit schwarzen Plastikplanen bedeckte Fußballfeld füllte sich mit
Menschen, die sich vor der am Mittelkreis aufgebauten, kreisenden
Bühne niederknieten, um ihr Leben dem Gott dieser Welt zu übergeben.
Entscheidungskärtchen wurden ausgefüllt, die an die örtlichen
Gemeinden weiter gereicht wurden. Neben den christlichen Hauptkirchen
profitierten sogar die Synagogen und Moscheen von der Vermittlung
Gleichgläubiger. Die Zeitungen waren am nächsten Tag voll des Lobes
über das tolerante, humanistische, weltoffene und überkonfessionelle
Glaubens- und Erlebensspektakel.
Der
Sonntagmorgengottesdienst mit dem Motto „Pro Weltfrieden –
Verstehen und Glauben“ wurde durch einen singenden, englischen Lord
eröffnet, der mit seiner Gitarre eine ominöse Version von John
Lennons Imagine zum Besten gab. Zum Abschied verriet der Sir, der ein
obszönes Jesus-war-schwul-Hemd trug, dass er bald seinen
Vermögensverwalter, einen ehemaligen römisch-katholischen Pfarrer,
in der anglikanischen Kirche heiraten wird. Ein afrikanischer
Voodoopriester entfachte, ob dieser freudigen Botschaft, einen
schamanischen Segenstanz zur Heilung der Mutter Erde, dem sich seine
bunt bemalten Indio- und Indianerkollegen anschlossen. Ein
allumfassender Altar mit einer goldenen Buddha-Statue wurde auf der
Bühne aufgestellt, vor dem sich der orange bekleidete Dalei Lama
oder ein zum Verwechseln ähnlich ausschauender anderer
buddhistischer Abgeordneter im Schneidersitz meditierend verneigte.
Ein Rabbi stellte mit dem Oberkörper wippend die Chanukkia auf und
trug mit Gebetsriemen- und Schal bekleidet ein hebräisches
Friedensgebet bei. Eine arabische Delegation brachte vor Freude ein
geschächtetes Schaf mit und ließ ihren Iman einen moslemischen
Gebetsruf über die Lautsprecher vorsingen. Da durfte eine indische,
hinduistische Abordnung mit heiliger, rot gepunkteter Kuh, die mit
vom Vatikan gestifteten Mineralwasser aus Assisi gewaschen wurde,
nicht fehlen. Den leiblichen Höhepunkt bot eine
Transsubstantiations-Abendmahlfeier, die von einem vergötterten
Petrusjünger auf einem riesigen heiligen Stuhl zelebriert wurde. Zum
Abschluss durften alle gestärkten Religionsrepräsentanten ihre
gesegneten Bücher auf den Tisch des Herrn legen und gelobten nie
wieder schlecht oder herablassend über die anderen
Glaubensrichtungen zu sprechen, da die Wahrheit überall zu finden
ist.
Nach
einer fälligen Mittagspause, bei der sich Magdalena, die ehemalige
Hexe, an ihren Besenwirtschaft-Ständen mit Schmalzbroten und
Scheiterhaufen dumm und dämlich verdiente, startete eine
Podiumsrunde mit illustren Persönlichkeiten. Hänsel Deifel, ein in
München promovierter Tübinger Theologieprofessor klinkte sich
weiter in das Völker verbindende Thema der Eine-Welt-Religion ein,
indem er seine Vorstellung vom Weltethos der Frieden
ausdiskutierenden Menschheit verkündigte und vom Nationen einenden
Europa schwärmte, das um Mitmenschen nicht zu beleidigen oder zu
diskriminieren, ganz ohne Gottesbezug in der Verfassung auskommen
kann. Unterstützung fand er in seinem Freund und Meister vom Stuhl
Johannes Ratzinger, der ebenfalls dem Vorstand einer neu gegründeten
Global-Stiftung angehörte. Dem aktuellen Generalstaatsanwalt war es
wichtig darzulegen, wie notwendig es ist, Computer online durchsuchen
zu dürfen, um Schwerverbrecher bekämpfen zu können. Ins gleiche
Jagdhorn blies sein Logenbruder Justizminister Straussinger, der
forderte, das Militär auch im Innern bei
Flugzeug-Selbstmord-Attacken oder Großdemonstrationen einsetzen zu
können und den Vorschlag zur Einführung der Todesstrafe bei
Aufständen in die neue EU-Verfassung mit einbringen wollte. Für
mehr Toleranz warb auch der Immobilienexperte Karl Kempe, der es
bedauerte, dass seine zu Unrecht verleumdete Scientology Kirche in
Deutschland noch nicht den steuerbegünstigten Status, wie in anderen
Ländern bekommen hat. Gerne würde er diesen Punkt beim nächsten
G8-Gipfel, als von den Glaubensgeschwistern der US-Delegation
eingebrachten Tagesordnungsvorschlag sehen. Der durch das Programm
leitende Wicked-Oz erläuterte den Zuhörern im Stadion und am
Fernsehen, dass sie sich als unbescholtene Bürger keine Sorgen
machen müssen, wenn mehrere ins Leben eingreifende
Gesetzesänderungen kurz vor dem Abschluss stünden. Er selbst hätte
überhaupt nichts zu verbergen und dagegen, wenn man die Daten seines
Computers durchforsten würde oder überall in der Öffentlichkeit
Videoaufzeichnungen von ihm gemacht würden. Lauschangriffbefürworter
Kempe pflichtete noch weitreichender bei, dass er damit einverstanden
wäre, wenn zur Sicherheit, wie bei Big Brother, Aufnahmen von zu
Hause gemacht werden, das Badezimmer selbstverständlich ausgenommen.
So würde fast seine komplette Villa seit 1984 von Kameras überwacht.
Ratzinger warb für die innovative Mikrochiptechnologie bei Pässen
und Zahlungsmethoden, die durch neueste Computer- und
Speicherentwicklungen den Kampf gegen den Terror wesentlich
erleichterten. Außerdem sollten sämtliche Handy- und
Telefongespräche ein Jahr lang von den Telekommunikationsfirmen
festgehalten werden und die Deutsche Telekom die Erlaubnis bekommen
wichtige ISDN-Gespräche mitzuhören, falls sie es sowieso nicht
schon tat. Straussinger merkte an, dass der US-Geheimdienst CIA zur
Verbrechensbekämpfung heute schon alle größeren
Auslands-Überweisungen kontrolliert, die über den „das Biest“
genannten SWIFT-Zahlungscomputer in Brüssel laufen, und es deshalb
sinnvoll ist, das nicht mehr vorhandene Bankgeheimnis ganz
abzuschaffen. Durch eine einheitliche EU-Fiskalgesetzgebung mit
identischen Quellensteuern, die durch vereinfachte, überall
hinterlegte, lebenslange, personenbezogene Steuernummern verbucht
werden, sollten auch Steueroasen wie die Schweiz, Liechtenstein oder
Luxemburg fallen, und alle Kontodaten rückwirkend gegen eine kleine
Hehler-Gebühr von der deutschen Steuerfahndung oder den
Wohnsitz-Finanzämtern überprüft werden dürfen. Der überaus
intelligente Ratzinger bekam den Einfall, dass der eifrige
Bundesnachrichtendienst BND einen Spamfilter entwickeln könnte,
damit bei der künftigen Kontrolle von Emails die unerwünschten
Meldungen gleich für die Bundesbürger gelöscht werden, und die
nervenden Versender besser ermittelt und bestraft werden können. Das
fand den tosenden Beifall vieler Zuhörer.
Eine
Fragerunde wurde eingeleitet, bei der Markus Ruf als scheinbar
zufällig ausgewählter Theologie Student sich nach den zeitlichen
Abläufen der Gesetzesnovellen am Funkmikrofon auf der rotierenden
Dreiecks-Bühne erkundigen sollte. Straussinger antwortete, dass die
Gesetzestexte in den Parteigremien schon beschlossen worden sind und
nur noch durchs Parlament müssen. Bei wenigen Punkten könnte die
fehlende Zustimmung des Bundesrats oder eine Klage vor dem
Bundesverfassungsgericht ein Thema sein, weil es immer Widerständler
gibt, die eine Verletzung des in die Jahre gekommenen Grundgesetzes
befürchten. „Meinen sie damit die Würde des Menschen oder den
Schutz der Privatsphäre?“, wollte Ruf wissen. „Wie wir bereits
erörterten, haben unschuldige Bürger überhaupt nichts zu
befürchten“, sprach Generalstaatsanwalt Ratzinger und fand
Unterstützung vom jesuitischen Theologen Deifel: „Falls die
Vorschläge nicht in der deutschen Verfassung verankert werden,
machen wir es besser gleich zum EU-Recht.“ Ruf bohrte weiter:
„Apropos EU, wäre es denkbar, dass in Europa wieder Panzer auf den
Plätzen auffahren und Demonstranten erschossen werden, Herr
Justizminister?“ „Diese Fragestellung war nicht verabredet.
Worauf wollen sie heraus?“, antwortete ein sich sichtlich
verfinsternder Max-Moritz Straussinger, der nicht wissen konnte, dass
seine größte Blamage vor der Tür stand und seine Lebensuhr kurz
vor dem Auslaufen war. „Dann gestatten sie mir eine anderes
Denkspiel. Sind sie alle damit einverstanden, wenn wir ihre harmlosen
Gesetzesinitiativen zur Probe in ihrem eigenen Leben anwenden?“,
war die nächste freche Anfrage des verräterischen Veritas-Bruders
Ruf.
Nach
einer kurzen Atempause, der ein alles durchdringender Blick von
Elymas vorausgegangen war, bejahten notgedrungener Maßen alle
Diskussionsteilnehmer durch ein zaghaftes Kopf nicken. „Vergessen
wir diese Hirngespinste und lassen sie uns zum nächsten
Programmpunkt übergehen. Ich bitte die Regie eine zusammen
geschnittene Präsentation zur neuen Weltordnung einzuspielen“,
versuchte Wicked-Oz die Zügel wieder in die Hand zu bekommen.
Endlich war die Stunde von Jonathan Fischer, des ursprünglichen
Initiators der Veranstaltung, gekommen. Jonathan konnte zu guter
Letzt seine wahren Stärken am Schaltpult ausspielen, indem er einen
zurecht gelegten Videoclip auf der Großleinwand einspielte. Sein
Freund Markus, der in England eine ähnliche, mächtige Gottesvision
bekommen hatte wie Jonathan, hatte überhaupt nicht die Absicht, das
einmal erteilte Wort wieder abzugeben. Der bestens vorbereitete
Markus Ruf fing an zu erklären: „Lassen sie uns zum besseren
Verständnis das Motto Glaube und Sehe einmal umkehren und das alles
sehende Auge in lebendige, einsichtsvolle Bildern umwandeln. Herr
Ehrenprofessor Kempe hat ja bereits erwähnt, dass ein Film von
seinem trauten Heim bedenkenlos aufgezeichnet werden kann. Hier sehen
wir auf seiner Garagen-Überwachungskamera, wie er seine leblose Frau
Maria gemeinsam mit seinem Parteigenossen Straussinger unsanft in den
Kofferraum eines Cabrios befördert. Sie glauben nicht, dass diesen
Streich Max-Moritz mit ausheckt. Dann achten sie auf das hintere S-MM
Nummernschild des daneben geparkten Porsches 914-6 und auf ein in der
selben Nacht geschossenes Foto einer Radarüberwachungsanlage. Das
Bentley Continental Cabrio ist genauso wenig ein
Allerweltskraftfahrzeug. Oh, wie schön man dank der heutigen Technik
die verdutzten Blitzlicht-Gesichter des Fahrers und Beifahrers
erkennen kann. Fehlt nur noch ein Mitschnitt von der Sterbehilfe auf
der Autobahnbrücke. Die gewöhnliche Zeugenaussage eines
Lastwagenfahrers reichte Johannes, dem einstigen Oberstaatsanwalt
beklagenswerter Weise nicht aus. Bei der heutigen Flut von
behördlichen Prozessen kann bekanntlich das ein oder andere von der
Polizei sicher gestellte Beweismittel verloren gehen. Wie gut, dass
Oberdruide Wicked-Oz anhand zugespielter Informationen genau über
alles Buch führte. Als ausgesprochener Befürworter von
Online-Durchsuchungen hat er sicher nichts dagegen, wenn wir ein
bisschen mehr Erpressungs-Material aus seiner kopierten Festplatte
auswerten. Das Publikum traut den ehrenwerten Herren Straussinger und
Kempe vielleicht so viel stümperhafte Bosheit nicht zu. Auch nicht
wenn sie die beiden gefesselten Masochisten in Uniformen von Hitler
und Mussolini sehen? Dass es sich hierbei nicht um eine Fotomontage
handelt, hat die dominante Halterin der Peitsche Frau Osiris-Ra, die
jetzt Magdalena Stein heißt, bereits an Eides statt versichert.“
Die bislang wie gebannt zuschauenden Straussinger und Kempe gaben
sich einen durch Adrenalinausstöße begünstigten Ruck, sprangen
auf, versuchten Ruf das Mikrofon zu entreißen und an den Kragen zu
gehen. „Ich reiß dir die Zunge raus“, drohte der Justizminister
und der Ehrenprofessor schwor: „Ich schlitze dir den Hals auf!“
Dies war das Startsignal zum Einschreiten für Frank Stein und seine
Sicherheitstruppe, die die beiden Unterlegenen im Handumdrehen in
Handschellen steckten. „Abführen, die zwei Übeltäter lasse ich
nach Stammheim hinter Schloss und Riegel bringen. Dort werden sie
niemanden mehr schaden!“, befahl der einschreitende oberste
Staatsdiener Ratzinger. „Die Untersuchungshaft hätten sie schon
vornehmen müssen, als der Banker Jonathan Fischer im Beisein von
seinem vermeintlichen Unterstützer Elymas Wicked-Oz die oben
eingeblendeten Belege über Waffen- und Geldwäschegeschäfte in
ihrem Büro vorgelegt hat“, bemerkte Ruf und fuhr fort,
„mittlerweile liegt die Summe von über 4 Millionen gigantischer
Bytes an Geheim-Daten bei der etwas gewissenhafteren
Staatsanwaltschaft Bochum vor. Denn sie sorgen als eloquenter
Gesprächsleiter und Meister vom Stuhl lieber dafür, dass
respektlose aufmüpfige Leute wie Fischer ihre Posten als
Kirchen-Kassierer, Hausverwalter oder Filialleiter verlieren.
Normalerweise werden solche Vorgehensweisen, wie ich selbst bezeugen
kann, nur mündlich in unseren Veritas-Freitags-Geheimtreffen
besprochen. Aber freundlicherweise finden sich weitere Details in dem
regen Email-Verkehr zwischen einem gewissen Nicolas und Elymas
wieder. Ja, Ja, schon gut, wir wissen schon, dass sie die Namen der
Spender bzw. Hinweisgeber nicht nennen dürfen. Auch haben sie
natürlich nichts mit dem Tod von Bankdirektor Gebhart Scharkfisch
und der Volksbank-Denkenstadt-Reichskristallnacht zu tun, denn die
Anweisung an die mobile Eingreifen Gruppe 8 Abteilung F zur
Vollstreckung des Scherbengerichts kam von dem bösen Adolf oder
Nicolas, dem spanischen Gerichtsschreiber, der ihren französischen
Sekretär mit samt PC nutzt. Was sagt denn der Kommunikator Herr
Elymas dazu?“, schloss der eine weitere erfolgreiche Attacke
führende Markus. „Ich kann gar nichts dazu sagen, da mir mein
entwendeter Computer erst kürzlich wieder zurück gegeben worden ist
und einer dieser Chaos-Computerclub-Hacker jede Menge fremder Daten
darauf gespielt hat. Meine Damen und Herren, lassen sie sich bitte
nicht von diesem infantilen, impertinenten Demagogen beeindrucken.
Die Podiumsrunde ist hiermit beendet“, sprach der clevere Zauberer
und machte sich schnell mit Ratzinger und Deifel aus dem Staub.
Jonathan Fischer ließ es sich nicht nehmen, den Flüchtenden mit
einer visuellen und akustischen lauten Explosion, des sich in
tausende Teile zersprengenden Auges, einen letzten Schreck
einzujagen. Die erstaunte Volksmenge verfolgte freudig deren davon
jagenden Austritt durch die Katakomben. So eine blamable Vorstellung
waren die Fußballfans eher nach einer hohen Heimniederlage ihres VFB
Stuttgart gegen Bayern München gewohnt, während die Krimiliebhaber
meinten, eine subtile Tatort- oder ungeheuerliche Aktenzeichen
XY-Folge wahrgenommen zu haben. Wie beim Abspann eines Kinofilmes
bekamen die amüsierten Beobachter, die geplanten Gesetzesänderungen
der Artikel 5, 8, 10, 13, 18, 35 und 102 des Grundgesetzes zum
Schluss von Jonathan abgespult. Dies sorgte nicht nur für reichlich
Zündstoff an Magdalenas Besen oder in Untertürkheims Stammtischen,
sondern auch für eine kritischere Berichterstattung in den wach
gerüttelten Medien. Der Sieg von Markus Ruf war, dass die
einschneidenden Kontrollmechanismen ins persönliche Leben vorerst
nicht wie beabsichtigt verabschiedet werden konnten. Jonathan Fischer
fühlte sich ebenfalls hervorragend, da seine Reputation wieder in
der Öffentlichkeit hergestellt war und sein mit ausgeheckter Streich
in die Geschichtsbücher einging.
Ein
weiteres geistliches Erdbeben ereignete sich in der „Schau auf
Jesus“ Gemeinde, die sich zu spalten begann. Der in Demut und
Sanftmut wandelnde Martin Peter Anrich legte seine Pfadfinderorden
und Verdienstkreuze ab, unterteilte den riesigen Stamm in mehrere
kleinere Regionen und führte einzig und allein über notwendige
Bereiche Buch. Das militärische Führungsprinzip der Royal Rangers
wurde geglättet, indem ein gleichberechtigter Ältestenrat über
wichtige Entscheidungen beriet und ein Leiter den anderen höher
achtete, als sich selbst. Pastor David Diao entschuldigte sich bei
allen Mitgliedern für Unwahrheiten und Übertreibungen, die er
meinte zur Ehre Gottes verbreiten zu müssen. Er gestand, dass er in
Wahrheit nicht alle 40 Tage gefastet hatte, und die vermeintlichen
Schussverletzungen auf der Brust tatsächlich Folterspuren von
brennenden Zigaretten waren, weil das reale Erschießungskommando
seinen früheren Hauskirchenleiter betraf. In Zukunft wollte der zur
Übertreibung neigende Asiate reinen Tisch und sich selbst so klein
wie ein Eselsfüllen machen, damit der Herr Jesus Christus mehr im
Vordergrund sitzt. Nach einem heftigen Streit im Gemeindevorstand
über Hypnose und Manipulation im Gottesdienst, trafen sich viele
Besucher wieder unter der Leitung von David in der Aula einer Schule,
diesmal in Filderstadt. Wicked-Oz gründete hingegen unter dem Namen
SGD Schein-Geist-Dienst Stuttgart e.V. eine brandneue
Dachorganisation für die Sonntagsveranstaltungen in der Musicalhall,
die weiterhin gehörig Zuspruch fanden. Durch seinen imposanten
Weltrekord mehrte sich die ihm nachfolgende Anhängerschaft, die
weiterhin Astralreisen und Jenseitskontaktaufnahme ausüben wollte.
Der esoterische Geschäftsmann begann, erfolgreich auf Deutsch und
Englisch Bücher über positives Denken zu verlegen und wurde reich
mit seiner kostenpflichtigen Wort- und Scheingeistschule, durch die
er wöchentlich Cassetten, CDs, Videos und MP3-Botschaften über das
Internet in ganz Europa verkaufte. Der meisterhafte Kontrolleur
führte außerdem ein Computerprogramm ein, das automatisch eine
Liste der besuchten Webseiten und alle Emails an die nächst höheren
Leiter der Gemeinde versendete. Überapostel Wicked-Oz wurde in
diesem Bereich von Obermentor Hänsel Deifel überwacht, der zum
Dekan der Scheingeistschule aufstieg und fleißig denunzierende,
verklagende SMS über aufmüpfige Gemeindemitglieder sammelte. Die
Verwicklung in böse Machenschaften wurde somit dem von Neuem im
Geist geborenen Elymas von seinen engelsgläubigen Jüngern immer
weniger angelastet, zumal diese belanglosen negativen Gerüchte laut
Inquisitor Deifel nur das vergangene sündhafte Leben betrafen und
die Computer-Vorwürfe von Markus Ruf sowieso nicht hieb- und
stichfest beweisbar waren.
Nichts
desto trotz wurde eine große Attacke auf den manipulierenden
Geistlichen von anderer, nicht erwarteter Seite geführt. Der
ehemalige Schüler Max-Moritz Straussinger, wagte es tatsächlich vor
Gericht seinen Therapeuten, christozentrischen Heiler und Propheten
mit in den Schmutz zu ziehen. So wäre er mit den Sadomaso Bildern
monatelang anonym erpresst worden, damit er hohe Geldsummen bezahlt.
Für die an die Staatsanwaltschaft weitergeleiteten Bankbelege hätte
er ebenfalls eine Millionensumme an den Vermittler Wicked-Oz berappt.
Allerdings seien dem eigentlich Betrogenen von dem angeblich das
Schutz- und Lösegeld übergebenden, griechischen Mafioso Elymas, wie
sich jetzt herausstellte, nur wertlose Kopien übermittelt worden.
Seine Parteispenden- und Waffengeschäfte seien sowieso von oberster
Stelle genehmigt worden und längst internationale Rechtspraxis.
Weitaus mehr Dreck am Stecken habe da Karl Kempe mit seinen
Immobilienverwicklungen und dem Mord an Maria Müller-Kempe. Die
selige, Strom getaufte Maria sei nämlich nach einem heftigen,
ketzerischen Bekenntnisstreit mit ihrem wütenden Ehemann längst Tod
in der Badewanne gelegen, als Max-Moritz sie aus Gefälligkeit für
den finalen Abflug mit in den Kofferraum verfrachtet habe.
Schließlich war ihm und seinen Brüdern, denen allen das Wasser bis
zur Oberkante Unterlippe stand, stark daran gelegen, dass die
Geldwäschehandlungen bei der Volksbank Denkenstadt eG nicht an die
Oberfläche kamen. Seine Krawatte am Hals festzurrend fuhr der
Politiker fort, dass der Staatsanwalt und Richter mit ihren
Unschuldsmienen nicht so fragend dreinschauen sollen, denn sie hätten
sowieso kein Recht, den immunen Justizminister anzuklagen oder zu
verurteilen. Schließlich wüsste doch inzwischen jedes Kind, dass
der hochverehrte Generalstaatsanwalt Johannes Ratzinger Chef in der
Veritas-Freimaurerloge sei und somit alle Strippen in der Hand hält.
Nach dieser Anschuldigung wurde die Verhandlung erst einmal
ausgesetzt.
Die
letzte Stunde von Straussinger hatte geschlagen. Auf dem Weg in den
Hochsicherheitstrakt nach Stammheim wurde dem aufständischen
Jusizminister wegen eines Fluchtversuchs eine Kugel in den Kopf
geschossen. So lautete jedenfalls die offizielle Version. Dem
aufmerksamen Leser sei vorab verraten, dass der Mithäftling Karl
Kempe von einem Logenfreund eine Armee-Pistole zugespielt bekam,
damit er in dem gemeinsamen Gefangenenbus Rache und Selbstjustiz
ausüben kann.
Jonathan
wunderte sich auf der Fahrt zur Arbeit ins Stuttgarter Stadtzentrum
warum die Deutschlandfahne beim Landtag von Baden-Württemberg auf
Halbmast gehisst war. Als er das Autoradio einschaltete erfuhr er vom
Tod seines ehemaligen Bankkunden und Parteifreundes. Ein mulmiges
Gefühl beschlich Jonathan. Er wusste aus dem Buch der Sprüche, dass
man sich über den Untergang eines Bedrängers nicht freuen soll,
aber wenn das so weiter ging, wie würde dann erst Elymas enden? Bei
der Evangelischen Kreditgenossenschaft angekommen, versuchte Jonathan
seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Sein höchstes Ziel
war eine Frau zu bekommen. Für die Erreichung seiner Vision
benötigte er unbedingt Sommerurlaub für die gemeinsame Zeit mit
Phoebe. Deshalb übergab er vor Schalteröffnung ein Werbeprospekt
der Missionsgesellschaft „Posaune zur Rettung Israels“ an seine
junge Abteilungsleiterin Elisabeth Schätzle und bettelte: „Bitte
gib deinem alten Betriebsratchef Urlaub in dieser Zeit. Es ist
wirklich wichtig.“ Elisabeth bemerkte keck: „Oh, ich war als Kind
selbst in Israel in den Ferien im Kibbutz von Zichron Jaacov, weil
meine Eltern zur Korntaler Gemeinschaft von Emma Berger gehören.
Würdest Du mich mit auf die Pilgerreise nehmen?“
„Selbstverständlich, aber bitte mach keine Späße und
unterschreibe den Urlaubsantrag. Du ahnst gar nicht wie viel für
mich davon abhängt“, flehte Jonathan. „Wenn dem so ist kann ich
nicht nein sagen“, lächelte die ihm tief in die Augen schauende
Schätzle und gab ihr Autogramm auf den Zettel. „Du weißt gar
nicht wie viel mir dein Ja-Wort bedeutet“, schloss der in
Entzückung geratene Storyheld, der seiner errötenden Chefin vor
lauter Freude einen Kuss auf die Backe gab. Jonathan bekam wie nie
zuvor eine Gewissheit im Herzen, dass er die ersehnte Frau bekommen
wird und schwebte auf Wolke Sieben.
Trauriger
ging es da schon ein paar Tage später bei der Beerdigung von
Max-Moritz Straussinger zu, die Jonathan interessiert verfolgte.
Getreu dem Leitvers „Man muss die Toten in guter Erinnerung
behalten“ waren die prominenten Wegbegleiter erschienen, um die
letzte Ehre zu erweisen. Der über allen Klee lobenden Grabrede von
Johannes Ratzinger im Freien lauschend, wunderte sich Jonathan
darüber, was für ein guter Mensch der hoch dekorierte
Justizminister Straussinger doch war. Die Stimme Gottes, Ratzinger,
verkündigte seine letzten Worte: „Aufgrund der großen Verdienste
steht es unserem engelhaften Bruder Max-Moritz zu, zur Rechten des
Vaters zu sitzen und wir alle werden die Sonne und den Morgenstern
hoffentlich früher oder später im allerhöchsten Himmel wieder
sehen.“ Etwas Seltsames und Tragisches geschah. Ratzinger fasste
sich mit seiner rechten Hand unter sein Sakko-Revers ans Herz, verlor
das Bewusstsein und flog kopfüber ins verwurmte Grab. Er hatte einen
Schlaganfall erlitten.
Die
Aussage der Heiligen Schrift bestätigend, dass alles Verborgene
einmal ans Tageslicht kommt, wurde der Mord an Straussinger auf
schauerliche Weise aufgeklärt. Eine unerklärliche Furcht und
Schrecken kam auf die Trauerversammlung durch ein nahendes Gewitter.
Nicolas, der Gerichtsschreiber fing an zu schreien: „Das ist das
Gericht Gottes dafür, dass Ratzinger Straussinger umbringen ließ.
Und ich bin mit Schuld. Ich habe die Pistole auf Geheiß meines dahin
geschiedenen Chefs versteckt und Kempe in seiner Gerichtsakte
ausgehändigt. Herr, hab Erbarmen mit mir armen Sünder, dass mir
nicht Gleiches geschieht.“ Die anwesenden zwei
Strafvollzugsbeamten, die wiederum einen Gefangenentransport
durchführten, fielen auf ihre Knie und schrien: „Herr vergib uns
die Lüge zu behaupten, wir hätten Straussinger auf der Flucht
erschossen.“ Ihr zur Beerdigung Freigang bekommender Häftling
Kempe streckte seine eisernen Handschellen in die Höhe und begann
laut zu fluchen: „Himmel Herrgott noch einmal, was für ein Unsinn.
Ich schwöre beim Allerhöchsten, ich bin unschuldig. Wenn das stimmt
soll mich der Teufel holen.“ Ein kurzer Lichtstrahl der von einem
lauten Krachen begleitet wurde erfüllte augenblicklich und auf
Anhieb des Mörders Wunsch. Alle Furcht ergriffenen Menschen sanken
stracks auf die Knie, begannen ihre Sünden zu bekennen und fingen
jämmerlich zu weinen an.
Als
sich nach einer Stunde die Gemüter samt Unwetter wieder beruhigt
hatten, wurde die Regen durchnässte Leiche von Johannes, der laut
Obduktion einem Herzinfarkt erlegen war, geborgen. Auch der
erschlagene Karl und erschossene Max-Moritz wurden bei der
Gelegenheit gerichtsmedizinisch untersucht. Denn wissbegierige
Kriminologen wollten Beweise für die neue Mordversion der an für
sich zu Grabe getragenen Leiche. Letzten Endes fanden sie diese in
dem im Hinterkopf steckenden 9 Millimeter Projektil. Es stammte aus
einer vom Titanen „Karl des Großen“ verwendeten, veralteten
Walter P38 Wehrmachtpistole, die einst für Adolf Hitlers Schergen
hergestellt wurde. Die Leibesvisitation brachte noch andere
erstaunliche Details ans Tageslicht. Ein Bild-Reporter wollte durch
Indiskretionen herausgefunden haben, dass die drei Leichen auf den
Gesäßen jeweils die selbe Tätowierung der Eule von Minerva unter
die Dermis eingestochen bekommen hatten. Zudem trugen alle bekannter
Maßen den gleichen schwarz-goldenen Giftring. Die größte Sensation
seit dem Fund der Hitler-Tagebücher war ferner die Verbreitung einer
Geheimliste mit Namen hoch gestellter Persönlichkeiten, die
ebenfalls die Eule anbeten würden. Gerüchte verbreiteten sich, dass
sich selbst ein früherer Bundeskanzler in den Wäldern von
Kalifornien regelmäßig vor einem übergroßen Tiergötzenbild
nieder wirft. Ein weiterer, vor Gericht ausgetragener Streit,
entbrannte um das Vermögen der kinderlosen Kempe-Müller Dynastie.
Die Scientology Sekte versuchte vergeblich an die Ländereien zu
kommen, die trotz Marias entzündetem, zerstörtem, neuen Testament,
dem sich weltweit ausbreitenden Vatikanstaat zugesprochen wurden. Der
Zeitzeuge Jonathan Fischer wurde sprachlos bei diesen turbulenten
Entwicklungen. Erst zu Beginn der Sommerferien kehrte wieder mehr
Ruhe in sein Leben ein.
Endlich
war der lang ersehnte Tag für ein Wiedersehen mit Phoebe durch die
Reise nach Jerusalem angebrochen. Jonathan checkte nochmal sein
Gepäck und überlegte krampfhaft, ob er etwas vergessen hatte. Ja
natürlich, er musste noch seinen Reisepass einstecken. Wie gut es
doch ist, eine friedvolle innerliche Stimme durch die Verbindung zu
Gott zu haben, freute sich der Banker und wurde kreidebleich, als er
auf das Ablaufdatum seines Reisedokuments achtete. „Nein bitte
nicht, Jesus, nein nur das nicht. Mensch Fischer, was bist du blind
und blöd“, ging es ihm zunächst durch den Kopf, um sich alsbald
zu korrigieren: „Lieber Papa im Himmel hilf mir. Ich weiß du bist
gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und groß an Gnade und
Erbarmen. Schenke mir eine Frau, ich will und kann einfach nicht
länger warten. Lieber Heiliger Geist, bitte gib mir eine rettende
Idee.“ Jonathan war es so, als ob er den Namen Julia Rüger in
seinem Brustraum hört. Aber er kannte keine Julia Rüger. Also
setzte er sich an den Computer und forschte mit Hilfe von Google im
Internet nach. Auf der zweiten Seite war ein Frau, die so hieß und
auf dem Bürgeramt Bernhausen arbeitete. Da machte es klick. Das war
doch die nette Dame die Martin Peter Anrich zu einer anderen
Pass-Identität für sein Chinavisum verhalf. Jonathan wählte die
Büronummer, um enttäuscht vom Anrufbeantworter zu erfahren, dass
Samstag früh geschlossen war. So leicht wollte er nicht aufgeben.
Die Telefonauskunft konnte ihm zum Glück weiterhelfen und
vermittelte ihn an eine Privatnummer. Hoffentlich ist es auch die
selbe, dachte sich Jonathan, doch die Julia am anderen Ende hörte
sich alt und gebrechlich an. Dass alte Leute sehr gut zur
Hilfeleistung fähig sind, bewies der unverständliche, kaum hörbare
Hinweis, dass eine Namensvetterin bei ihren Eltern in der schönen
Bergstrasse wohnen würde. Jonathan fühlte sich an seine Ankunft in
Phönix erinnert, als er vor verschlossenen Türen stand und erst
beim innerlichen Aufgeben Gottes Eingreifen erfuhr. Wahrlich, wenn
ein Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine
Frucht. Er schaffte es den Vater an den Hörer zu bekommen, doch der
konnte nicht weiter helfen, da die Tochter in der Badewanne saß. Er
tröstete Jonathan zum Abschied damit, dass es die Möglichkeit gab,
einen vorläufigen Reisepass zu erstellen und er den Israel-Flug bis
Montag Nachmittag verschieben soll. Die Charterfluggesellschaft Arkia
verkehrte nicht so oft von Stuttgart nach Tel Aviv, weswegen der
folgende Umbuchungswunsch abgelehnt wurde. Jonathan legte zornig den
Hörer auf und war am Boden. In einem kurzen Gedanken wurde er
versucht, Gott zu verfluchen. Da erinnerte er sich plötzlich, wie er
nach seiner Reise in die Schweiz erfolgreich unter das Messer kam. Er
betete: „Selbst wenn du mich schlachtest und dahinraffst vertraue
ich dir, wie Abraham mit seinem Sohn Isaak, weil du die Toten zurück
zum Leben bringen kannst.“ Das Telefon klingelte. Julia Rüger war
am Apparat. „Ist es wirklich so dringlich, den Passersatz zu
bekommen?“, erkundigte sie sich. „Ja ich konnte den Flug nicht
umbuchen“, versicherte der Fernreisende, „zudem erwarte ich
heute, endlich auf meine erhoffte Ehefrau zu treffen.“ „Na gut,
ich wollte ohnehin zum Metzger gehen und fliege bald mit einer
Schweizer Reisegesellschaft selbst nach Israel. Wir treffen uns in
einer halben Stunde am Busbahnhof im Bürgeramt Bernhausen. Bringen
sie ein Passbild mit. Das Verfahren kostet um die hundert Mark.“
Jonathan
bewunderte die aufopferungsbereite Verwaltungsfachangestellte, als er
ihr attraktives, weibliches Zopf-Profil bei der Arbeit musterte. „Sie
müssen mich gar nicht so begeistert betrachten“, schien die
tüchtige Rockträgerin bemerkt zu haben, „in Kürze werden die
bürgernahen Chefs aus den oberen Etagen von der Stadtverwaltung
ohnehin die Samstagsarbeit für uns einführen.“ Zur Verabschiedung
bedankte sich Jonathan mit einem sanften Händedruck und dankbaren
Blick in die ungeschminkten Augen seiner Retterin Julia Rüger.
Solche demütigen Eselchen brauchte es auf der Welt, dachte er sich
beim hektischen Einsteigen in den abfahrenden Bus. Jetzt passte
alles. Um Parkhausgebühren zu sparen, hatte er sein Auto in einer
Seitenstraße abgestellt und schaffte es gerade rechtzeitig zur
Abfertigungshalle des nahe gelegenen Flughafens.
„Du
siehst aber ganz schön verschwitzt und abgekämpft aus, großer
Aufpasser“, lautete die unerwartete Begrüßung von Christoph
Ziegler, des Pastorensohns und Mitglieds der BGG Stuttgart 1955 e.V.
und Schachvereins Wolfbusch 1956 e.V.. „Mensch Christoph, du
schlauer Halunke. Wieso fliegst du denn nach Israel?“, wollte
Jonathan wissen. „Die Psalmen sagen, es läge ein großer Segen
darauf nach Jerusalem zu pilgern. Das kannst du vielleicht nicht
glauben, aber Jesus hat mir in einem Traum gezeigt, dass auf mich ein
besonderes Geschenk wartet. Du wirst es sehen. Was will ich dir
später sagen. Nur soviel sei verraten, viele Suchende stecken einen
Zettel mit diesem Wunsch in die Klagemauer.“ „Jetzt sprichst du
in Geheimnissen. Aber warte, ich komme dir schon auf die Schliche“,
spaßte Jonathan, der sich in eine der Interviewkabinen des
israelischen Sicherheitsdienstes begeben musste. Sein überprüfender
Befrager beäugte argwöhnisch den Passersatz und erkundigte sich:
„Was machen sie denn in Israel?“ „Ich nehme an einer
Sommerevangelisation teil, um den Juden ihren Messias Jeschua näher
zu bringen, und nebenbei treffe ich mich mit meiner zukünftigen
Frau“, war die aufrechte Antwort. „Kennen sie jemand der
Mitreisenden und wurde ihnen etwas anvertraut, zum Mitnehmen?“,
fragte der junge Israeli wie immer. „Ja, ich habe durch Zufall
meinen Freund Christoph getroffen, der mir von einem Mysterium
erzählt hat, dass sich bald als Geschenk Jesu erfüllen wird, sonst
kenne ich niemanden“, meinte der zukünftige Judenevangelist, indem
er wiederum etwas von seinem christlichen Glauben ausbreitete. Eine
kurze Pause wurde eingelegt, bis zwei Befrager mit ihren Protokollen
zurück kamen. Shimon Bileam, der leitende Mossad-Mitarbeiter wollte
Jonathan Fischer als EKK-Agenten entlarven und fing an zu behaupten:
„Ich warne sie, ich habe mich über sie nicht nur aus den Medien
kundig gemacht. Wenn sie uns nicht die Wahrheit sagen bleiben sie
zuhause. Mich legt keiner so schnell rein. Erzählen sie mir etwas
über Elisabeth Schätzle. Woher kennen sie diese Frau und wie
arbeiten sie mit ihr zusammen?“ „Das ist meine frühere
Auszubildende, die mir einmal einen netten Liebesbrief geschrieben
hat. Wollen sie den etwa durchleuchten? Nein, das geht sie überhaupt
nichts an!“, sagte der immer ungehaltener werdende Jonathan. „Haben
sie in irgendeiner Form Werbung für unorthodoxe Kampagnen, wie die
von Jakob Damkani gemacht und jemanden eingeladen mitzukommen?“,
war die nächste Überführungsfrage. „Ja, ich habe Werbung auf der
Königstraße für den deutsch-stämmigen Juden Ludwig Schneider
gemacht und treffe mich deshalb mit Phoebe, der griechischen
Stewardess“, Jonathan beruhigt sich wieder für eine kurze Zeit.
„Lügen haben kurze Beine. Der Airbus-Vogel wird heute ohne sie und
ihre EKK-Abteilungsleiterin Elisabeth Schätzle abfliegen. Sie
brauchen mir gar nichts mehr erklären“, sprach Bileam, der jedes
weitere Wort verbietende, gewiefte Prophet. Der ahnungslose Jonathan
musste gedrungener Maßen seinen durchwühlten Koffer packen. Am
Ausgang wartete Schätzle mit ihrem Gepäck auf ihn. „Tut mir Leid.
Es sollte eine Überraschung werden, dass ich auch mit fliege. Ich
hatte ja keine Ahnung was für schwierige Fragen bei der Abreise
gestellt werden“, entschuldigte sich Elisabeth, die jeweils so
ziemlich das Gegenteil von Jonathan behauptet hatte und dessen
Vernehmungsprotokoll als Einreiseverbots-Begründung durchlesen
durfte. „Was hast du denn ausgesagt?“, bat Jonathan um
Aufklärungsunterricht. „Na die Wahrheit. Dass ich deine lang
vertraute Abteilungsleiterin bei der EKK bin und du mir einen Flyer
von der „Posaune zur Rettung Israels“ in die Hände gedrückt
hast. Ich hatte ja keine Ahnung davon, dass du meine uralten,
vergeblichen Annäherungsversuche verpetzt. Was machen wir jetzt? Ich
habe ebenfalls das Geld für die kompletten drei Wochen im Voraus
überwiesen. Nehmen wir ein Pferd wie die Kreuzritter?“ Jonathan
rieb sich an Wickie erinnert, die angeschlagene
Pentagrammsternennase. Eigentlich hatte er allen Grund sauer auf
Schätzle zu sein, die ihm wegen des empfundenen Unrechts mehr denn
je zur Verbündeten wurde. Seine Augen wanderten durch die
Eingangshalle des Flughafens, bis sie an Julia Rüger erinnert, an
einem weißen Kreuz auf rotem Grund hängen blieben. „Lass uns am
Swissair Schalter nach eidgenössischen Verbindungen fragen“, war
die gute Idee des eine Frau ersehnenden Fiktionshelden. Die joviale
homophile Hostess Uli suchte nach Alternativen für die beiden
Honeymooner, die der Mann hoffte am Bildschirm zu gewahren. In der
Tat führte die Reise die Pleitegeier nun über den Umweg Zürich
nach Tel Aviv.
Jonathan
blieben zwei Tage der Besinnung bis er Elisabeth Schätzle am Montag
früh um sechs Uhr wieder traf. Ein kurzweiliger Contact-Air-Flug
führte sie zur nächsten Bewährungsprobe in die Schweiz. Die
dortigen Untersuchungsmethoden waren zwar im Gegensatz zu den neu
getätigten Erfahrungen und der verjährten Einreise nach Sankt
Moritz viel angenehmer, weitaus moderater und wesentlich neutraler.
Trotzdem, die nächste größere Krise stand für Jonathan nach dem
Betreten der Gangway bevor. Beim Einstieg in die Boeing traute der
Passagier, der das freundliche Grüß Gott einer an Phoebe erinnerten
Stewardess erwiderte, seinen Augen nicht. Das schweizer Gegenstück
zur deutschen Bildzeitung entgegen nehmend fiel sein Blick auf zwei
prominente, klatschende Persönlichkeiten in der ersten Klasse.
„Nein, nur das nicht. Nicht nochmal eine Konfrontation“, ging es
Jonathan durch den Kopf, der sein Gesicht nach links wendete und den
Gang wechselnd Elisabeth an der Hand nahm. „Was hast Du? Ich finde
es ja schön, wenn wir Händchen halten, aber du zitterst so stark“,
erkundigte sich Schätzle, die am Fenster Platz nahm. „Ich habe
keine Lust mich wieder mit Elymas Wicked-Oz anzulegen, und dieser
Hänsel Deifel ist mir auch nicht geheuer“, der ängstliche
Bibelstudent schlug zur Beruhigung Psalm 91 in seiner Senfkornbibel
auf.
„Gegrüßet
seist du kleiner Sünder, was liest du da“, eine Hand legte sich
auf seine Schulter, „du wirst gleich dein blaues Wunder erleben.
Ich zeige dir wer mehr Macht von uns beiden hat“, behauptete
Elymas, der in die First Class zurück schlenderte. „D´r Moa isch
rächt bös. War des d´r Deifel oder d´r g´rissene Zaubar´r von
Os?“, erkannte fragend Elisabeth, die am Triebwerk sitzende
schwäbische Queen. Jonathan erzählte Teile seiner „Arm oder
reich? Tod oder lebendig?“ Story, als plötzlich ein grelles Licht
an der benachbarten Flügelseite aufleuchtete. In dem Moment des
Übergangs von der Erde in die Luft, hatte sich die nahe gelegene
Kerosin-Turbine entzündet. Jonathan wendete seinen Blick und suchte
die Sicherheitsanweisungen aus dem an der Rückenlehne befindlichen
Gepäcknetz heraus, in dem sich ebenfalls die Regenbogenzeitung
befand. In diesem Moment glaubte er die Stimme des Teufels zu hören,
dass von seinem Untergang am nächsten Tag exakt in diesem Blatt
berichtet wird. „Mist, ich hätte mich nicht mit dem Satan in
diesem Magier anlegen sollen. Lucifer, der Fürst dieser Welt und
Herr der Lüfte, ist niemals zu unterschätzen.“ Das Flugzeug flog
eine Schleife, um sofort wieder zur Landung anzusetzen. Jonathan
schaute wiederum auf den Flügel und glaubte eine Engelsvision zu
bekommen. Eine Panik brach an Bord aus. In dem Moment fragte
Elisabeth: „Siehst du diese Wolkenformation? Das schaut ja wie ein
gewaltiger Erzengel aus.“ „Schau auf Jesus den Retter und flehe
um sein Eingreifen!“, rief Jonathan wie in Ekstase. Der
Fiktionsheld löste zugleich seinen Gurt, stand verbotener Weise auf
und verkündigte lauthals: „Wer im Schutz des Höchsten wohnt,
bleibt im Schatten des Allmächtigen. Meine Zuflucht und meine Burg,
mein Gott ich vertraue auf dich.“ Die zahlreichen zionistischen
Mitreisenden beteten im Rausch mit: „Mit seinen Schwingen deckt er
dich, und du findest Zuflucht unter seinen Flügeln. Schild und
Schutzwehr ist seine Treue“, bis sie nach der sicheren Landung zur
Erde friedlich zu Ende ausführten, „er ruft mich an, und ich
antworte ihm. Ich bin bei ihm in der Not. Ich befreie ihn und bringe
ihn zu Ehren. Ich sättige ihn mit langem Leben und lasse ihn mein
Heil schauen.“ Diese phantastische, bodenlose Begebenheit nützte
der Deifel, der im vorderen Abteil der Reichen zuerst von der
Feuerwehr befreit wurde, zur Propaganda. Stolz zitierte der
Scheingeist-Theologieprofessor vor den wartenden Journalisten hinter
der Gepäckausgabe: „Wir stürzten ab, wie der Blitz, aber er hat
seinen Engeln über uns befohlen, dass sie uns auf den Händen
tragen, damit wir nicht etwa unsere Füße an einen Stein stoßen.“
Jonathan wollte nicht schon wieder ins Rampenlicht treten. Deshalb
versteckte er sich mit Schätzle in der Flughafenkapelle, um
gemeinsam mit anderen überlebenden Passagieren ein Dankgebet zu
sprechen. Als die Actionhelden sich erkundigten, wie sie jetzt ihr
Reiseziel erreichen können, waren die freien Sitzplätze der
Alternativverbindungen bereits vergeben. Gut dabei empfand Jonathan,
dass die beiden feindlich gesinnten Kirchenbrüder bereits über
Dubai weiter geflogen waren und Swissair einen Hotel- und
Essensgutschein ausgab. Dafür konnte er Phoebe nicht so schnell, wie
erhofft wieder sehen. „Lass uns das Beste aus der Situation machen
Elisabeth. Wir könnten auf dem Zürichsee entlang der Goldküste mit
ihren Vorort-Villen eine Bootstour unternehmen. Falls die Zeit es
zulässt, würde ich abschließend gerne die Kunstausstellung der
weiß getünchten Hausbank meines Schornsteinfegermeisters
besichtigen. Was meinst du?“ „Weist du Jonathan. Ich folge dir in
den Ferien überall hin. Aber danach bin ich wieder die Chefin!“
Mit
einem weiteren Tag Verspätung erreichte das unfreiwillige Gespann
das gelobte Land. Der ungeduldige Jonathan orderte ein Taxi vom
Flughafen Tel Aviv nach Jaffa, wo der messianische Jude und
Evangelist Jakob Damkani sein Domizil unterhielt. Endlich hoffte er
seine Phoebe wieder zu treffen. Zunächst öffnete eine weitere
deutsche Elisabeth, die das Haus hütete, die Tür. Leider war die
30-köpfige internationale Reisegruppe bereits mit dem Bus nach
Jerusalem abgereist. Jonathan fiel in eine leichte Depression, wie
bei seiner Ankunft in die USA. „Ich schlage vor ihr kommt herein
zum Essen und übernachtet hier“, sprach die deutsch-israelische
Mitarbeiterin Elisheva. „Prima Idee, nach dem ganzen Stress den wir
erlebten“, zeigte sich Schätzle einverstanden, „hast du in den
Nachrichten gehört, unser Flugzeug ist schier abgestürzt?“ „Nein,
ach was, erzähl“, wollte die eine von der anderen tratschenden
Namensschwester wissen. Der schweigsame Jonathan betrachtete das
schwatzende Treiben des folgenden Kaffeeklatsches eine Stunde lang.
Diese groß gewachsene zweite Elisabeth, mit ihren blonden Haaren,
blauen Augen und hell gefärbter Haut, zog seine Aufmerksamkeit auf
sich. Auch das alt vertraute, jüngere, burschikose Gegenstück, das
mit dunkelbraunen Haaren, braunen Augen und dunklem Teint eine
gewisse Attraktivität ausstrahlte, begann ihm zu gefallen. Jonathan
fühlte sich in seinem Gemüt so seekrank, wie auf einem Schiff, das
im Sturm ohne Ruder von den Wellen hin und her und auf und ab
geschaukelt wird. Seinen melancholischen Gefühlen ein Ende
bereitend, ergriff er sprunghaft das Wort: „Tut mir Leid. Ich warte
nicht länger und miete mir ein Auto. Wo sagtest du übernachten die
anderen, Elisheva?“ „In der Jerusalemer Altstadt im Christ Church
Guesthouse. Übermorgen reisen sie nach Eilat weiter“, wusste die
Gastgeberin, „in Jerusalem ist der Feierabend-Verkehr oft
chaotisch. Bist du dir wirklich sicher, dass du heute noch fahren
willst?“ „Komm Jonathan, es ist so gemütlich hier“, meinte
Elisabeth. „Elisabeth folgt mir überall hin und Elisheva bringt
mich zum Car Rental hin, oder?“, war sich Jonathan sicher. Die
Reise nach Jerusalem fand in einem japanischen Kleinwagen ihren
Abschluss. Jonathan und Elisabeth begriffen in dem 58 PS Benziner,
warum in den Evangelien steht, dass man hinauf nach Jerusalem zieht.
Es dämmerte. Ein nervender Verkehrsstau bildete sich vor den Toren
der Stadt. Endlich wieder freie Fahrt erhaltend, stockte Jonathan für
eine kleine Zeit an einer Kreuzung und fragte: „Geradeaus oder
rechts? Was sagt die Karte Elisabeth?“ „Geradeaus, aber Obacht,
es gilt rechts vor links.“ Der Lenker gab nach rechts blickend
abrupt Gas. Es folgte ein lautes Krachen. Der linke vordere Kotflügel
mit samt der Motorhaube wurde durch einen lauten Zusammenprall
zertrümmert und der grüne Daihatsu Sirion so stark nach rechts
geschleudert, dass er nach einer halben Drehung über die
Bordsteinkannte auf der Beifahrerseite zum Stehen kam. Die Airbags
hatten sich ausgelöst. Jonathan hing doppelt in der Luft. Zudem
verspürte er wieder seine vergangenen Hüftschmerzen. Der
eingeklemmten Schätzle ging es mit einem Schleudertrauma nicht
besser. Zwei Männer näherten sich laut fluchend. „Are you
alright?“, tönte es von Englisch auf Deutsch übergehend, „wenn
ich gewusst hätte, dass du im Auto sitzt Jonathan, dann hätte ich
noch mehr Gas gegeben. Warum wartest du Trottel so lange, um dann
trotzdem zu fahren, ohne auf mich aufzupassen?“, wollte Elymas
Wicked-Oz wissen. Sein Beifahrer Hänsel Deifel winkte ein paar
Passanten herbei, die halfen, das zertrümmerte Gefährt wieder auf
die Räder zu stellen. Die unversehrten Deifel und Wicked-Oz hatten
nicht gespart und einen doppelt gewichtigen, schwerlich verformbaren
Toyota Land Cruiser inklusive Edelstahl-Rammbock gemietet. Mit einem
einheimischen Mercedes-Benz Krankenwagen wurde das von der Polizei
befreite Paar ins Hadassah Krankenhaus gefahren. An andere Diablo
Begegnungen erinnert, beobachtete Jonathan, wie das junge Schätzle,
mit der im Vergleich zu Stein-Osiris-Ra kleineren Oberweite, eine
Halskrause angepasst bekam. Beide Patienten durften zur Sicherheit
und dank der fortgeschrittenen Stunde übernachten. „Wenigstens
hatte ich Recht“, bemerkte der Patient, worauf die gekränkte
Schätzle argwöhnte: „Das hätte uns im Todesfall nichts genutzt!“
Recht hatte sie und Recht hat rechts vor links.
Am
nächsten Morgen machte sich das schnell genesene Paar mit einem
weiß-roten öffentlichen Bus auf den Weg in die Jerusalemer
Altstadt. Jonathan erfasste, wie auf dem Nachbarsitz ein Fahrgast
krampfhaft versuchte, ein elektronisches Teil zu betätigen. „May I
help you? I´m an electronics fan? – Kann ich helfen? Ich bin ein
Technikfreak?“, war sein nettes Angebot. Zwei vor ihnen sitzende,
weniger charmante, weibliche Soldaten drehten sich um, rissen den
Auslöser an sich und nahmen den Mann mit Hilfe ihrer Gewehre fest.
Der palästinensische Selbstmordattentäter hatte vergeblich
versucht, seinen Sprengstoffgürtel zu zünden.
„Jonathan,
das ist jetzt das dritte Mal, dass ich schier ums Leben komme“,
stellte Elisabeth fest, „langsam frage ich mich, ob es richtig war
mit dir zu reisen.“ „Du hättest ja nicht mitkommen müssen.
Stell dir vor mein spannendes Leben wird einmal verfilmt. Dann wirst
du berühmter als Indiana Jones oder die Queen“, erkannte richtig
der kühne Storyheld. Das am Jaffator gelegene Christ Church
Guesthouse war nicht mehr weit. An der Rezeption angekommen bekam
Jonathan die Auskunft, dass die internationale Reisegruppe eine
Sightseeing Tour durch die 2 mal restlos zerstörte, 23 mal
gegnerisch umlagerte und 52 mal feindlich angegriffene Stadt des
Friedens unternimmt.
„Lieber
Heiliger Geist. Bitte führe mich zu meiner zukünftigen Ehefrau. Ich
spüre ganz gewiss, dass sie sehr nahe hier ist“, betete der
gefrustete, erfolglose Fischer innerlich. Die wartende Schätzle
bekam die Idee: „Lass uns zur Klagemauer gehen. Der Ort ist ein
beliebtes Ziel für alle Besucher. Ich möchte dort ohnehin ein
Gebetsanliegen los werden.“ Also schlenderte das sein Gepäck
zurück lassende, unfreiwillige Paar durch die engen Gassen der
Händler, bis sie an der Jahrtausende alten Steinformation des
Tempelbergs angekommen waren. Elisabeth Schätzle wollte ein Zettel
an Gott posten und Jonathan Fischer tat es ihr gleich, indem er ein
Papier in die Ritzen der mächtigen Steinquader steckte. In dem
Augenblick tätschelte aus heiterem Himmel eine Hand auf seine
Schulter. Eine Stimme sprach: „Jonathan, du wirst nie bekommen was
du willst, ich habe mich in den Scheingeist versenkt und gesehen wie
deine Erflehte von einem Freund ausgespannt wird.“ Wicked-Oz machte
sich einen Spaß daraus, seinen ehemaligen Mitbewohner zu ärgern.
„Elymas, falls es dir gelingt meinen Lebenstraum zu zerstören,
gibt es den totalen Krieg zwischen uns“, erzürnte der deutsche
Reichsminister für Volksaufklärung. „Der Kampf in den Gestirnen
ist längst ausgebrochen, als du mir Magdalena abspenstig gemacht
hast. Spürst du Widder nicht, warum sich unsere Wege immer wieder
kreuzen. Für die gemeine Saat wirst du Böses ernten“, prophezeite
der hinterhältige, hellsehende Astrologe.
Die
Sinnkrise vergrößerte sich bei Jonathan, als er mit Elisabeth im
Restaurant beim Temple Institute saß und die Jerusalem Post
studierte. Er suchte eine Pressemitteilung über seinen gestrigen
Verkehrsunfall. Statt dessen trafen seine Augen auf ein Bild von
Phoebe Leontopoulou, die einen anderen Mann in den Armen hielt. Die
Gruppe um Jakob Damkani hatte einen Aufruhr ausgelöst, als sie mit
Jeshua Ha Mashiach (Jesus der Messias) T-Shirts durch das
ultraorthodoxe Viertel Mea Shearim liefen. Neben dem seit Jahren
wiederholt tätlich angegriffenen und in Untersuchungshaft genommenen
Gute-Nachricht-Verkündiger Jakob, traf es Christoph Ziegler
besonders hart. Er wies auf dem Foto eine blutende Nase auf und hatte
ein blaues Auge und zerrissene Kleider davon getragen. Schätzle
meinte dazu: „Da haben sich die Richtigen gefunden.“ Und Jonathan
hoffte: „Das hat nichts zu bedeuten, mich hat Phoebe auch
fürsorglich bemuttert.“
Leiblich
gestärkt machten sich die Falafelgenießer auf die weitere Suche.
Die Via Dolorosa abschreitend begegnete ihnen ein palästinensischer
Junge mit jordanischer Staatsbürgerschaft, der das „Heilige
Römische Reich Deutscher Nation“ verehrte. Der im hellbraunen
Militärlook gekleidete Knappe sprach Englisch und bot sich als
Führer an. Dieser Hassan versicherte, die ausländische Reisegruppe
gesehen zu haben. Deshalb führte er, gegen ein kleines Almosen, die
angeworbenen Touristen, durch die verwinkelten Gänge zur
Grabeskirche. Dort angekommen prahlte er, den Schlüssel zum schweren
Eingangstor in der Hand zu halten. Jonathan wettete um 100 Dollar,
dass das nicht stimmt. Alsdann verfärbte sich sein Gesicht
kreidebleich, da der Knabe ihn eines Besseren belehrte.
Die
Fiktions-Autoren wollen die verehrten Leser nicht langweilen, doch in
dem Gotteshaus gab es schon wieder eine Begegnung mit Wicked-Oz und
Deifel. Elymas geriet in eine Versenkung, indem er seine Hand an die
steinerne Stelle drückte, wo das Kreuz gestanden haben soll. Während
Hänsel sich bäuchlinks auf den Felsen nieder streckte, der
traditionell als Ablegestelle des Leichnams Jesu betrachtet wurde.
„Schau dir diese esoterischen Brüder an. Die glauben immer noch an
die Kraft der Steine“, begriff Jonathan. „Lass uns schnell
verstecken“, empfahl Elisabeth. Einer weiteren Konfrontation
erfolgreich aus dem Wege gehend, leitete sie Hassan in die kleine
Grabeskapelle. Der Frieden währte jedoch nicht lange. Ein
unverständlicher Kampf unter den Mönchen setzte sich in Bewegung.
Die in Kutten gekleideten Gottesmänner verschiedener Konfessionen
schlugen brutal aufeinander ein. Der heftige Streit entstand um
Renovierungsarbeiten im ersten Stock. Die Konfessions-Scharmützel
ließen sich trotz dialogisierendem Hänsel Deifel nicht verbal
lösen, sondern mussten von der einschreitenden israelischen Polizei
geschlichtet werden. Das Ende vom Jahrtausend alten Streit unter
Christen war, dass eine für jedermann sichtbare Handwerker-Leiter,
an der Front des Gebäudes, als Mahnmal stehen blieb. „Dieser Ort
kann unmöglich die echte Kreuzigungsstätte sein, was meinst du
Elisabeth?“, fragte Jonathan. „Lass uns zum englischen Garten
gehen“, entgegnete Elisabeth, „das anglikanische Gartengrab,
sowie Gordons Golgatha mit seinem grinsenden Hügelgesicht soll
authentischer sein.“ Die schöne, ruhige Parkanlage mit blühenden
Planzen und Schatten spendenden Bäumen, samt den von Menschenhand in
Stein gehauenen Beerdigungsstätten, strahlte eine friedliche
Atmosphäre aus. Fischer und Schätzle suchten sich eine
Sitzgelegenheit. Eine aus Harlem stammende farbige Gospelgruppe
stimmte von Bob angeleitet ein Single-Loblied an. „Sein Grab ist
leer, er ist auferstanden und er lebt“ tönte einer der Refrains.
Der diese Art von Musik nicht liebende moslemische Guide wartete
vorsorglich am Eingang. Ein grauhaariger Mann setzte sich zu den
Verweilenden auf die Parkbank. Den seltsam anmutenden Ausführungen
folgend, war sich Jonathan nicht sicher, ob es sich bei dem Fremden
um einen der verrückten Psychopathen handelte, die sich für Moses
oder Elia hielten. Der einen amerikanischen Slang sprechende
Jesusjünger behauptete, dass er die von Jeremia in einer Höhle
versteckte Bundeslade, in der Nähe des Damaskus Tors entdeckt hätte.
Als Beweis würde eine Blutprobe auf dem Gnadenthron, dem Deckel der
mit Gold überzogenen Akazienholz-Truhe dienen, sowie ein Video mit
zwei Engeln. Der Mann bezeugte selbstbewusst, dass als Jesus Christus
am Kreuz hing, ein Erdbeben den Felsen öffnete, so dass das Blut des
Heilands und Retter der Menschheit als hohepriesterliches Opfer
direkt in das Allerheiligste floss. „Das mit dem Erdbeben nehme ich
ihnen ab, weil es in den Evangelien steht und selbst das Felsengrab
dort drüben erkennbar durch eine Erschütterung gespalten ist“,
pflichtete Jonathan teilweise bei und Elisabeth ergänzte: „Über
den Rest müssen wir nachdenken. Die Zeit wird die Wahrheit ans Licht
bringen!“ Enttäuscht verabschiedete sich Ron, der
Hobby-Archäologe.
„Was
meinst du Jonathan, hat dieser lächelnde Hügel zur
I.N.R.I.-Iesus-Nazarenus-Rex-Iudaeorum-Zeit des Königs der Juden
genauso ausgesehen?“, erkundigte sich Schätzle. „Kann schon
sein, dass General Gordon einen Volltreffer gelandet hat“,
überlegte Fischer, „aber dieser Ron geht mir zu weit mit der
Behauptung, dass das Schwert Golliaths darunter in einer Höhle
liegt.“ Der kaum Deutsch verstehende Hassan wurde sehr aufgeregt:
„Of course – natürlich befänden sich Schwerter in der
Königshöhle. Selbst lateinische Schriften seien an den Wänden.“
Für weitere 100 Dollar würde er sie zeigen. Schätzle versprühte
ihren vollen Charme, um den Preis auf die Hälfte zu senken. Hätte
sie gewusst, was sie erwartet, wer weiß, ob sie es sich nicht anders
überlegt hätte. Als erstes Hindernis musste ein verschlossenes
Gitter, das in einen unterirdischen Gang führte, überwunden werden.
Der jordanische Hirtenjunge sah seine Felle davon schwimmen bzw.
seine Ziegen davon laufen. Einfacher ausgedrückt, er war scharf auf
die 50 Dollar. Anstelle eines großen Schlüssels, zückte er einen
kleinen Dietrich, der ihm zum Sesam öffne dich verhalf. Jonathan und
Elisabeth folgten in das teilweise beleuchtete Höhlensystem. Die
Erläuterungs-Tafel am Eingang zeugte davon, dass hier immer wieder
Touristen verkehrten. Als die Entdecker tiefer eindrangen zückte
Hassan eine Taschenlampe. „Der Junge denkt einfach an alles“,
fiel dem stolpernden Jonathan auf, „richtig spannend hier, gel
Eli?“ „Lass mein Knie Jo, mit uns und dem Schwert klappt es nie,
Jo“, textete die Schlagersängerin. An einer Tür angekommen, wurde
es Jonathan buchstäblich mulmig. Grande Lodge of Jerusalem –
Großloge von Jerusalem stand dort angeschrieben. „Wer hier wohl
wohnt?“, informierte sich Elisabeth. „Wenn Papst Leo der
Dreizehnte da wäre, dann würde er möglicherweise den Ort als
Synagoge des Satans bezeichnen“, wusste der beinahe
Pastorenschüler. „Denkst du das ist der Eingang zur Hölle?“,
schätzte Schätzle. „Liebste Chefin, du bist A eine Frau, B zu
unerfahren und C zu neugierig“, provozierte Fischer. Die forsche
Elisabeth stieß schlagartig die Tür auf. Zwei von der Taschenlampe
geblendete Augenpaare gifteten die unerwünschten Eindringlinge von
drinnen an. Der Raum war nur mit drei Kerzen beleuchtet. Am anderen
Ende war ein Altar mit einem Buch und einem in Blut getränkten
Totenkopf. Für den jugendlichen Hassan war das zu viel, denn er
stellte einen Kurzbahn-Weltrekord im Taschenlampenrennen für das
Guinness-Buch auf. Wie gerne wäre Jonathan mit Elisabeth ebenso aus
der unterirdischen Versenkung entflohen. „Ihr seid nichts anderes
als Tiere und Bestien“, klagte Fischer Wicked-Oz und Deifel an.
„Wenn der einzige Zeuge nicht ein Kind wäre, könntet ihr jetzt
euer Testament machen“, bekam er von Wicked-Oz zur Antwort, „du
solltest mir dankbar sein, dass ich dich verschone. Komm, nimm einen
Schluck, das verleiht dir übermenschliche Kräfte.“ „Das Leben
ist im Blut, deshalb sollen wir uns aus Respekt davor enthalten“,
mischte sich Elisabeth ein. „Wer von uns wird die Dirne als erstes
packen?“, wollte der, demonstrativ das überbreite Trinkgefäß
ausschlürfende, Deifel wissen. Jonathan legte schützend seine Hände
um Elisabeths Schultern: „Ihr seid die größten Schweine, die es
gibt!“ „Jetzt werde mal nicht unverschämt, mein alter Freund, du
und dein verräterischer Kumpel Markus haben nicht wirklich
begriffen, um was es geht“, startete Wicked-Oz, „wir werden eine
humane neue Welt schaffen mit besseren Bedingungen für alle die
übrig bleiben. So viel Leute verträgt der Erdball einfach nicht.
Wir in der zivilisierten westlichen Welt können doch nichts dafür,
dass ärmere Völker es treiben wie die Karnickel.“ „Recht hat
er“, pflichtete Professor Deifel bei, „keinen Frieden, ohne dass
ich log, ha ha ha!“
Wicked-Oz
flüsterte Deifel etwas ins Ohr. Daraufhin näherten sich die beiden
langsam dem verängstigten Pärchen zu. Jonathan sprang auf und
stürzte die drei Leuchter nacheinander um. Zu seinem Leidwesen
besaßen die Kontrahenten Feuerzeuge. Jonathan schrie: „Ich gebiete
euch im Namen Jesus verschwindet und lasst uns in Ruhe!“ „Bis zum
nächsten Mal“, verabschiedete sich der erleuchtete Überapostel
und der inquisitorische Schuldekan riet: „Der Geist ist scheinbar
willig, aber das Fleisch ist umso schwächer. Rühre ja nicht die
Jungfrau an, du Möchtegern-Heiliger.“ Die Tür flog mit einem
lauten Krachen zu. Ein schließender Schlüssel und sich entfernende
Stimmen, waren zu hören. Dann trat Totenstille ein. Elisabeth
weinte. Jonathan tastete sich, an seinen blinden Vater erinnert, zur
Tür vor und versuchte eine halbe Stunde lang vergeblich, diese mit
Gewalt aufzubekommen. „Jetzt hör endlich auf Jonathan. Komm rüber,
mich friert so stark“, bat die Tränen überströmte Schätzle. Der
einstige Ausbilder spürte sich an die Komm-mir-nicht-zu-Nahe-Biene
heran und legte abermals seinen Arm um ihre Schulter: „Weist du
Elisabeth, zwei sind besser dran als einer allein. Einer mag
überwältigt werden, aber zwei können widerstehen und eine
dreifache Schnur reist nicht entzwei.“ „Auch, wenn zwei
beieinander liegen, wärmen sie sich. Wie kann ein Einzelner warm
werden?“, sehnte sich die Heulende um mehr Zuneigung. „Du wirst
sehen Gott holt uns hier raus“, sprach der Tröster, „der Herr
bereitet sogar einen Tisch im Angesicht unserer Feinde.“ „Schön
wär´s. Aber rede nicht so viel, du Salomonischer Prediger“,
wünschte sich die Zuneigungsbedürftige, „lass uns besser
praktisch werden und nach einer gemütlicheren Stelle zum Schlafen
suchen.“ Der einzige bequeme und wärmere Liegeplatz war die
hölzerne Tischplatte auf dem Altar. Jonathan stieß zunächst an den
vergessenen Totenschädel. „Was machst du da?“, wollte Schätzle
wissen. „Ach nichts, ich räume nur auf“, beruhigte der Aufpasser
und begann, an alte Stehblueszeiten erinnert, abermals zu kuscheln.
Als komfortabelste Körperpose stellte sich die zusammen gekauerte
Babyhaltung heraus. Fischer lag für eine Zeit vorne und Schätzle
schmiegte sich an seinen Rücken. „Können wir uns umdrehen. Du
bist so groß und mich friert der Hintern“, bat Schätzle. Auch
diese Stellung bot ihre Reize. Vor dem Einschlafen erinnerte sich der
bibbernde Jonathan an den Albanienurlaub. Er sah sich zwischen den
wärmenden Helen und Reinhild sitzen und danach in das abkühlende
Gewässer hüpfen. Diese Nacht war freilich eine Prüfung von Gott,
ob er sich artig verhält. Seine erträumte Frau hieß sicherlich
Phoebe.
In
den frühen Morgenstunden schnatterten beide vor Kälte. Elisabeth
haderte: „Ich bin freilich keine Katze. Ich hätte dir dummen Kater
nie nachlaufen sollen. Jetzt sterbe ich zum vierten Mal mit dir.“
„Mach dir keine Sorgen. Man holt uns hier schon raus“,
fatalerweise vertraute Jonathan seinen eigenen Worten nicht. Er hatte
immer wieder von der Katharsis geträumt. Er sah laufend einen
Wirbelsturm über sich und Elymas ausbrechen, der ihn wiederum an die
USA gemahnte. „Elisabeth gibt es irgend etwas Verborgenes, das wir
Gott bekennen sollten. Irgend eine Sünde, die uns von ihm trennt und
unsere Befreiung verhindert?“, bohrte der Häftling herum. „Ja
natürlich. Aber wenn du Esel nicht darauf kommst, kann und will ich
dir nicht helfen“, gab sie ihr Rätsel nicht preis.
Die
Tür öffnete sich für die aneinander zu Tisch Sitzenden. Hassan
hatte Ali, Ali hatte Ahmet, Ahmet hatte Abdullah, Abdullah hatte
Achmadisdnehad und Achmadisdnehad hatte die Allahu-Akbar-Brigaden
gerufen. Die Tempelwächter freuten sich über eine reichhaltige
Beute in Form der an den Wänden hängenden Schwerter und des
einzigartigen Totenschädels mit den perfekten Zähnen. Jonathan und
Elisabeth versicherten, dass sie den auf dem Boden liegenden,
blutverschmierten Koran nicht beschmutzt haben, sondern dass dafür
Deifel und Wicked-Oz zur Verantwortung gezogen werden müssen. Als
der hitzköpfige Achmadisdnehad die heilige Schrift des Islam und den
Skull in seinen Rucksack packte, wurde es Jonathan ganz anders zu
Mute, weil er an seine Hellfire Valley Rast vor den Toren Las Vegas
erinnert wurde.
Endlich
sehe ich Phoebe wieder, ging es Jonathan durch den Kopf. Doch
zunächst bestanden die befreienden Märtyrer darauf, dass die
Erlösten einen Einkaufsbummel in ihrem moslemischen Basar
unternehmen. Nachdem Jonathan versicherte, dass er bereits einen
Perserteppich, über dem er regelmäßig betet, besitzt, wurde er
statt dessen genötigt zur Al-Aksa-Moschee mitzukommen. Dort könnte
er neben der völligen Unterwerfung auch die edelsten und kostbarsten
Knoten-Gewebe in großer Zahl kennen lernen. „Bekomme ich dann
statt einer gleich 99 Jungfrauen?“ scherzte Jonathan. „Halt
lieber die Klappe“, ängstigte sich Elisabeth, „die Brüder
verstehen mutmaßlich mehr Deutsch als du denkst und weniger Spaß,
wie wir gewöhnt sind.“ Den Tempelberg überschreitend wollte
Elisabeth einen kleinen Abstecher zum Felsendom unternehmen, um eine
kurze Ansicht hineinzuwerfen. Das islamische Bauwerk war dahingegen
längst von religiösen Wallfahrern belagert. Jonathan hoffte, dass
es sich dabei um Jakob und seine Truppe handeln könnte. Andererseits
durfte er gleichermaßen den „Gott hat keinen Sohn“ Schrein nicht
mit seinen Schuhen betreten. Barfuß einen verstohlenen Blick in das
Innere wagend erspähte er wen? Natürlich, Hänsel und Elymas. Sie
bekamen gerade von einem prunkvoll gekleideten Geistlichen eine
Hostie ausgeteilt. „Elisabeth, du wirst es nicht glauben, Deifel
und Wicked-Oz feiern unter der goldenen Kuppel heimlich Abendmahl“,
berichtete der deutsche Spion. Achmadisdnehad, der alles mitgehört
hatte kochte vor Wut. Wie ein Muezzin-Ausrufer etwas laut auf
arabisch schreiend, warf er den Sack mit dem Schädel auf den Boden
und zückte statt dessen eines der Schwerter. Seine entrüsteten
Kriegs-Kameraden taten es ihm gleich und stürmten den Dom. Ein
heftiger Kampf mit dem westlichen Sicherheitspersonal entflammte, der
in einen Aufruhr mündete. Von da an wurde die heilige Stätte für
unbeschnittene Heiden gesperrt. Den Steinhagel meidend nutzte
Jonathan die Gelegenheit, sich mit Elisabeth abzusetzen. Mit forschem
Schritt verließen sie die umkämpfte archäologische
Ausgrabungsstätte, indem sie zum Christ Church Guest House
flüchteten.
Was
für eine Überraschung, an der Rezeption befanden sich fünf alte
Bekannte. Deborah, Hanna, Mirjam und Judith checkten sich gerade ein.
„Was für ein Happening. Du hier Jonathan“, umarmte ihn der
verblüffte Andrew Taylor, „möchtest du mir nicht deine Frau
vorstellen?“ „Oh, das ist Elisabeth, meine Abteilungsleiterin an
der Arbeit“, wurde der einstige Chinamissionar ganz verlegen. Es
hätte ja sein können, dass ihm als nächstes Phoebe um den Hals
fällt. Doch das von Jakob Damkani dirigierte Evangelisationsteam war
schon Zuflucht findend an das Schilfmeer abgereist. Die nächste
Sinnkrise machte sich bei Jonathan breit. Bei einem gemeinsamen
Frühstück besprachen die Freunde ihre unterschiedlichen Tagespläne.
Elisabeth weigerte sich partout mit Jonathan ins Mietauto zu steigen,
um ins Shelter Hostel nach Eilat hinterher zu fahren. Nach den
Strapazen wollte sie sich erst einmal hinlegen. Sie bestand darauf,
wenigstens eine weitere Nacht in Jerusalem zu bleiben. Andrew Taylor
hatte vollstes Verständnis dafür. Er lud Jonathan statt dessen ein,
eine von ihm geleitete Pilgertour mitzumachen. „Also gut“,
stimmte Jonathan zu, „dann haben wir mehr Zeit, über mein Leben zu
sprechen.“ „Schau nicht soviel auf dich, sondern auf Jesus“,
korrigierte Bruder Andrew, „erzähl besser was aus David Diao und
Martin Peter Anrich geworden ist.“
Als
erstes besuchte der bunt gemischte Haufen, die mit 200 Jahre älteste
protestantische Kirche des Nahen Ostens, die zum Hotel gehörte. Die
Vierlinge stimmten einen Kanon in Mandarin an, der sich in dem
anglikanischen Gemäuer himmlisch anhörte. Das nächste Ziel war der
Kirchturm der Erlöserkirche, dessen Aussichtspunkt einen weit
umspannenden Rundblick über die Sehenswürdigkeiten von Jerusalem
bot. Diese vom Propst Ronecker geführte deutsche evangelische
Kirche, war Jonathan wesentlich symphatischer, als die von der
römischen Kaisermutter Helena gegründete, einen Steinwurf entfernt
liegende, Grabeskirche. Andrew Taylor wollte eine Auslegung über das
„Könnt ihr nicht eine Stunde mit wir wachen“ Gebet geben.
Deshalb gingen sie ein wenig weiter, bis sie im wunderschönen Garten
von Gethsemane angekommen waren. Die alten Olivenbäume stammten aus
der Zeit Jesu. Sie sprossten heute noch, durch neue Zweige, die in
die uralten Stämme eingepfropft waren. Mahnend erläuterte Bruder
Andrew Römer Kapitel 11 Vers 17: „Wenn aber einige von den Zweigen
ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den
Ölbaum eingepropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel
und dem Saft des Ölbaums, so rühme dich nicht gegenüber den
Zweigen.“ Pastor Taylor bedauerte in diesem Zusammenhang, dass
viele Christen hochmütig sind, keine Ehrfurcht vor Gott haben und
denken Gott hätte für immer sein Bundesvolk vergessen. Dann lehrte
er aus dem Alten Testament über acht Gottesnamen: Jahwe Jireh,
Rapha, Roi, Nissi, Zidkenu, M´Kaddesh, Schamah und Schalom – Gott
der Versorger, der Arzt, der Hirte, das Siegesbanner, die
Gerechtigkeit, die Heiligkeit, der Allgegenwärtige und der Friede.
Im Teil des Vaterunsers wo „Geheiligt werde dein Name“ gebetet
wird, könne jeder Christ mühelos 10 Minuten verweilen, indem er
diese Charaktereigenschaften preist und darüber nachsinnt. Jonathan
hatte dieses Prinzip anlässlich der geistigen Fortbildungsreise in
Phönix gelernt. Freudig rutschte ihm heraus, dass er diese
Gebetsform schon längst täglich praktiziert. Im Anschluss erfuhr er
wie wichtig es ist, sich ins stille Kämmerchen zurückzuziehen, da
es unangebracht sei die religiösen Werke hinauszuposaunen.
„Überhaupt ist es besser, wenn die Menschen uns als Salz und Licht
der Erde wahrnehmen, und wir deshalb als Christen einen guten Ruf
haben, anstelle uns selbst zu loben“, waren die abschließenden
Worte der englischen Predigt. Das Team wanderte den steilen jüdischen
Gräberhang des Ölbergs hinauf. Andrew Taylor deutete auf das
goldene Tor: „Seht, den davor angelegten arabischen Friedhof und
die Steine mit denen die Öffnung zugemauert wurde. Menschen meinen
damit den Messias aufhalten zu können und verkennen, dass er bei
seinem zweiten Kommen mit seinen Engeln auf den Wolken erscheint.“
Auf der Anhöhe angekommen bot sich ein majestätisches Panorama auf
den Tempelberg. Die Unruhen waren abgeflaut.
Dafür
sorgte eine andere Freiversammlung für Unfrieden. „Nicht schon
wieder“, sagte der eingeschüchterte Fischer, „komm lasst uns
schnell verschwinden.“ „Wovor fürchtest du dich?“, wollte der
powerfulle Taylor wissen, „weißt du nicht, dass der, der in uns
ist (Christus) stärker, als der in der Welt (Satan) ist?“
Ein
Fernsehteam zeichnete einen von Wicked-Oz geleiteten
deutschsprachigen Gottesdienst auf. Viele der Zuhörer kamen aus
Stuttgart, jedenfalls hatte Jonathan schon einige Gesichter in der
Musicalhall gesehen. Elymas schwor das Publikum darauf ein, einen
Bund mit Gott zu schließen, indem sie versprachen, mindestens 1000
US-Dollar oder mehr an ihn zu spenden. Einige Schriftstellen
anführend begründete er, warum der Herr die Schleusen des Himmels
öffnen muss und hundertfältig den Mammon zurück erstatten wird.
Die Geber würden dann nicht nur finanziell gesegnet, sondern auch
von Krankheiten und Unfällen bewahrt. Der in der ersten Reihe
sitzende Hänsel Deifel erhob sich, zu einem riesigen Steinaltar mit
vier Hörnen schreitend. Elymas Wicked-Oz erklärte, dass darauf
tausende von Gebetsanliegen gestapelt seien, die
Scheingeist-Gemeindemitglieder an ihn und Deifel geschickt hätten.
In der Zukunft wäre es noch wichtiger, dass jeder Wunsch und jedes
Anliegen verbunden mit einer Gabe vor den Hauptleiter und seinen
Stellvertreter gebracht werden. Diese könnten, dann aufgrund ihrer
besseren Verbindung zu Gott effektiver in Fürbitte treten. Dies
untermauernd legten beide ihre Hände auf die mit Schnüren zusammen
gebundenen Briefstapel, erhoben ihre Häupter zum Himmel und beteten
ein Glaubensbekenntnis. Der in der letzten Reihe stehende Andrew
Taylor wollte wissen, ob die Briefe mit dem Stempel der Jerusalemer
Post in alle Welt verschickt werden. Die Frage erübrigte sich, weil
die Empfänger Wicked-Oz und Deifel die Bittschreiben sowieso nicht
lesen wollten, und statt dessen das geduldige Papier flugs mit ihren
Feuerzeugen in Rauch aufsteigen ließen. Der Spielverderber Jonathan
fing an zu rufen: „Ihr wollt eine moderne, charismatisch
christliche Versammlung sein. Das sind doch die selben Methoden der
Ablasszahlung und Heiligenverehrung, wie im Mittelalter. Bei Gott
gibt es kein Ansehen der Person. Wir dürfen durch das Blut des
Heilands immer zu ihm kommen. Wisst ihr nicht, dass der ewige
Hohepriester Jesus, durch sein einmaliges Opfer, der einzige Mittler
zwischen dem himmlischen Vater und den Menschen ist?“ Der Appell
fruchtete bei einigen gewissenhaften Skeptikern, die sich erhoben und
den wohl bekannten Fischer beglückwünschten. „Wer diesem
Propagandaminister und scheinheiligen Demagogen folgt, begeht die
Sünde gegen den Heiligen Geist und wird exkommuniziert“,
verkündigte Hänsel Deifel, „jeder der mir den Namen eines
Abtrünnigen liefert, steigt eine Stufe höher in der
SGD-Hierarchie.“ Die prophetischen Vierlinge, die kein Deutsch und
wenig Englisch verstanden, teilten Taylor auf Mandarin ihre negativen
Eindrücke mit. Seine fernöstlichen Sprachkenntnisse zur Schau
stellend, gesellte sich die freundlich lächelnde Schlange Elymas zu
den anziehenden Frauen hinzu und erzählte die schlimmsten
Lügenmärchen über Jonathan. Als dies nicht fruchtete, giftete er
Fischer an: „Das Gestern war nur ein Vorgeschmack. Heute Nacht wird
das Grauen über dich hereinbrechen. Ich werde jeden mir zur
Verfügung stehenden Engel auf dich los lassen.“ „Finsternis und
Licht haben nichts gemein. Jesus Christus hat am Kreuz einen
Triumphzug über den Teufel gehalten, ihn entkleidet und öffentlich
zur Schau gestellt. Das wirst du früher oder später begreifen, denn
jeder Mund wird bekennen, dass Jesus Christus Herr ist und jedes Knie
wird sich vor ihm beugen“, Jonathan spürte, wie gut es tut das
Wort Gottes als schärfstes zweischneidiges Schwert einzusetzen. Der
scheinheilige Oberhirte Elymas konnte jedenfalls die Zitate nicht
leiden und flüchtete zurück zu Deifel.
Als
nächstes Ausflugsziel wählte Andrew Taylor, nochmals das Kidrontal
durchschreitend, den Zionsberg aus und erklärte: „Habt ihr
gewusst, dass Jesus außer seinem kostbaren Gewand so gut wie nichts
besaß? Der Obersaal für die Abendmahlfeier wurde ihm überlassen,
das Eselsfüllen geborgt, das Salböl gespendet und selbst sein Grab
gehörte einem anderen.“ Dem ermüdenden Banker Fischer ging ein
Licht auf: „Stimmt, Jesus hatte nicht einmal Geld, weil Judas die
Kasse führte, Petrus die Tempelsteuer aus dem Maul eines Fisches
bezahlte und die Münze mit dem Kopf des Kaisers aus der Menge hoch
gehoben wurde.“ Das sechsköpfige Grüppchen besichtigte den
traditionellen Obersaal auf dem Hochplateau, das Stadt Davids genannt
wurde. Der Ort des letzten Abendmahls wird von Bibellehrern auch als
Ausgangspunkt des Pfingstfestes angesehen. Es wird spekuliert, dass
die Sekte der Essener, ein Vorläuferorden der Mönche, den
Gebetsraum, in dem die Ausgießung des Heiligen Geistes statt fand,
zur Verfügung stellte. „Diese Mauern sind erst später
aufgerichtet worden. An vielen Plätzen stehen Monumente, die an Orte
und Begebenheiten erinnern sollen. Menschen wie die Reliquien
erfindende Helena, der Christusmonogramm einverleibende Konstantin
oder die den Heiligen Gral suchenden Kreuzritter fiel es leichter,
gegen das von Mose übermittelte zweite Gebot verstoßend,
Gegenstände anzubeten, anstelle den unsichtbaren Schöpfer“, der
dozierende Andrew führte die Gruppe nach unten, zeigte das von
orthodoxen Juden gehütete Davidsgrab und fuhr fort, „selbst in der
Pfingstpredigt erwähnt Petrus, dass das Grab Davids bis auf den
heutigen Tag unter uns ist. Auch wenn seine Gebeine wieder zum Leben
kommen, denke ich, es ist klüger die Toten die Toten begraben zu
lassen.“ Diese Weisheiten gaben Jonathan stark zu denken. Anstelle
ein unter dem Tempelberg durchführendes, von König Hiskija
durchtriebenes, Tunnel zu besichtigen, zog es der verängstigte
Höhlenforscher vor, sich im Hotel auszuruhen. Deshalb empfahl er:
„Passt mal gut auf, dass kein neuer Aufstand ausbricht, ihr
eingesperrt werdet oder das Öl in euren Lampen erlöscht!“
Beim
Abendessen saßen die fünf Frauen und zwei Männer wieder
einträchtig zusammen. Vom Kellner Philippus wurde in Körben
Gerstenbrot gereicht, dazu gab es den von Bruder Andreas geliebten
Petrusfisch. Als alle satt geworden waren, eilten Andrew und die
Prophetinnen in das Jerusalemer Kongresszentrum. „Wohin so schnell?
Ihr habt noch jede Menge übrig gelassen!“, erkundigte sich
Elisabeth. „Wir sind von 5000 Bewerbern ausgesucht worden und
müssen uns beeilen, sonst kommen wir zu spät zum 12er-Spiel“,
sprachs und ward nicht mehr gesehen. „Jonathan, die hätten uns
ruhig mehr erklären können. Weißt du welches Spiel die spielen?“
wollte die Neugierige wissen. „Keine Ahnung, ich habe dem
Glücksspiel und Turnierschach entsagt. Gehst du mit mir jetzt mit
zur Avis Autovermietung in die König David Strasse? Dann können wir
einen Abstecher nach Givat Ram machen“, der gemütlich speisende
Abenteurer hatte sowieso keine Lust mehr auf hektische
Verfolgungsjagden.
Aus
Erfahrung klug geworden, lieh sich Jonathan diesmal einen Mitsubishi
Pajero Off Roader aus, den er demonstrativ, mit einem Zug, rückwärts,
in eine frei gewordene Parklücke vor der im Regierungsviertel
befindlichen Kongresshalle, einparkte. „Siehst du, Männer können
halt besser Auto fahren!“ „Klar du Bruchpilot, darum bauen Frauen
weniger Unfälle“, quittierte Schätzle und fuhr fort, „mir kam
gerade ein blöder Gedanke. Was machen wir, wenn Deifel und Wicked-Oz
in der Halle sind?“ Jonathan durchdrang ein Schrecken in seine
Glieder: „Bist du jetzt auch unter die Hellseherinnen gegangen.
Wicked-Oz hat mir für heute Nacht meinen Untergang vorher gesagt.“
Passend dazu lautete das Motto, der von der Chrislichen Botschaft in
Jerusalem – ICEJ – organisierten Veranstaltung: „Biblische
Prophetie, der Weg ohne Furcht ins kommende Millenium!“
Der
Versammlungsort war ohnehin voll besetzt, so dass die Ordner am
Eingang keinen Einlass gewährten. „Schade, dann fragen wir Taylor
und die Chinesinnen halt im Hotel wie es war“, zeigte sich Jonathan
leicht enttäuscht. Elisabeth ergänzte: „So ein Schicksal, es soll
halt einfach nicht so sein.“ „Hey, ihr zwei Süßen, könnt ihr
mir helfen?“, einer der Organisatoren, ein übergewichtiger, weißer
Südafrikaner näherte sich Eis schleckend der Garderobe, „ich
benötige zwölf wackelige Stühle von hier hinten. Kommt und packt
mit an.“ Im Handumdrehen befanden sich die Träger-Sklaven
vorübergehend hinter der Bühne. Der witzige, esssüchtige Ed fragte
Elisabeth während er verschnaufte: „Seid ihr verheiratet?“
„Nein“, antwortete Schätzle. „Traut ihr euch nicht?“ „Weiß
ich nicht.“ „Hat er dich nicht gefragt, ob du ihn heiraten
willst?“ „Nein“ „Willst du sie nicht heiraten, Mann oh Mann?“
„Warum nicht? Womöglich steh ich auf eine andere“, beteiligte
sich der hinsetzende Fischer an dem Verkuppelungsspiel. „So jetzt
passt gut auf“, der durchs Programm führende Ed Hagee wurde
ernster, „sobald der Gesang aus ist und die Tänzerinnen mit ihren
Fahnen die Bühne verlassen, stellt ihr die Stühle in die Mitte der
Plattform. Ganz so wie bei dem Kinderspiel die Reise nach Jerusalem.“
Gesagt getan. Das Zwölfer-Spiel konnte nach einer einführenden
Erklärung von Pastor Hagee starten. Der erste der nach Ausklingen
der Musik seinen Platz verlor war, der durch das Auftauchen der
assistierenden Schätzle irritierte Deifel, wie könnte es auch
anders sein. Die zwölf teilnehmenden Propheten waren eigens von der
christlichen Botschaft ausgewählt worden, um ihre Träume und
Visionen einem breiten Publikum mitzuteilen. Hänsel Deifel
versprach: „Das kommende Jahrtausend wird, wie mir der Geist des
Humanismus zeigte, einen nie da gewesenen Frieden unter den Nationen
bringen. Völker und rivalisierende Stämme werden sich verständigen.
Kriege werden beendet und Krankheiten erfolgreich bekämpft.
Wohlstand wird für alle eingeführt. Dies wird dadurch ermöglicht,
dass die Menschen und Religionen sich unter einem messianischen
Führer in der globalen Republik demokratisch vereinigen. Jeder
Mitläufer, der nicht negativ redet und sich unterordnet wird an den
kommenden Segnungen Teil haben. Intolerante Engstirnige müssen
dagegen ausgemerzt werden.“
„Wer´s
glaubt wird selig“, war der Spott des nächsten
Stuhltanz-Ausscheiders Horst Schaftseweg dazu, der die Hoffnung auf
eine bessere Welt auf Erden längst aufgegeben hatte. Eine schlechte
Stimmung verbreitend schrie er wild gestikulierend: „So spricht der
Herr: Das Gericht Gottes wird über alle egoistischen, dominanten
Leiter ausbrechen. Wehe den Hirten, die die Schafe meiner Weide
zugrunde richten und töten. Ihr habt meine Schafe zerstreut und sie
vertrieben und habt nicht nach ihnen gesehen. Siehe ich werde die
Bosheit eurer Taten an euch heimsuchen. Wehe den Hirten die sich
selbst weiden. Die Milch genießt ihr, Fleisch und Knochen hängen
zwischen euren Zähnen, aber die Herde weidet ihr nicht. Die
Schwachen habt ihr nicht gestärkt, das Kranke nicht geheilt, das
Gebrochene nicht verbunden, das Versprengte nicht zurück gebracht
und das Verlorene nicht gesucht, sondern mit Härte habt ihr über
sie geherrscht und mit Gewalt. Ich werde euch ein Ende machen und
werde meine Schafe aus eurem Rachen retten, dass sie nicht mehr zum
Fraß seien.“
Den
Aufbruch zu Joels letzten Kampf beschrieb der Malteser Bruchpilot
Rick Ritter folgendermaßen: „Ich hörte Gottes Ruf auf meinem
Handy. Er teilte mit, dass eine neue revolutionäre Generation von
maximal ein Drittel falsche Vorhersagen gebenden Propheten am
Heranreifen ist. Die Bescheidensten werden mehr Wissen und Vollmacht
haben als Paulus, dessen Totengeist mir in einer anderen
Himmelsvision begegnet ist. Diese vor Millionen im Fernsehen
dienenden Superapostel werden ein Volk von Feuermenschen leiten, die
wie Heuschrecken über den ganzen Erdkreis herfallen. Eine bessere,
sich selbst verleugnende Armee der Demut wird auf Rössern reitend,
die ganze Welt einnehmen. Zeichen und Wunder werden durch sie in
Hülle und Fülle geschehen, so dass alle Heiden sich bereitwillig
bekehren.“
Das
Ziel besser ins Auge nehmend traf Andrew „the Power“ Taylor
zuerst ins Schwarze: „Ich hörte eine Stimme aus dem Himmel die
sagte: Glücklich sind die Toten die im Herrn starben, sterben und
sterben werden. Sie werden Ruhe finden für alle Mühe und Drangsal,
denn ihre guten Werke werden ihnen folgen. Seid nicht bekümmert,
wenn ihr unschuldig ins Gefängnis geworfen werdet oder sie euch aus
Hass um meinetwillen töten. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie
euch ebenso verfolgen. Harrt weiter aus. Wenn jemand in
Gefangenschaft geht, so geht er in Gefangenschaft. Wer durchs Schwert
getötet wird, muss mit dem Schwert getötet werden. Es dauert nur
noch eine kurze Zeit, bis das Blut derer gerächt wird, die um das
Wort Gottes und um des Zeugnisses Jesu willen geschlachtet worden
sind.“
Als
nächstes mussten sich nacheinander die vier Chinesinnen vom Turnier
verabschieden. Sie wurden von dem sich für verfolgte Christen
einsetzenden Bruder Andrew simultan übersetzt.
Deborah
sprach: In meinem Traum flog ich über ein schwarzes Land von
Sklavenarbeitern, das an einem fruchtbaren Strom lag. Die Herrscher
schufen sich Stiere und Löwenkatzen als Götterbilder, wodurch sich
der Himmel weiter verfärbte. Als ein gigantisches, zum Himmel
aufsteigendes dreizehn stufiges Grab gemauert wurde, in dessen
riesigen Sarg die regierenden Geistwesen Sonne, Mond und Sterne
anbetenden, zogen die Gewitterwolken weiter zu. Feuer fiel vom Himmel
und verzehrte alles.
Hanna
sprach: In meiner Vision sah ich eine große von dicken Mauern
umgebene Stadt, die reiche Kaufleute von allen Himmelsrichtungen her
besuchten. Je mehr Reichtum durch den Handel angehäuft wurde, desto
höher wuchs ein Stufentempel, dessen Dach von einer Unzucht
treibenden Himmelskönigin bewohnt wurde. Der in die Wolken steigende
Turm fing an zu wanken und fiel in sich zusammen. Trotzdem wurde
immer mehr Münzen durch die Tore der Stadt geschleust, so dass
erneut ein einstürzendes, die ganze Stadt zerstörendes
Handelsgebäude entstand.
Mirjam
sprach: In meinem Gesicht sah ich einen Marmortempel mit vier Säulen
empor wachsen. Die Säulen trugen die Namen Philosophie,
Wissenschaft, Geschichte und Literatur. Über eine Brücke wurden
nackte Statuen gebracht, welche die Schönheit des Menschen zeigten.
Die steinerne Figuren vermehrten sich immer weiter. Ihnen wurde Leben
gegeben, indem man sie zu Göttern machte und an einer
Wettkampfstätte gegenseitig messen ließ. Als die Zuschauer
ehrfürchtig auf ihre Knie gingen und anfingen vor Begeisterung zu
Jubeln, zerfiel alles in Staub.
Judith
sprach: Ich träumte von einem wieder aufgerichteten Gebäude, das
ganz und gar von Dämonen bewohnt wurde. Das Aussehen der Räume war
dem einer Pyramide, eines Stufenturms und eines Säulentempels
gleich. Auf einem roten Schild am Eingangstor stand Weltgerichtshof
in Latein geschrieben. Ein sich als Gott bezeichnende blinde
Richterin mit Lorbeerkranz und Schwert hielt zwei eiserne Schalen in
den Händen, auf denen sich Gesetz, Organisation, Kunst, Kultur, Brot
und Spiele die Waage hielten. Das ganze tönerne Gebilde fiel mit der
Zeit zusammen.
Bei
dem spannenden Finale der vier verbleibenden Männer, setzte es
zuerst James unsanft auf den Hosenboden: „Ich erblickte eine
Kirche, die von einer widerlichen Hexe dominiert wurde. Einige
protestierende Besucher erkannten dies, so dass sie mit dem Besen
unsanft ausgekehrt wurden. Die anderen verwandelten sich immer mehr
in das Bild der Herrscherin. Sie bekamen Pickel im Gesicht, eine
Adlernase und quälten in ihrer Bosheit andere Menschen. Als die
Kirchturmglocken anfingen zu läuten, erkannten plötzlich alle, dass
sie splitternackt waren. In ihrer Scham stießen sie die entblößte
Hexe von dem Thron, so dass sie wieder Kleider an bekamen.“
John
hatte die Offenbarung: „Ich schaute ebenfalls auf eine religiöse
Versammlung. Eine große Menschenmenge fiel im Freien vor einem
riesigen Stein nieder, der faszinierend anzusehen war. Das Gebilde
glänzte im Licht des Mondes wie Gold, war aber in Wirklichkeit ein
hässliches, überall behaartes, blutverschmiertes Monster, das einen
nach dem anderen auffraß. Dies wurde sichtbar als ein hell
scheinender Morgenstern am Horizont über den Dämonenanbetern
aufging. Angewidert stießen die überhand gewinnenden Gläubigen das
Ungetüm vom Sockel und zerteilten es in tausend kleine Stücke.“
Simon
begriff die kommende Vision: „Mir begegnete im Kongresszentrum ein
Zauberer, der in ein leuchtendes Sternenkleid gehüllt war. Ich
fragte ihn, was er mit der drehenden Erdkugel in seiner Hand anfängt.
Der eine schwarze Brille tragende weiße Druide erklärte mir, dass
er die hypnotisierten Betrachter verhext, damit sie den
Ziegenbockwillen und das Gesetz des Starken tun. Er hätte vor, die
ganze Menschheit zu manipulieren, so dass die versklavten Erdbewohner
ihn und die geistige Welt der Gestirne anbeten. Dieses Verlangen
offenbarend bekam der Narr seinen Himmelsmantel ausgezogen, wurde
angekettet und eingesperrt.“
Nun
trat Elymas Wicked-Oz auf den Plan und prophezeite über das kommende
Millenium: „Als ich mich vor Salomos Klagemauer in den Scheingeist
versetzte, stieg ich in den Thronsaal Gottes auf. Mit großem
Erstaunen stellte ich fest, dass der Richterstuhl des Architekten des
Universums leer ist, weil er im neuen Jahrtausend zu uns auf die Erde
kommen wird. So streckte ich wie ein Phönix weiter die Flügel aus,
um mich über den Himmel zu erheben. Statt der Sonne begegnete mir
die Venus und der Sirius-Stern. Sie verhalfen mir in ein höheres
Universum, das Atlantis hieß. Dort begann das neue
Erfolgs-Zeitalter, welches Himmel und Erde, Mann und Frau, Plus und
Minus vereinigen wird.“
Viele
der Zuschauer erhofften dadurch, den lang ersehnten Sechser in der
Lotterie gelandet zu haben. Mit tosendem Applaus quittierten sie die
letzte Gewinnprognose. Organisator Ed Hagee schaute den Mitspieler
Andrew Taylor fragend an: „Oh je, war das nicht das Muster aus
Jesaja 14?“ „Bingo, gepaart mit Hesekiel 28!“, wusste der aus
dem fernen Osten kommende Missionar. „Darf ich dem Herrn Wicked-Oz
ein paar kritische Fragen stellen?“, bat Jonathan, der von Bruder
Andrew Zuspruch bekam. „Hier, bitte nimm mein Funkmikrofon“,
pflichtete Hagee bei.
Jonathan
Fischer betrat die Bühne. Elymas Wicked-Oz saß siegessicher auf dem
letzten verbliebenen Stuhl. Jonathan spürte dass seine oder Elymas
Stunde gekommen war. Ohne genau zu wissen, was er fragen wollte, kam
aus ihm heraus: „Herr Wicked-Oz, wir befreundeten uns vor längerer
Zeit, und wie einige aus dem Publikum bezeugen können, war ich einer
der Ersten, der ihnen den lebendigen Glauben an Jesus Christus, den
im Fleisch gekommenen Sohn Gottes, verdeutlichte. Nun würde mich
interessieren, wer ihre gegenwärtigen Vorbilder sind, und wen sie
für den wichtigsten Propheten halten?“ „Wie du anhand meiner
Werke am Büchertisch draußen nachlesen kannst vertrete ich stark
die Lehren des viel gewürdigten, christlichen New Yorker Pastors
Norman Vincent Peale. In diesem Zusammenhang empfehle ich gerade dir,
mein Freund, positiv zu denken und nicht wiederum, die Finger auf
deinen Bruder zeigend, negativ zu reden. Der mächtigste heilende
Jesus-Prophet des 20ten Jahrhunderts war der General Gottes William
Branham, dessen Engel und Wunderkräfte zu mir transferiert wurden.
Ich rate dir deshalb, dich nicht mit höher gestellten Personen
anzulegen. Der bewundernswerteste wahrsagende Schriftsteller und
Philosoph kommt aus dem 19ten Jahrhundert. Denn es gibt keinen
Größeren für mich, als der im moralischen Washington heute noch
viel verehrte und beerdigte Dogmenlehrer Albert Pike. Wer schlecht
über diesen höchst angesehenen Mann redet ist für mich gestorben.“
„Danke für diese ehrliche Antwort. Nachdem aus einem selbst
verfassten Brief öffentlich bekannt wurde, dass Herr Peale
Hochgradfreimaurer im 33. Grad war, William Branham unter einem
Pyramidengrabmal bestattet wurde und Albert Pike in einem seiner
Werke geschrieben hat, dass Luzifer Gott ist und die
Freimaurerreligion durch die Reinheit der Luziferischen Lehre bewahrt
wird, würde mich interessieren, ob sie führendes Mitglied in einem
Geheimbund sind, ob sie an die Kraft des Morgensterns glauben und ob
sie im Verborgenen den Teufel anbeten“, startete Jonathan eine
erfolgreichen Angriff. „Da haben wir es. Anstatt auf meine
Warnungen zu hören, kommt wieder eine verleumderische Attacke von
diesem grobschlächterischen Bauerntölpel. Wer gibt dir denn den
Auftrag und die Vollmacht wiederholt so aufzutreten? Ich habe es
nicht nötig, auf diese unverschämten Lügen und Unterstellungen zu
antworten. Bitte entschuldigen sie mich, meine Damen und Herren“,
empörte sich Elymas und versuchte Hals über Kopf, das Podium über
den Künstlereingang zu verlassen. „Der Herr wird dich für eine
Zeit mit Blindheit schlagen“, rief Jonathan spontan aus. Die vier
chinesischen Prophetinnen packten den unvermittelt hilflos
Umherirrenden an Händen und Füßen. Im Anschluss schleiften sie
Elymas, auf dem Boden der Tatsachen ankommend, zurück auf die Bühne
und hielten ihn auf dem Bauch liegend fest. „Verrat, ich kann
nichts sehen, Deifel hilf mir!“, schrie der gereizte Gebundene.
Jonathan machte sich einen Spaß daraus, dem wutschnaubenden
Wicked-Oz hinterrücks die Hose herunterzuziehen. Das selbe Spiel mit
dem Herrenslip treibend gab er einen kurzen Blick auf die nackten
Po-Backen frei. Ein großes Gelächter brach aus. Die Tätowierung
der Eule von Minerva war zu sehen.
Hassan
und Abdullah traten unvorhergesehen, urplötzlich auf die Bühne und
brachten den Totenschädel zurück. Sie behaupteten, dass der
ruhelose Geist einer Katharina aus dem Kopf wiederholt gesprochen
hätte. Sie hätten immer wieder vernommen, dass Elymas Wicked-Oz
eine Frau Hutter ertränkt hätte. Als Beweis würde sich ein Stück
seiner Haut zwischen ihren Schneidezähnen befinden. Die im
Hintergrund beobachtende Elisabeth klagte an: „Dieser Deifel ist
mitschuldig. Ich habe genau gesehen, wie er Blut aus dem Skull
getrunken hat.“ Hänsel fand das gar nicht komisch und verteidigte
sich. „Im finsteren Untergrund dachte ich der Totenkopf sei, wie
sonst bei unseren Zeremonien gebräuchlich, aus Plastik, und das Blut
habe ich für Wein gehalten. Mit der Hexenverbrennung im Glutofen von
Kalifornien habe ich nichts zu tun. Zu dieser Zeit war ich höchstens
mit dem in Long Beach geborenen William Joseph Levada zu Gast bei der
Glaubenskongregation in Rom.“ Anhand des Gebisses konnten die
Überreste von Katharina Hutter zweifelsfrei identifiziert werden.
Mehr Aufsehen erregte im belgischen Königshaus und sonst auf der
Welt, das von Albert, einem misshandelten achtjährigen Kind, aus dem
Schloss entführte französischsprachige Dutroux-Video. Auf dem
Filmdokument mit 27 toten Zeugen war auch die teuflische Handlung des
Ertränkens und Verbrennens der Hutterer, in der von Waldbränden
heimgesuchten Westküste, zweifelsfrei festgehalten worden. Nach
bekannt werden dieses Beweismittels, versuchte sich Elymas, in der
Untersuchungshaft, mit Hilfe seines schwarz-goldenen Ringes das Leben
zu nehmen. Sein Glück im Unglück war, dass ihm von weißen Engeln
sofort der Magen ausgepumpt wurde. Wegen zahlreicher weiterer
Verbrechen lieferte ihn Israel an die USA aus, wo er noch heute eine
tausendjährige Haft in einem recht stattlichen, rechtsstaatlichen
Gefangenenlager absitzen muss. Der Skandal mit dem Totenschädel
schlug bis in die neue Welt riesige Wellen. Zahlreiche
schwarz-magische, weiß-getarnte Säulenhallen, in denen
Geheimtreffen stattfanden, wurden durchsucht und Skelette weiterer
Ritualopfer sicher gestellt. Der Einfachheit halber, wurden diese
Tötungsdelikte, dem Alleintäter und hauptverantwortlichen höchsten
aller Zauberer und Hexenmeister, Elymas Wicked-Oz angekreidet.
Nach
einem ausgiebigen Frühstück verabschiedeten sich die Deutschen von
der chinesischen Reisedelegation. Die religiösen
Auseinandersetzungen hinter sich lassend, waren Jonathan und
Elisabeth froh, aus der Stadt des Friedens mit ihrem Mietwagen
abzureisen. „Jonathan, da vorne geht es glaube ich rechts. Wir
könnten Qumran, Masada und En Gedi aufsuchen. Diese wichtigen Orte
liegen direkt an der Strecke nach Eilat“, empfahl Elisabeth. „Nach
1000 fallenden Höhenmetern lenke ich lieber links geradeaus. Denn in
der Talsenke lässt sich der Jordan besser durchwaten, wo ich dich
wie Johannes taufen kann, oder wir gehen doch zum Untertauchen zu den
Essenerruinen, andernfalls finden wir in der Zelotenfestung eine für
die Tage der Frauen gemachte Mikwe, und wenn dir das nicht zusagt,
legen wir uns halt im Meersalz, Schlamm oder Wasserfall zum Baden,
gel liebes Schätzle“, stichelte der auf Unverständnis stoßende
Mädchenschwarm. Statt dessen stieß das Gespann auf die Tore von
Jericho, der ältesten Stadt der Welt. „Stell dir vor Jonathan,
diese Süßwasseroase wird die grüne Palmenstadt genannt“, merkte
Elisabeth an, „sie ist laut dem Reiseführer seit jeher berühmt
für ihr heißes Klima.“ „Mir ist Jericho durch den schweren
Fluch Josuas bekannt, aber schau dir das Sodom und Gomorra an“,
empörte sich Jonathan und fuhr fort, „da drüben gibt es ein im
Islam verbotenes österreichisches Oasis-Spielcasino mit Bordell, und
den Müll von den Flüchtlingslagern dort auf der Straße würde Vera
Diao sofort wegplanen. Gibt es hier keine Entwicklungshelfer?“
Dafür gab es eine sau-di-arabische Tankstelle, an der sich Jonathan
neben Sprit mit einer äußerst gescheiten Landkarte versorgte. „Sieh
mal da. Israel fehlt. Alles ist Palästina“, stellte Jonathan fest.
„Das Schimpfwort hat sich der römische Kaiser Hadrian ausgedacht,
um die vertriebenen Juden mit den untergegangenen Philistern zu
ärgern. Ein Palästinenservolk gab es sowieso nie. Deren
scheinheiliger Gründer ist der dort oben auf dem Bild verehrte
ägyptische Halstuch-Terrorist“, dachte Elisabeth im
Geschichtsunterricht mitbekommen zu haben. Der gütige Tankwart
schaute unversehens grimmig aus der Wäsche und zückte ein Messer,
weswegen die Urlauber die Flucht in Richtung Süden antraten. „Liebe
Elisabeth, du weißt sicher aus dem Wort Gottes, dass die eigenen
Worte uns richten werden. Du selbst hast gesagt, dass die Brüder
mehr Deutsch und weniger Spaß verstehen, als wir denken. Jetzt ist
uns eine ganze Meute von PLO-Militanten auf den Versen.“ Schüsse
erschallten aus der vorderen der drei im Hintergrund verfolgenden
Untertürkheimer-Stern-Limousinen. „Jetzt sterbe ich schon wieder
mit dir. Nimmt das denn kein Ende? Doch diesmal trifft mich selbst
die Schuld“, bemerkte Elisabeth. Jonathan beschleunigte und bog mit
dem Geländewagen in einen Wüstenpfad ab. Die nicht wirklich Mord
gierigen Verfolger ließen sich dadurch besänftigen und verschwanden
in Richtung Transjordanien. Die Devisen bringenden Touristen haben in
dem von Intifada und bewaffneten Widerständen gezeichneten, schmalen
„Land für Frieden“ Landstrich des zerstückelten Israels, nicht
wirklich viel zu befürchten.
Endlich
sehe ich meine Phoebe wieder, liebäugelte Jonathan klammheimlich.
„Ich habe einen Riesen Hunger. Da drüben sind große Hotels. Lass
uns in Ein Bokek einkehren und Mittagessen“, forderte Elisabeth
auf. Am tiefsten Punkt der Erde stellte der ungeduldige Fischer die
japanische Sardinenbüchse auf dem sengend heißen Parkplatz des
Hotel Hod ab. Im klimatisierten Restaurant an einem großen Tisch
Platz nehmend, kühlte sich Jonathan ab. Er dachte: Gewiss doch, die
Frucht des Geistes ist Geduld und bei Gott sind 1000 Jahre wie ein
Tag, aber Schnellgaststätten und insbesondere offene Buffets bieten
auch ihre Vorteile. Doch wer stand da an der Tafel und nahm sich aus
jeder Schüssel des reichhaltigen Salatangebots etwas heraus? Der
Journalist, der bringt was andere weg lassen. Ludwig Schneider hatte
für sich und seine Frau Barbara die Teller gefüllt. „Wenn ich
gewusst hätte was Israel heute für Furcht erregende Erlebnisse
bietet, wäre ich vielleicht lieber wie Moses 40 Jahre in der
sicheren Wüste gewandert und nicht dem Ruf aus Stuttgart gefolgt“,
versuchte Jonathan eine Unterhaltung anzufangen. „Sei mutig und
stark und fürchte dich nicht, an allen 365 und ein Viertel Tagen des
Annus, Bruder. Schön, dass du über das Buch des Gesetzes nachsinnst
und die Veranstaltungsreihe über den Taumelbecher der Nationen
besucht hast“, diagnostizierte Ludwig Schneider, der sich setzte,
an einem Glas Eden Mineralwasser nippte und gleich noch zu einer
Tasse Kaffee in sein Büro einlud. Elisabeth Schätzle fand in
Barbara Schneider, die Heilkuren am Toten Meer organisierte, eine
kompetente Ansprechpartnerin und machte sich über die vielseitigen
Erholungsmöglichkeiten schlau. Am Ende des Essens verlangte sie:
„Jonathan ich bleibe bis heute Abend hier. Du hast versprochen,
dass wir zusammen baden gehen.“ Zähneknirschend stimmte der seine
Späße bereuende Fischer zu. Der Trauzeuge hatte gelesen, dass ein
Mann nur soviel Wert ist, wie sein Wort. Die braun gebrannte Schätzle
fand es witzig ihren bleichen Begleiter mit Moor zum Mohr zu machen
und abzufotografieren. Dafür wollte Jonathan ein zusätzliches Bild
davon haben, wie er im unsinkbaren Meer des Todes bzw. Meer des Lot
liegt und dabei den Nachrichten aus Israel Zeitungsartikel über den
untergegangenen falschen Propheten Elymas liest. Bedauerlich dabei
war, dass ein Spritzer des von Salz und Mineralien reichhaltigen
Wassers in sein linkes Sehorgan drang, so dass er sichtlich errötet,
den Splitter aus dem Auge heraus oder die Salbe aus Laodicea herbei
wünschte.
Jonathans
gute Laune kehrte in der Dämmerung zurück, als er Eilat erreichte
und die Straße zum Shelter Hostel ansteuerte. In der Herberge hoffte
Fischer endlich auf Leontopoulou zu treffen. Zunächst gab es auf dem
Parkplatz ein freudiges Wiedersehen mit einem anderen Bekannten und
dessen sechsköpfiger Familie. „Mensch Jonathan, dich nach so
langer Zeit wieder zu treffen ist eine große Überraschung. Möchtest
du mir nicht deine bessere Hälfte vorstellen?“, fragte der alte
Freund und Schulkamerad Walter Stein. „Ja gerne, meine verehrte
Abteilungsleiterin Elisabeth Schätzle folgt mir überall nach. Nicht
dass du etwas Falsches denkst. Wir sind weder verlobt noch
verheiratet“, betonte Jonathan. „Mein wahres Glück und reine
Wonne ist meine Familie, die mir Abba – unser liebender Vater –
geschenkt hat. Das ist meine schwedische Frau und Königin Silvia mit
den braven Kindern Agnetha, Björn, Anni-Frid und Benny. Eine
harmonische Ehe zu führen ist viel wichtiger als der Erfolg im
Beruf“, relativierte Einstein, das Physikgenie. „Sag mal, das
gibt es doch gar nicht. Wieso bist du hier her gekommen?“, wollte
Jonathan wissen. „Wir kommen gerade von der Uferpromenade, wo wir
mit Jakob Damkani und dem internationalen Team Gospelbroschüren
verteilt haben. Wegen der Kinder sind wir früher zurück gekehrt“,
berichtete Walter, der als Kavalier Elisabeth den Koffer abnahm und
zur Rezeption trug. Dort erfuhren die Fernreisenden, dass die Zimmer
des christlichen Gästehauses ausgebucht waren. Lediglich ein
Isomattenplatz auf der Terrasse stand noch zur Verfügung. „Jonathan,
dann schlafen wir gemeinsam, wie in alten Zeiten, im Schlafsack
draußen auf dem Boden“, plante der Gentleman Stein, „Elisabeth
kann mein Bett drinnen einnehmen.“ Schätzle hatte nichts dagegen.
Sie freundete sich schnell mit der Stockholmer
Fremdsprachen-Korrospondentin Silvia an, die ihr im Eingangsbereich
den verspannten Rücken massierte und sich dabei über die
Heilmethoden des Toten Meer Kurhotels aufklären ließ.
Der
sich bewegende Fischer und ruhende Einstein hatten sich, bis in die
Lichtstrahlen herbei führenden Morgenstunden, relativ viel zu
erzählen, so dass Raum und Zeit keine Rolle spielten. Eine kurze
Unterbrechung der Unterhaltung verursachte die Rückkehr der
internationalen Truppe mit Phoebe und Christoph an der Spitze, die
ein Zweierteam zur Prospekt Verteilung gebildet hatten. Außerdem
freute sich Jonathan, den sympathischen Jakob Damkani kennenzulernen,
der von einem alt bekannten Pastorenfreund begleitet wurde. Ulf
Gouderner hatte Jakob zum Predigen in seinen schwedischen Bürderbund
eingeladen. Die Landeskirchliche Gemeinschaft war deswegen mit der
Familie Stein und einigen Gemeindemitgliedern zum Sommereinsatz nach
Israel gereist. „Wie klein ist doch die Welt und was für Zufälle
es gibt“, stellte Jonathan fest. „Wenn ich mir dein Leben
anschaue, lieber Freund, dann glaube ich nicht so sehr an Zufälle“,
befand Gouderner und Einstein fügte hinzu: „Weist du Jonathan, wir
spüren, dass es bald an der Zeit ist, deine Lebensgeschichte
unentgeltlich im Internet zu veröffentlichen. Bist du
einverstanden?“ „Na klar, Ulf hat sich ja mit Hilfe deiner
Informationen die Rechte an meiner Story erworben. Aber erst muss er
wie versprochen den Frage-Antwort-Trick mit meiner zukünftigen Frau
wiederholen!“, meinte der seine Hochzeit herbei sehnende Single.
„Das ist nicht so schwierig. Bei den vielen hübschen Frauen hier,
werde ich deine Zukünftige bald herausfinden und heimlich
interviewen“, war sich Ulf sicher.
Jonathan
gähnte laut und lange am frühen Morgen, als er von Björn und Benny
mit einer Feder an der Nase wach gekitzelt wurde.
Nach
einem spärlichen Frühstück gesellte sich ein einheimischer Führer
zur Reisetruppe. Aviel Schneider erklärte, was es bei der geplanten
gefährlichen Wüstenwanderung Wichtiges zu beachten gibt. Der
Reisebus führte das 30-köpfige Team ein Stück weit auf eine Anhöhe
im Westen von Eilat, so dass der Spaziergang durch eine der kargen
Schluchten angetreten werden konnte. Jonathan lauschte ganz gespannt
den Ausführungen über den ehemals für die Herstellung der
Bundeslade verwendeten, besonders zähen Akazienbaum zu. Die Wurzeln
des betrachteten Exemplars reichten tief ins Erdreich und das Holz
konnte sich aufgrund der dürren Umgebung über die Jahrtausende
halten. Gruselige Gefühle entstanden in einer der mit Tierknochen
angefüllten kühleren Höhlen, in der sich vielleicht der treue
David vor dem irren König Saul versteckt hielt, und heute noch das
eine oder andere Kot hinterlassende Tier nächtigte. Angenehmer war
die Mittagspause an der Jonathan und die anderen
Wüstencamp-Teilnehmer über einem Lagerfeuer selbst Fladenbrot
zubereiteten. Eine Pause der Besinnung folgte dem Mahl. Aviel
verdeutlichte, dass der Berg Gottes, der Horeb sich in der Umgebung
befinden könnte. Wer wollte, dürfte für eine Zeit eine der Anhöhen
erklimmen, um in der Stille auf Gottes Stimme zu hören. Jakob warnte
davor, nicht zu weit und keinesfalls außer Sichtweite vom Camp zu
gehen, weil die Sinai-Halbinsel mit der ägyptische Grenze sich in
unmittelbarer Nähe befände. Der Dauerläufer Jonathan suchte sich
den höchsten Gipfel aus, um Phoebe, Christoph und Elisabeth, die
nicht mithalten konnten, zu imponieren. Oben angekommen bot sich ein
atemberaubendes Panorama über die Wüstenlandschaft. Jonathan wurde
an die Stelle in der Bibel erinnert, bei der Moses das verheißene
Land gezeigt bekam. Dann dachte er an die nächtliche Begebenheit in
Phönix, wo er kurz seine zukünftige Ehefrau im Geist sah.
Was
war das? Anstelle die Stimme Gottes, vernahm Jonathan das Weinen und
Schluchzen einer Lady. Handelte es sich um Phoebe oder Elisabeth?
Jonathan hätte zu gerne seine schützende Arme um das
erbarmungswürdige weibliche Geschöpf gelegt. Er konnte leider
niemanden und nichts erkennen. Blöder Weise ortete er das Heulen auf
der anderen Seite der Geröllwand. Sollte er sich über das Verbot
hinweg setzen? Ach, man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen,
dachte der Ungehorsame, seinen Entschluss schnell bereuend. Denn er
verlor die Haltung und rutschte etwa hundert Meter den Abhang auf dem
Hosenboden hinunter. Immerhin konnte er seine Füße gut als Bremse
einsetzen. Aber wie üblich, begann seine Hüfte wiederum zu
schmerzen. „Mist, was mache ich jetzt?“, fragte sich der
Solobergwanderer. In einiger Entfernung hörte und sah er einen
Armeejeep mit einer Grenzpatrouille heranfahren. Erst wollte er sich
bemerkbar machen, dann überlegte er, was die Ägypter mit ihm machen
würden. Er hatte nicht einmal seinen vorläufigen Pass dabei. Also
zog er es vor, sich hinter einem großen Felsen zu verstecken. In
solchen Situationen lernt man das Reden mit Gott. Jonathan bekam
dadurch Frieden für seine Seele. Eine Gewissheit stellte sich in ihm
ein, dass er die schluchzende Frau wieder trifft und heiratet. Ja
Baby, und wir werden drei Kinder miteinander haben, wie Bryan Tate in
Hellfire Valley kühn zu behaupten wagte. Als Hölle entpuppte sich
die brütende Hitze und der Umstand, dass es Jonathan wegen des losen
Gesteins und seiner Gehbeschwerden nicht schaffte die Anhöhe zu
erklimmen. Als Alternative blieb der leichtere Abstieg ins Tal.
Jonathan schaffte fünf Kilometer nach Nirgendwo. Er bereute
zutiefst, dass er sich nicht in ägyptische Hände begeben hatte.
Besser in die Sklaverei gehen, als kein Wasser zu haben. Wie war
gleich die Geschichte von Hagar und Ismael? Bist du der Gott der nach
mir schaut? Leider bin ich kein Kamel und kein Wildesel. Jonathan
erhob seine Stimme: „Hilfe, ich trockne aus!“
Die
nächste Wegbiegung abschreitend traf der nach Eden-Flüssigkeit
lechzende Held auf mähende Schafe, blökende Ziegen und einhöckrige
Dromedare. Wow, super, ein Leben mit Gott ist spannend und
abwechslungsreich. Er hatte eine kleine Beduinensiedlung erreicht.
Die Gastfreundschaft des Nomadenvolks genießend, trank er einen
Marokko Minztee, zog an einer orientalischen Wasserpfeiffe und
kostete Datteln. Die Retter verstanden ihn nicht, und er ergründete
nicht ihre Mundart. Doch die internationale Sprache der Liebe ist
grenzüberschreitend verständlich. Ein Lager im Schatten der Zelte
bot die Möglichkeit, sich richtig auszuschlafen und das Zwicken an
der Seite zu vergessen. Am nächsten Tag wachte Jonathan durch den
Wind von rotierenden Helikopterblätter und dem laut hämmernden
Motor auf. Seine jüdischen Freunde hatten alles daran gesetzt, ihn
zu finden und vor dem Verdursten zu retten. Aviel Schneider, der das
Jonathan Wüstencamp zuerst entdeckte, hatte einen deutschen
Schäferhund organisiert, der, anhand der Schiesser-Unterwäsche aus
Jonathans Gepäck, erfolgreich die Spuren- und Fährtensuche
aufgenommen hatte. Das Zahal Militär Israels beteiligte sich
ebenfalls an der Rettungsaktion. Jonathan wurde im Huckepack an einer
Seilwinde hochgezogen und bewunderte kurze Zeit später die
zielgenaue Landung auf dem Flughafen in Eilat. Das ganze Manöver
erinnerte ihn an seinen Klassenkameraden Klaus Renz, der
Fallschirmsprung-Weltmeister war und seine Schulfreunde zu
Tandemsprüngen mitnahm. Die Abrechnung für das bodennahe
Flugvergnügen lag freilich ungleich höher.
Nach
einer eingehenden Untersuchung durch einen Armeearzt, durfte der
deutsche Patient mit einem Taxi in das zivilisiertere
Tausend-Sterne-Hotel zurück fahren. Das Team um Jakob Damkani hatte
auf Anraten von Ulf Gouderner eigens eine Fasten- und Gebetszeit für
Jonathan eingelegt. Doch wo war Phoebe, die ihn hätte bemuttern
sollen? Ihre neue Freundin Elisabeth hatte aus Erfahrung versichert,
dass Jonathan sieben oder neun Leben wie eine Katze habe und war
deshalb mit Phoebe und Christoph zum eingeplanten Schnorcheln an das
Rote Meer voraus gegangen. Das 1200 Meter lange Korallenriff mit dem
smaragdgrünen und tiefblauen Wasser, bot die schönste Artenvielfalt
von gelb und rot schimmernden tropischen Fischen, die man sich
vorstellen kann. Den Sandstrand erreichend, empfing Jonathan die
atemberaubende Bikiniansicht von Phoebe, die ihm endlich wie lange
erhofft küssend um den Hals fiel. „Liebster, ich hoffe du bist uns
Genießern nicht böse. Wir haben es uns schon einmal gemütlich
gemacht und die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Du kennst ja meine
Lebensphilosophie“, lautete die Begrüßung der schwarz gelockten
Venus-Nachbildung. „Hey du Held, erzähl mal was genau passiert
ist“, zeigte sich der in der Mitte ausbreitende Christoph
wissbegierig. Das andere attraktive Liegestuhl-Modell Elisabeth
befand: „Wenigstens hast du mir diesmal nicht einen Schrecken mit
deinen Beischlaf-Abenteuern eingejagt.“ Während Leontopoulou dem
Genießer Fischer den Rücken eincremte, erzählte dieser die
Eskapaden und fragte zum Schluss: „Sag mal Phoebe, hast du auf dem
Gebetsberg gewimmert, als ich alleine verschollen war?“ „Du hast
keine Ahnung, wie ich um dich gezittert habe. Wir haben dich überall
gesucht, bis wir bei Einbrechen der Dunkelheit nach Hause gefahren
sind.“ Das löste die größte Zufriedenheit bei Jonathan aus.
Zumal der mutmaßliche Nebenbuhler Ziegler begann, dem
Kraulunterricht erteilenden Schätzle den Hof zu machen. Ab diesem
Moment waren die beiden flirtenden Paare unzertrennlich.
Vor
dem Abendessen musste Jonathan eine gut gemeinte Rüge durch eine
öffentliche Ansprache von Jakob Damkani einstecken. Ein Jünger
(engl. Disciple) Jesu würde immer tun, was sein Herr sagt und die
nötige Disziplin eines Soldaten an den Tag legen. Er betonte, dass
die Teilnehmer sich in einem Kampf und nicht in den Flitterwochen
befinden. Deshalb würde er es begrüßen, wenn die Singles nicht
Händchen haltend umherirrten. Ulf Gouderner stellte hernach dem
malträtierten Jonathan seine weiche Schlafstätte zur Verfügung,
legte seine eingeölten Finger sanft auf die verletzte Lende und
betete für ihn: „Himmlischer Vater, ich bitte dich, dass du
Jonathans Hüfte durch die Kraft des Heiligen Geistes heilst, damit
er seine Aufgabe in vollem Maße wahrnehmen kann. Außerdem befehle
ich im Namen Jesu, dass er vernünftig wird und in allem erst nach
dem Reich Gottes trachtet.“ Jonathan bedankte sich: „Preis den
Herrn, diese teuflischen Schmerzen sind wie weggeblasen. Ich
verspreche dir, dass ich mir das Turteln für das Ende der Freizeit
aufspare.“ „Das ist gut so. Ich habe den Eindruck, dass du deine
Frau erst bei der Rückreise im Flieger erkennst“, gab Gouderner
weiter. Diese Prophezeiung passte ausgezeichnet auf Phoebe, die
Flugbegleiterin, hoffte der friedlich einschlafende Herzensbrecher.
Am
nächsten Tag reisten die Partner der Posaune der Rettung Israels in
die Missionszentrale nach Jaffa zurück. Jonathan avisierte beim
Frühstück, seinen Mietwagen in Jerusalem abgeben zu müssen.
Deshalb wollte der Heilpatient mit der sichtlich angetanen, schicken
Phoebe die Schlammschlacht-Tour von Ein Bokek wiederholen und darüber
hinaus die Zeloten-Festung von Masada mit der Gondel erklimmen. Das
war der Gipfel. Ein heftiger Streit über gute Sitten mit dem Spiel
verderbenden Aufpasser Ulf war die Folge. Der sich vom Platz
erhebende gute Jakob sorgte für Frieden, indem er das Auto selbst am
Shalom Plaza in Eilat zurück gab. Somit konnte die aus verschiedenen
Nationen bestehende Gruppe, gemeinsam mit dem Reisebus, über
Beerscheba die Rückfahrt antreten. Jonathan saß neben der etwas
verstimmten Phoebe, die von ihrem Zukünftigen mehr
Durchsetzungsvermögen erwartet hatte. Dafür ergab sich wieder ein
langes Gespräch mit Walter Stein über die Erfahrungen im
Physik-Leistungskurs. Einstein dozierte über sein neues
Spezialgebiet der Elektro- und Magnetostatik. Als er merkte, dass
dies der negativ geladenen Phoebe viel zu langweilig war, fragte er
sie, positiv in die Unterhaltung einbindend, über ihre Schulnoten
und Lehrer aus. „Aha, jetzt geht mir ein Licht auf. Den Trick kenne
ich. Damit legt Pumuckel Einstein mich nicht mehr rein“, unterbrach
Jonathan. „Was meinst du?“ wollte Phoebe wissen und bekam von
Walter zur Antwort: „Das wollen wir nicht verraten, weil es eine
Überraschung auf Jonathans Hochzeit werden soll.“
Auf
der Rückbank des Busses gab es ein großes Freudenfest um ein
ähnliches, von Ulf und seiner Sekretärin Angela-Berit inszeniertes
„Wetten dass“ Antwortspiel. Elisabeth und Christoph, die einen
Fragebogen über ihre Kindheit in der Hand hielten, kugelten mit dem
Schreiber bzw. sich vor Lachen.
Eine
weitere militärische Übung der israelischen Feuerkräfte in der
Negevwüste hinter sich lassend, wurde eine Rast an deren nördlichen
Rand eingelegt. Das wie Jerusalem über 800 Meter hoch gelegene
Mitzpe Ramon bot ein Ehrfurcht einflößendes Naturschauspiel auf den
gleichnamigen Erosions-Krater, der Jonathan an den Grand Canyon
erinnerte. An die mit Brian und Sharon Tate verbundenen
Naturerlebnisse denkend, fragte sich der Tourist, ob es auf der
Kanaan-Ranch von Abraham und Sarah wohl ähnlich aussieht. Ein Stück
Himmel auf Erden hatte sich ebenfalls Israels zionistischer
Gründervater David Ben Gurion herbei gewünscht. Er fand seine
letzte Ruhe im benachbarten Sede Boker Kibbutz, wo er den Lebensabend
im verheißenen Land verbrachte. Die nächste geruhsame Rast
versprach die sich nach Frieden sehnenden Kleinstadt Sderot. Jonathan
traute beim Brezel-Einkauf auf dem Boulevard seinen Augen nicht, als
er neben den schwäbischen Backspezialitäten die Sillenbucher
Konditormeisterin Iris Veit antraf. Die gottesfürchtige Volontärin
erteilte ihren israelischen Berufskollegen Unterricht und kümmerte
sich am Gazastreifen, wo viele Menschen sich um ihr Leben sorgen, für
Raketen hafte Umsätze.
Am
Mittelmeer Richtung Norden entlang fahrend, gelangte das Vehikel an
den Bestimmungsort, einen der ältesten Häfen der Welt. Das
einstmals von Kanaanitern bewohnte und von Ägyptern eroberte Jaffa
wird häufig in den alten Schriften erwähnt. Der Ort diente für
Salomo zum Verschiffen der Zedern aus dem Libanon, für Jona zur
Flucht nach Tarsis und für Petrus als Ausgangspunkt zur Sendung zu
den Heiden.
In
dem im Zentrum gelegenen Einfamilienhaus gab es ein Wiedersehen mit
der tüchtigen Elisheva, die für das Abendessen gesorgt hatte. Fast
alle der aus Deutschen, Österreichern, Schweizern, Schweden und
Schotten bestehenden Gemeinschaft nächtigten im Freien. Die große
bedachte Veranda bot neben zusätzlichen sanitären Einrichtungen für
die Frauen, die Unterbringungsmöglichkeit für ein Matratzenlager.
Jonathan und Christoph suchten Unterschlupf auf dem Boden. Sie
befestigten ihre Moskitonetze an den über ihnen befindlichen
Tischplatten. Die darüber nächtigende Elisabeth bekam diesmal auf
ihrem Tischaltar eine weichere Gummi-Unterlage und mit Phoebe eine
Anstandsdame als Nachbarin verpasst.
Am
nächsten Morgen wurde die Lokalität fürs Frühstück umgebaut.
Jeder Teilnehmer ließ sich als Helfer einplanen. Nach dem Abspülen
übte der deutsch- und englischsprachige Musikverein neuhebräische
Lieder, die von Elisheva harmonisch auf der Gitarre begleitet wurden.
Jakob predigte in Englisch über die Früchte des Geistes. Liebe,
Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und
Selbstbeherrschung wären Charaktereigenschaften gegen die kein
Richter der Welt ein Urteil fällen kann. Der von der blonden,
hübschen, zweiten Elisabeth übersetzte Straßenevangelist
motivierte zum Schluss in gebrochenem Deutsch: „Där Härr gäbä
euch viel Liebe und Kraft in de Heilige Geist.“ Mit reichlich
Literatur im Gepäck bildeten sich wiederum Zweierteams, die nach
einem halbstündigen Fußmarsch in Tel Aviv angelangten. An einer
Freitreppe des Strands sang die erfreute europäische Einheit
eingangs ein eingeübtes eingehendes Psalmen-Lied. Jakob Damkani
erklärte in Iwrit der sich ansammelten Menge, dass seine Freunde aus
verschiedenen Nationen nach Israel gekommen sind, weil sie das Volk
der Juden lieben und segnen möchten. Danach begann Jonathan mit
Phoebe, seine Autobiographie „Lama davka ani? – warum gerade
ich?“ an die Umstehenden umsonst zu verteilen. Ein ultraorthodoxer
Gottesfürchtiger rastete aus und schlug Fischer die verhasste
Lektüre um die Ohren. Jonathan erinnerte dies an seinen
Albanienurlaub. Er begriff, dass die Ordensschwester Hanna, ihm
diesmal als verwandtschaftliche Hilfe nicht beistehen konnte.
Eventuell freute sich die enthaltsame Nonne dafür über ihn im
Himmel. Als selbst die Bücher verteilenden Stein-Kinder von den
übers Handy herbei gerufenen, keine Rücksicht nehmenden Yad Le
Achim Religions-Polizisten verhauen wurden, ergriffen die
Eurovisions-Schlagersänger allesamt die Flucht. Fischer nahm
Leontopoulou an der Hand, indem er auf den konvergenten römischen
Pflastersteinen, den austobenden, iranisch-oppositionellen
Leibwächtern entfloh. Ganz wie später der im Nahost-Konflikt für
Frieden bzw. gute Auslandsbeziehungen sorgende Straßenkämpfer,
Marathonläufer und Ehrendoktor Joschka. „Mit dir kann ich ja von
Tel Aviv bis nach Haifa rennen. Für ein Modell hast du eine echt
gute Kondition Phoebe. Woher kommt denn das?“, fragte der Jogger
seine Trainingspartnerin bewundernd. „Dreimal darf der
Außenminister Fischer raten welche Nation die Olympischen Spiele
erfunden hat“, neckte ihn das griechische Höckernäschen, „aber
im Ernst, mit dir im Schlepptau komme ich Student viel besser voran,
als in meinem revolutionären Frankfurter Fitnesscenter.“ Die
beiden hatten sich erfolgreich abgesetzt und schlenderten eng
umschlungen über den Karmel-Markt. Jonathan wurde an ein Versprechen
erinnert: „Phoebe, wenn es nach mir ginge würde ich dich vom Fleck
weg heiraten. Aber ich habe Pastor Ulf gelobt, dich bis zum Ende der
Freizeit nicht anzurühren.“ „Erstens mal, bin ich nicht so
leicht wie fünf Frauen zu haben und dieser meine gute Laune
verderbende schwedische Sittenwächter wird mich nie trauen“,
ärgerte sich die Trennende. An einem gedrängten Textilienstand
angekommen tätigte das Traumpaar einen Frustkauf. Phoebe leistete
sich eine eng taillierte weiße Levis-Jeans und Jonathan ein bissiges
grünes Lacoste Poloshirt. Der saubere Verkäufer versicherte
billigend, dass es sich um waschechte Originalware handelte, derweil
der erste Handspülgang ein schrumpfendes, ausbleichendes Ergebnis zu
Tage förderte. „Jetzt probieren wir einmal in der nobleren
Geschäfts-Zone, ob wir als Powerseller versandkostenfrei mehr Bücher
an den Mann bringen Jonathan“, eiferte die einen Marketingerfolg
erzielende Amazone. Come – Komm. Der erste einsame Fisch zappelte
im Netz. Der mitten ins Herz getroffene russisch-stämmige Jude,
versprach nicht nur das Taschenbuch zu lesen, sondern lud daneben die
Touristen in eine Lebens-Künstler-Bar zum Aperitif ein. Dort sah der
erbitterte Jonathan nur schwarz und Phoebe bekam kurzerhand Heimweh,
weil der an Melancholie und Hypertrychose leidende liebesbedürftige
Hyperchonder die feminine Aphrodite alleweil am oberen Schenkel
betatschte und ohnehin keine gewichtigen Schekel dabei hatte.
Die
Lebensfreude kehrte zu den flüchtenden, blamierten Werbestrategen
und unwissentlichen Zechprellern auf dem Heimweg zurück. Sie
beobachteten, wie ein ihn bekanntes berauschtes Paar in knallroten
Coca-Cola T-Shirts meist vergeblich versuchte, die schwere Ware im
Handgepäck los zu bekommen. „Warum soll es Elisabeth und Christoph
besser gehen als uns?“, fragte Jonathan nach. Phoebe attestierte:
„Könnte sein, dass Christoph mutiger ist als du und anstelle, vor
jedem Problem weg zu rennen, seinen Mann steht.“ Dieser Kommentar
saß wie ein Schlag. Der in seinen Gefühlen verletzte Eheanbahner
wusste sich nicht zu helfen. Er schwieg.
„Hey
Jonathan, warum so traurig. Schau mal was mir Christoph alles
geschenkt hat!“, forderte die herbei eilende Schätzle auf. Neben
einer goldenen Kette mit Davidstern trug sie neuerdings auch einen
Ring. „Freut mich für euch“, bezeugte Jonathan unredlich, „ich
wusste gar nicht was für ein forscher Angreifer du bist, Christoph.“
„Klar doch. Ich hab dich schon bei unserer ersten Begegnung im
Schach in Sindelfingen ausgestochen“, gab Ziegler an, „außerdem
habe ich dir meinen von Gott gegebenen Traum, über das zu erwartende
Israel-Freundschaftsgeschenk bereits am Stuttgarter Flughafen
mitgeteilt.“ „Was du spielst Schach? Ich war Württembergische
Mädchenmeisterin“, unterbrach Elisabeth, die in die Klagemauer
einen Zettel, mit der Bitte um einen intelligenten Mann gesteckt
hatte. „Phoebe, bist du fit im königlichen Spiel?“, wollte
Jonathan einwerfend wissen. „Ein bisschen. Ich habe mal gelernt,
dass die Damen auf mehr Felder springen können als der Schutz
suchende, rochierende König. Aber diese en passant- und
Pferdchenhüpf-Regeln fand ich auf Dauer zu umständlich.“
In
Jaffa angekommen brach der Schach Virus vollends aus. Ziegler
besorgte von Damkani ein Holzbrett mit Figuren, um Schätzle zu
zeigen, wer der Stärkere ist. Elisabeth ließ sich allerdings nicht
bezwingen und hatte in einer zweiten Partie auch Jakob kurz vor dem
Matt, bis dieser, den Untergang aufhaltend, die Essenszeit für
angebrochen hielt. Darauf mischte sich Einstein ins Geschehen ein, um
ebenfalls den Kürzeren zu ziehen. So wurde kurzerhand ein Turnier
jeder gegen jeden, der will, ins Leben gerufen, aus dem sich Jonathan
wohlweislich heraus hielt. Sein Kommentar lautete, dass Jesus
Christus durch Kreuz und Auferstehung den größten Sieg über Sünde,
Krankheit und Tod, bereits errungen hat und den Schlüssel des Hades
in seiner Hand hält.
Die
ausländischen Gäste verweilten eine Woche in dem, an einen alten
Missionars-Friedhof angrenzenden, Einfamilienhaus in Jaffa. Neben den
geistlichen Teilen bestehend aus Lobpreis, Gebet, Bibelarbeiten und
der Verbreitung der Guten Nachricht, boten sich viele weitere
angenehme Freizeitaktivitäten an. Phoebe genoss es, wiederholt mit
Jonathan in den naheliegenden Gan HaPisga Gipfelgarten zu spazieren,
um die großartige Aussicht auf die Tel Aviver Bucht auszukosten. Die
malerische Idylle des Palmenparks lieferte die spirituelle Kulisse
für unsinnliche platonische Gespräche. Peinlich berührte die
Lustwandler, die auf der Wiese heftig knutschenden Schätzle.
Christoph
Ziegler fühlte sich neben dem Rasensport im Wasser bestens
aufgehoben. Durch sein regelmäßiges Krafttraining hatte er ein für
sein junges Alter beachtliches breites Kreuz entwickelt. Seine
sportliche Brust- und Oberarmmuskulatur stellte er gerne am
Badestrand von Tel Aviv vor allen Leuten durch seine
Handstand-Kunststücke zur Schau. „Jonathan, magst du nicht mehr
plantschen und etwas von diesen Schwarzenegger Pulver-Proteinen
einnehmen“, fragte die sich sonnende griechische
Leibeskultur-Befürworterin. „Nein danke, ich versuche, im
Gegensatz zu Arnold, ohne Vitamin B erfolgreich durchs Leben zu
kommen und habe als leichtathletisches Ideal die Kenianischen Läufer
zum Vorbild“, konterte der im Schatten liegende Eifersüchtige. Ein
sportlicher Wettkampf anderer Art entwickelte sich. Der
widerstandsfähige Jakob Damkani forderte den übermütigen Adonis
Ziegler zum Schwimmmarathon heraus. Anstelle die Strecke nach Jaffa
zu Fuß zurückzulegen, versuchte der unermüdliche Endvierziger den
schaumschlagenden Anfangszwanziger im Wasser nass zu machen und zu
düpieren. Die alte „Unterschätze niemals dein Gegenüber“
Weisheit sollte sich wieder bewahrheiten. Ein anderes Problem ergab
sich für den heftig protestierenden Jonathan, als Phoebe und
Elisabeth sich von zwei feschen fremden Jünglingen in ihr Ruderboot
einladen ließen, um das Geschehen vom Meer aus zu beobachten. Er
spürte, dass bei der Sache etwas nicht stimmte. Die prompte
Bestätigung zeigte sich, als das Schlauchboot ins offene Meer
abdriftete. Der mit seinem Fernglas spähende Bademeister zeigte in
seinem überhöhten Holzhäuschen vollstes Verständnis für
Jonathans Bedenken. Denn die Signalfarben-Bikinis von Schätzle und
Leontopoulou waren gerade eben unfreiwillig durch die beschnittenen
Bengel über Bord gegangen. Die gemeinsame Verfolgung der Oberteile
mit zugehöriger Rettung der barbüsigen Badenixen nahm mit einem
Aussenborder ein zügiges Ende. Der majestätische Spion Fischer
fühlte sich in seinem imitierten Krokodils-Polo-Shirt wie der König
oder Märchen-Prinz Charles, weil ihm die zwei spärlich bekleideten
„Diana Fruchtbarkeits- und Jagdgöttinnen“ gleichzeitig um den
Hals fielen. In so einem polygamen Moment würde es sich lohnen, zum
Islam zu konvertieren, überlegte der für kurze Zeit vergötterte
Untergangs-Prophet, der tröstend die kullernden Tränen von Phoebes
erschauderten Wangen abwischte. Im alten Hafen von Jaffa andockend,
fiel Elisabeth ihrem abgehängten, untergegangenen Christoph um den
Hals, der ebenfalls im weiten, welligen Meer seine Grenzen aufgezeigt
bekam.
Die
abendliche Schabbat-Feier vergegenwärtigte durch Wein und Matzen das
Pessach-Fest, und erinnerte Jonathan an eine historisch
bedeutungsvollere Befreiung und Meeresdurchquerung. Dem seit
altersher verwöhnten Sieger gefiel es, auf der Gewinnerseite des
Lebens zu stehen. Er erhoffte sich für das Volk der Juden, dass sie
bald, wie Rebekka, den Schleier vom Gesicht genommen bekommen, um auf
den Bräutigam Isaak – übertragen Jeschua – zu treffen. Oder sie
sollen, gleich den elf Stammes-Fürsten, in ihrer Not erkennen, dass
ihr verkaufter in die Fremde gegangene Bruder Joseph, als
Vorschattung Jeschuas, der königliche Retter ist. Der an Seder
erwartete wieder kommende Elia, glaubte Jonathan, ist als Sohn des
Zacharias und der Elisabeth längst erschienen. Denn es verstummte
nicht wieder der Täufer, dem der Kopf abgeschlagen wurde. Johannes
erläutert heute noch im Evangelium und wie auf einem silbernen
Tablett: „Siehe das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“
Die
Zeit in den Ferien geht meist viel zu schnell vorbei, doch Jonathan
sehnte sich beim folgenden Park-Spaziergang in den Passagierraum
eines überfliegenden Jets, wo er Phoebe einen fünfminütigen
Zungenkuss geben wollte. Die aufmerksame, clevere Flugbegleiterin
hielt durch ihre Beziehungen später eine Überraschung parat.
Weniger verwundert zeigte sich Jonathan, als er in der Dunkelheit
Christoph beim schmusenden Versteckspiel auf einer Parkbank
entdeckte: „Ihr Lieben, habe ich euch schon die Ballade von Maxime
Trächtig vorgetragen?“ „Bitte nimm Rücksicht auf unsere Gefühle
und verbreite nicht wieder eine von deinen
Frankenstein-Horrorgeschichten“, bat Schätzle. „Ja Jonathan, wir
haben auf den Meereswogen genügend Leid erfahren“, pflichtete
Phoebe bei. „Ich verstehe gut, dass ihr auf meine Warnungen nicht
hören wollt. Ich persönlich wünsche mir mindestens drei Kinder,
und ihr?“, lenkte Fischer die Unterhaltung in ein anderes
Fahrwasser. „In meine Lebensplanung passt höchstens ein Quälgeist.
Das müssen wir noch ausdiskutieren“, war sich Phoebe sicher. „Ich
muss erst einmal mein Theologiestudium beenden. Bei den sechs
Anabolika-Pillen, die ich täglich schlucke, brauche ich mir keine
Sorgen um meine Fruchtbarkeit zu machen“, wusste der Apotheker im
Bodybuilder. „Christoph, dann versuch eine Hormon-Pille für den
Mann weg zu lassen. Die Zahl der Barmherzigkeit ist sowieso fünf“,
hatte die begnadete Elisabeth, als sie sich vor fünf Monaten zurück
zog, in der Bibel heraus gefunden. Und in der Tat würden die
Hochzeitsglocken für alle fünf minus eins im nächsten Jahr läuten.
Von den Park-Spaziergängern traten sogar fünf plus eins in den
Ehebund ein. Der weltweit wirkende Jakob Damkani hatte nicht alleine
die Vision mit dem Missionswerk „die Posaune zur Rettung Israels“,
das zweite, nahe Kommen des Bräutigams Yeshua Ha Mashiach
anzukündigen, sondern er befand sich, im kühlen Garten wandelnd,
selbst auf Brautschau. Die zu überzeugende Blondine an seiner Seite
diskutierte mit dem Gottesstreiter so laut, dass die gemeinsame
Zuneigung Jonathan nicht verborgen blieb. Mit der fleißigsten
Posaunen-Elisabeth schickte der Herr Jakob einen besonderen Segen aus
Deutschland. Ihre gemeinsame Vision ein größeres Haus, als Ort der
Einheit zu bauen, erfüllte sich unlängst durch das fünfstöckige
Hotel Gilgal in Tel Aviv.
Phoebe
und Schätzle machten sich einen Spaß daraus, ihren Untermietern die
Füße aufzudecken und wachzukitzeln. Der dürftige
Terassenschlafsaal durfte in Richtung Galiläa verlassen werden. Die
Reise von Petrus zum Hauptmann Kornelius wiederholend, waren die
Touristen bald mit ihrem Reisebus in Caeserea angelangt. Die
Kreuzfahrerruinen, das Amphitheater und das Aquädukt boten
eindrücklichen Altertumsunterricht. Auf der Weiterfahrt nach Haifa
erklärte Einstein, dass neben dem in römischer Gefangenschaft
lebenden Paulus, selbst der berühmte Jude und Geschichtsschreiber
Josephus in seinem Testimonium Flavianium das wunderwirkende Leben
Jesu bezeugte. Durch die Lektüre von Werner Kellers Buch „Und die
Bibel hat doch recht“ wäre es ihm als Wissenschaftler, aufgrund
der vielen archäologischen Beweise leichter gefallen, dem Wort
Gottes zu vertrauen. Inzwischen sei ihm mit Hilfe seines Computers
ebenfalls gelungen, die göttliche Inspiration der Bibel mathematisch
zu beweisen. Ivan Panin hätte schon vor hundert Jahren von Hand
errechnet, dass der erste Vers der Torah „Am Anfang erschuf Gott
Himmel und Erde“ nicht nur aus sieben Wörtern, gleich den 7 Tagen
der Schöpfungsgeschichte, sondern aus über 28 anderen
Siebener-Mysterien besteht, wenn man die 22 Buchstaben des
hebräischen Alphabeths mit ihren Zahlenwerten berücksichtigt. Seine
welterschütternden Entdeckungen wurden von der Öffentlichkeit mit
dem absurden Argument abgewiesen, andere Texte und Sprachen würden
dies auch hergeben. „Wenn ich dir zuhöre Walter wird mir ganz
schwindelig. Können wir nicht das Thema wechseln?“, bat Phoebe.
„Ok, dann verlassen ich Mathe und erteile Erdkunde- und
Biountericht“, fuhr der Professor fort, „die Scharonebene hier
ist das am dichtesten besiedelte Gebiet Israels. Sie wird intensiv
landwirtschaftlich genutzt zum Anbau von Honigäpfeln,
Zitrusfrüchten, Avocados, Baumwolle, Gemüse und Wein. Die
kultivierte Scharonfrucht, die von der Gattung der
Kaki-Ebenholzbäumen geerntet wird, gab der Ebene den Namen. Der
wissenschaftliche Name Dyospyros Kaki bedeutet soviel wie Frucht des
Zeus.“ Der genervte Leontopoulou entglitt: „Jetzt lässt der
Historiker unseren Olympischen Gott durchs Feuer kacken. Einstein, du
bist von Sinnen. Das große Wissen bringt dich um den Verstand.“
Der gefrustete Walter drehte sich zur Seite, wo ihm seine
Fremdsprachen-Gemahlin Silvia zum Trost flüsternd einen Kuss auf die
Wange gab. „Vom Genie zum Wahnsinn ist es vermutlich nicht weit“,
mischte sich Jonathan ein, „Liebste, für mich bist du die schönste
aller Rosen von Scharon. Eine besonders hübsche und wenig
dickköpfige Scharon, die jetzt drei Kinder hat, ist mir in Phoenix
zum ersten mal begegnet. Darf ich dir von der bekehrten Hexe
erzählen?“ Jonathans spannende Erlebnisse der USA-Reise fand die
angebetete Prinzessin aufschlussreicher. Bunt ausgemalte Märchen
sind oft schöner als die Wirklichkeit des grauen Alltags.
Die
deutsche Siedlung in Haifa zeugt von Protestanten, die in Nordisrael
den Weltuntergang erwarteten. Besonders hart gesottene süddeutsche
Templer erbauten in der Mitte des 19ten Jahrhundert als lebendige
Mt-6-33-Steine ihre Häuser. Als Waffen trugen sie nicht ritterliche
Schwerter und Schilde, sondern Nächstenliebe und Vergebung. Damit
seine nützliche Untertanen nicht gänzlich ins gelobte Land
abwanderten, schuf König Wilhelm I. von Württemberg als
Sammlungsstätte das Heilige Korntal. Die Pietisten bekamen bereits
1819 ein Steuerprivileg und wurden vom Wehrdienst und Eiden befreit.
Die große Hafenstadt Haifa bildet mit ihren terrassenförmig
angelegten Persischen Gärten einen besonderen Anziehungspunkt für
Touristen. Ein Wahrzeichen ist der im Zentrum des Karmelhangs
befindliche Schrein des Babs. Wie viele Religionsstifter wurde Sayyid
Ali Muhammad von seinen Landsleuten hingerichtet. Anstelle die Stufen
zu dessen Friedhof zu erklimmen, überredete Elisabeth Schätzle die
Reiseleitung, die Begräbnisstätte ihres Vorfahrens Christian
Feuerbacher zu besuchen. Dort traf sie zu ihrer großen Überraschung
auf Julia Rüger, die einen kurzen Abstecher zum Grabstein ihres aus
Bernhausen ausgewanderten Großvaters machte. Die meisten Teilnehmer
warteten, wie der nichts ahnende Jonathan, in dem gleich weiter
fahrenden Bus. Das nächste Ziel war der 1963 durch Schwester Emma
Berger entstandene christliche Beth-El-Kibbutz von Zichron Jaacov.
Jakov deckte sich in dessen Arche Noah Fabrikverkauf mit Gänsedaunen
ein und ließ diese in ein Baumwollleintuch nähend einpacken.
Einstein erkundete ein vor Chemie-Angriffen schützendes
abgedichtetes 6-Personen-Zelt, dessen handbetriebenes Filtersystem
für saubere Atemluft sorgte. Auf wenig Verständnis stieß bei
Jonathan, die von den schwäbischen Tüftlern entwickelten
Bunkerentlüftungssysteme, da der erste Petrus sowieso die Zerstörung
der Elemente durch Feuer vorhergesagt hatte und das atomare
Vernichtungspotential die Erdbewohner vier mal auslöschen könnte.
Der spätere von Saddam Hussein angeordnete Beschuss durch irakische
Scud-Raketen sorgte dafür wie geplant für kräftige Umsatzzuwächse
bei den Nischen-Anbietern. Jonathans eigene passive Einstellung
änderte sich beim folgenden Besuch der nördlichen Grenzstadt von
Kirjat Schmona, als die Libanon-Erkunder wegen eines überraschenden
achtfachen Katjusha-Raketenbeschusses im Keller-Schutzraum Zuflucht
nehmen mussten. In dieser Todesangst-Situation wurde das
Kuschelverbot von Ulf Gouderner aufgehoben. Seine aus Uppsala
stammende Sekretärin und Schriftstellerin Angela-Berit Ekman war
dermaßen eingeschüchtert, dass sie sich Ulf um den Hals warf. Der
kühle Schwede taute sichtlich auf, indem er ebenfalls die
Mitarbeiterin an den Schultern streichelte. Elisheva, die eine
gewisse Ähnlichkeit mit der blonden Angela-Berit aufwies,
behauptete, dass viele männliche Singles verklemmt gegenüber den
Gefühlen und Zuneigungs-Bedürfnissen, der in sie verliebten Frauen
seien. Sie müssten erst von Gott in lebensbedrohliche Situationen
gebracht werden, damit sie von ihrer Blindheit geheilt werden. „Ich
bestimmt nicht“, sagte Jonathan, der Phoebes Samtpfote anpackte.
Die jugendlichen Schätzles zogen es vor, sich auf die Toilette
zurückzuziehen, weil sie es vor lauter Aufregung nicht mehr
aushielten.
Das
nächste Übernachtungsquartier, ein Campingplatz am See Genezareth
bot eine romantische Kulisse für die vier Liebespaare. Jakob und
Elisheva hatten mit dem am flachen Trinkwasser liegenden Kiesstrand
eine gute Wahl getroffen. Die Umgebungstemperatur und das Wasser war
so warm, dass man baden oder im Tanga den Sonnenuntergang beobachten
konnte. „Phoebe, jetzt bin ich im Toten-, Roten-, Mittel- und
Galiläischen Meer geschwommen. Wie findest du das?“, erkundigte
sich Jonathan. „Den Urlaub in der Gruppe habe ich mir anders
vorgestellt“, befand die an der Seite Sitzende, „ich finde es
gemein, dass ich nicht mit dir im Toten Meer baden konnte.“ „Das
können wir ja nachholen, wenn wir verheiratet sind“, glaubte
Jonathan. Der mit Elisabeth schunkelnde Christoph schien, unterm
Wasser zu aufdringlich zu werden, denn Schätzle flüchtete ans
andere Ufer: „Phoebe, ich schlage einen Partnertausch vor. Du
beteiligst dich am Wettschwimmen mit Christoph, und ich messe mich
mit Jonathan bei einer Privatpartie im Schach!“ „Ok, Abwechslung
und etwas mehr Sport tut gut“, zeigte sich die übers Löwenzahngras
davon eilende Leontopoulou einverstanden. „Warte Liebste, ich war
in der Sportkompanie in Warendorf, das habe ich dir noch gar nicht
erzählt“, rief Fischer hinter her. „Echt, warst du
Angelzielwerfer oder gut im Dauerlauf?“, zeigte Schätzle
wertschätzendes Interesse. „Oh ja, ich hab viele Spitzensportler
in der Kantine und im 5000 Meter Lauf abgehängt. Was mein einstiges
Hobby war, sage ich dir am Ende der Partie.“ Elisabeth und der
kiebitzende Einstein waren nicht wirklich erstaunt darüber, dass der
Ex-Weltmeisterschafts-Träumer gewann. „Ich habe Jonathan in die
Schachgemeinschaft Fasanenhof gebracht, wo er immer besser wurde“,
wusste Walter Stein und Schätzle gab zu: „Und ich habe schon als
Azubine nicht nur begeistert seine Lehren über das Bankwesen,
sondern auch seine Bundesligapartien nachvollzogen.“ „Aber warum
hast du mir nie gesagt, dass du Schach spielst?“, wollte Jonathan
wissen. „Weil du dich ohnehin vom Wettkampfsport verabschiedet und
kein Interesse an meinen Briefen gezeigt hast“, war das Argument
der Mädchenmeisterin.
In
der Nacht hatte Jonathan einen Traum nach dem anderen, in dem ein von
ihm gebautes Kartenhaus immer wieder zusammenfiel. Beim Aufwachen in
seinem Schlafsack fühlte er sich richtig durchgeschüttelt und
durcheinander gewürfelt. Wie gut es ist zu wissen, dass viele
nächtliche Trugbilder aus der Seele kommen.
Ein
tiefes Unbehagen legte sich auf Jonathan in den Morgenstunden, über
Jakobs Absicht, die israelischen Soldaten auf den Golanhöhen zu
besuchen. Ihm wurde immer wieder mulmig zumute, sobald er den jungen
Leuten mit ihren Tarnanzügen und Gewehren auf der Straße begegnete,
aber nun nahm Schaul, der Busfahrer, zunächst Kurs auf den Berg
Hermon und das 1000 Meter hochgelegene Vulkanplateau. Das Passieren
von zerbombten syrischen Geisterstädten sorgte für weitere
Beklemmung bei dem stillen Beobachter. Den ersten Halt machte die
Gruppe bei einem Panzerwrack aus dem Sechstagekrieg von 1967. Die
Stimmung verbesserte sich. Schätzle kletterte auf das Kanonenrohr
und immer mehr Damen taten es ihr gleich, um auf ein Foto zu kommen.
„Jesus war ein Pazifist!“, meldete trotzig Fischer. „Stimmt,
denn seine wahren Nachfolger haben nicht mit Schwertern gekämpft,
weil sein Reich nicht von dieser Welt ist“, stimmte der
Kriegsgegner Einstein zu. Gouderner entgegnete einen konträren
Jesus-Ausspruch: „Meint nicht, dass ich gekommen sei Frieden auf
Erden zu bringen, ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sondern
das Schwert.“ „Das bezieht sich auf Kämpfe und Entzweiung in der
eigenen Familie, weil Jesus fordert ihn mehr zu lieben als Vater und
Mutter“, beendete der Fahnenflüchtling Damkani die Diskussion.
Jakob führte den mit Israel Nationalflaggen ausgestatteten Korps ein
Stück weiter im Bus zu intakten Panzern und Geschützen. In seiner
typischen, aufgeschlossenen und kühnen Art verkündigte er vor dem
Zahal-Kommandant den Anlass der internationalen Visite und bat darum,
von der Gitarre begleitete Schalom-Lieder vortragen zu dürfen. Diese
Abwechslung war in der staubigen Umgebung willkommen. Jonathans
Abneigung und Zurückhaltung war unbegründet, denn nach den
hebräischen Songs, ergaben sich viele freundschaftliche Gespräche
zwischen den ausländischen Besuchern und den ihr Leben riskierenden
Wehrdienstpflichtigen. Deshalb übte die Truppe das Manöver gleich
nochmals ein, an einem weiteren trockenen Sammlungs-Ort. Als der Bus
die Rückfahrt hinunter zum See Genezareth antrat, durchquerten die
Ausflügler blühende Landwirtschaftsanwesen. „Neben den
Apfelplantagen wächst auf dem fruchtbaren, verminten Boden einer der
vorzüglichsten Rebsorten“, wusste Einstein. „Griechischer Wein
ist so wie das Blut der Erde. Jonathan, kosten wir den
Golan-Traubensaft in einer Taverne aus? Udo, mein Opapa hat selbst
mit 66 Jahren Spaß daran“, regte Phoebe an. „Freilich, im
Wirtshaus da fängt das Leben an. Walter, wo werden wir in dieser
verlassenen Landschaft fündig?“, Jonathan erkundigte sich weiter,
„ob die 2000 berauschten Säue über den Südosthügel in den See
stürzten?“ „Ja, das ist die Gegend der Gerasener, wo Jesus den
einst angeketteten Nudisten von seinen Dämonen befreit hat“,
tippte der in München promovierte Stein. „Wenn das der bayerische
Tierschutzbund erfährt, verbannen die die Kruzifixe aus den
öffentlichen Gebäuden in die Justiz-Vollzugsanstalten“, mutmaßte
Phoebe. „Da man die in die Schweine fahrende Legion nicht sehen
konnte, wäre Jesus aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Die
Leute hatten trotzdem soviel Furcht vor ihm, dass sie den Befreier
darum baten wegzugehen“, erinnerte sich Silvia.
Der
anvisierte, einst heftig umkämpfte Kibbutz von En Gev lud zur
Besichtigung der Kuhställe ein. Bei dem Anblick von so viel Fleisch
und Milch bot sich die Einkehr in das prämierte Ausflugslokal an, wo
sechs fränkische Volontäre Wein und Fisch auftischten. „Wenn ich
eine Hochzeitsreise mache, dann nach Kana. Was meinst du Jonathan?“,
fragte die künftige Braut, die einen aus sündhaft teuren Barkan
Altitude Cabernet Sauvignon und Wasser bestehenden Weinschorle mixte.
„Mit dir bin ich immer auf der richtigen Höhe. Zur Eroberung würde
ich dich selbst im Golanpanzer von Kanaf ehelichen“, war die Idee
des reinen Wein einschenkenden Mundschenks. Die Stimmung stieg. Zum
fröhlichen Abschied tanzte und sang die Gesellschaft im Freien ein
Hava Nagila. Elisabeth nutzte die glückliche Gelegenheit, um ein
paar Taschenbuch-Biographien von Jakob unter die erwachten
Kibbutznik-Brüder zu bringen. Ein heftiger Streit mit einem Jeshu –
Schwein – rufenden religiösen Papa war die Folge. Laut
Israelischem Antimissionsgesetz hätte seine 15-jährige Tochter ein
solches Gute-Nachricht-Zeugnis nicht angeboten bekommen haben dürfen.
Der handgreifliche Versuch, Damkani dafür zur Rechenschaft zu ziehen
scheiterte an Schaul, dem Bus fahrenden Verkehrsminister, der
kurzerhand seine Pistole zückte und auf diese Weise die zügige
Heimfahrt ermöglichte. So nahm ein weiterer unvergesslicher Tag mit
dem abendlichen Bad am Campingplatz ein gutes Ende.
Das
folgende Ferienprogramm am tiefstgelegenen Süßwassersee der Erde
war einer der Höhepunkte der Reise. Jesus, der Mann aus Galiläa,
wählte neben seinen Jüngern, die Seegegend als Zentrum seines
Wirkens aus und hinterließ dort in den Evangelien viele seiner
Spuren. Der Berg der Seligpreisungen im Norden bot einen herrlichen
Blick auf das ruhige Gewässer, dessen auffrischende Winde in der
Lage waren, die Wellen gefährlich aufbrechen zu lassen. In dem
schönen Garten unterhalb des achteckigen Gotteshauses wurde Jonathan
von Jakob eingeladen, eine Andacht über die Bergpredigt zu halten.
Die folgende Bibelauslegung handelte von dem radikalen Lebensstil
eines Heiligen. Jonathan behauptete, dass jeder Gläubige nicht
richtender Pharisäer, sondern mit Christus regierender König und
Priester sein soll. Ein wahrer Jünger habe sich an die Forderungen
der größten Rede von Jesus zu halten, wenn er den Willen des
Himmlischen Vaters tun will. Dann wäre Gott im persönlichen Leben
durch sichtbare Zeichen und Wunder erfahrbar. Nach dem anschließenden
Abstieg zum Besuch der Brotvermehrungsbasilika in Tabgha, bestaunte
der Hobbyfotograf Jonathan das gut erhaltene Mosaik mit dem Brotkorb
und Fischen und fragte: „Ulf kannst du mir sagen, warum das nur
vier statt fünf Brote sind?“ Der Angela-Berit seine volle
Aufmerksamkeit und Sympathie schenkende, eng umschlungene Schwede
wusste keine gescheite Antwort: „Klar, wenn du mir erklärst warum
Jesus hier einmal viertausend und dann wiederum fünftausend Männer
satt gemacht hat.“ Einstein der Zahlenfanatiker subtrahierte: „Ein
Brot fehlt, weil die örtliche Versammlung des vierten Jahrhunderts
es in der Abendmahlfeier brach. Viertausend ließen sieben Körbe
übrig und Fünftausend zwölf Handkörbe Brot. Versteht ihr das
nicht?“ „Wenn ich dir zuhöre verstehe ich geistig Arme immer nur
Bahnhof!“, diskreditierte Phoebe. „Auch das schwache Geschlecht
kann die Symbolik der Gleichnisse verstehen“, bemerkte die selige
Silvia, „vier spricht von der Erde und sieben von der Fülle; fünf
von Erbarmen und zwölf von Regierungs-Autorität. Für mich will
Gott damit sagen, dass er die ganze Menschheit vollständig versorgen
kann, wenn seine Nachfolger sich um die Hungernden kümmern. Nahrung
ist genug für alle da. Die heute Herrschenden wollen sie nur nicht
verteilen.“ „Jetzt wird mir klar warum Jesus betonte, dass die
Jünger sich nicht um das Essen sorgen, sondern sich vielmehr vor den
durchsäuernden Lehren der Sadduzäer-Teufel hüten sollten“, bekam
Elisabeth eine Erleuchtung. Der mit ihr verkehrende Theologiestudent
Christoph artikulierte: „So einfach ist es nicht, denn laut der
lutherischen Reformation gibt es ein geistliches- und ein weltliches
Reich. In der Zwei-Reiche-Lehre des Zwanzigsten Jahrhunderts steht
das Evangelium nämlich mit der Sünde im Streit. Wenn wir die Bibel
zu wörtlich nehmen, werden wir schnell zu Aufständigen und
Ketzern.“ „Das bin ich schon lange in den Augen vieler. Lasst uns
die Franziskaner in Kafarnaum besuchen“, gab Jakob die Richtung an.
Dem biblische Flüche und Haus des Petrus auf den Grund gehenden
Jonathan wurde im zerstörten, ehemaligen Fischerdorf Kapernaum klar,
dass wenn der Herr etwas sagt, er es auch tut. Jedenfalls sprechen
Chorazin und Bethsaida, die die Werke ihres Erlösers ablehnten und
ebenso in Schutt und Asche gelegt wurden, heute noch eine deutliche
Sprache.
In
dem am Westufer gelegenen Kibbutz Ginosar ergab sich die Möglichkeit
der leiblichen Stärkung. Neben dem anschließenden Film über die
archäologisch bedeutsame Entdeckung eines 1986 aus dem Schlick
geborgenen ca. 2000 Jahre alten Bootes, konnten die original
Plankenreste, sowie ein anschaulicher Nachbau besichtigt werden. Ein
findiger Museumsprofessor versicherte, Jesus sei nach seiner
Verbannung damit weiter über den See gefahren, bis es im Sturm
untergegangen ist. Walter Stein empfahl seinem Kollegen vor dem
weiteren Dozieren, erst den Wüstenschiff-Schein auf der nahe
gelegenen Kamelranch zu machen. Ein Teil der Gruppe ging darauf zum
Reiten und der andere lieh sich kleine Boote aus. Der abermals
verkitzelte Jonathan erfreute sich im Tretboot an den vom Wasser
reflektierten, goldenen Sonnenstrahlen und an seiner anhänglichen
Auserwählten. „Ich wünschte mir, ich könnte jede Sekunde mit dir
für die Ewigkeit einfrieren“, sinnierte der einhellige Poet. „Ich
würde gerne mit dir verschmelzen, stellenweise, diskontinuierlich,
aber nicht für immer“, phantasierte die legere, ungebundene
Phoebe.
Ein
anderes Naturschauspiel bot die stoßweise aufgeführte
Multivisionsshow das „Galiläa Experiment“ in einem christlichen
Ladenzentrum in Tiberias. Die Schönheit und Artenvielfalt der Natur
verdeutlichte darin die Existenz des Schöpfers von Himmel und Erde.
Nachdem sich die Touristen mit allerlei nutzbringenden und
unbrauchbaren Souvenirs eingedeckt hatten, begaben sie sich ins
benachbarte Chinarestaurant. Das reichhaltige Reis-Buffet erinnerte
Jonathan mehr an die deutschen Gepflogenheiten, als an seinen
dampfgegarten Hongkong-Aufenthalt. Was stand da am Ende auf seinem
Glückskeks-Zettel-Zitat? Versäume nicht das kleine Glück, um auf
das Große zu warten. In der Nacht betrachtete der schlaflose
Fiktions-Star die Sterne. Er überlegte sich, ob seine Wege im
kleinen oder großen Wagen vorgezeichnet sind. Was hatte diese
Lamborghini-Diablo-Verführerin vorher gesagt? Er würde innerhalb
von 24 Stunden auf die ihm vorbestimmte Frau treffen. Da hatte sie
sich wohl gründlich mit der Zeit geirrt. Genauso wie Christoph und
Ulf, die sich bis in die Morgenstunden mit ihren Partnerinnen
unterhielten.
Nach
dem Frühstück bekamen die Klatsch-Paare erst einmal einen Rüffel
von Jakob Damkani für die Palaver-Ruhe-Störung. Die
Freizeit-Teilnehmer hätten dringend Erholung nötig, da in der
kommenden Nacht der größte Evangelisationseinsatz bevor stünde.
Eine biblische Lehre über Gideons Sieg gegen die Philister folgte.
Das Lager wurde abgebrochen. Vergnüglicher gestaltete sich die
Nord-Süd-Passage mit dem Ausflugsschiff über den See Genezareth.
Jonathan neckte Schätzle auf dem Oberdeck: „Du kannst wohl von
Christoph nicht genug bekommen und hältst mit deinem Geplaudere die
ganze Sippschaft wach.“ „Du irrst dich, denn ich habe heute Nacht
vorgeschlafen. Fischer du hast dir selbst ein Klatschweib geangelt.“
Die griechische Sonnenanbeterin errötete auf dem Oberdeck im
Gesicht. Prompt wurde der misstrauische Jonathan auf den grinsenden
Verehrer Ziegler eifersüchtig: „Christoph, wir beide sind doch
seit dem Schülerkreis und der Englandreise beste Freunde und würden
uns nie beklauen, oder?“ „Klar Kumpel. Ich entsinne mich gut an
die Romanze mit Helen Richards und deren blümchenhaften Ausgang. Wir
beide haben doch den selben Mentor und Lehrer!“, erwiderte der
Verbündete. „Jonathan du darfst nicht alles so eng sehen. Dann
kommst du viel besser durchs Leben“, erhallte die
Phoebe-Philosophie.
Ein
schweigsamer Spaziergang von der Bootsanlegestelle, bis zur für den
Tourismus erschlossenen Taufstelle Yardenit, schloss sich an. „Die
Dinge sind manchmal anders als sie zu sein scheinen“, gab Jonathan
verdrossen nach einer Weile weiter. „Richtig, betrachte den
kommerziellen Ort hier und vergleiche ihn mit der überlieferten
Stelle bei Jericho und Helle kommt ins Dunkel deiner Gedanken“,
stimmte Einstein zu. An der braun-grünen Brühe des vorbei
fließenden Jordans hatte sich eine Menschenmenge versammelt.
Zweihundert Täuflinge trafen die Entscheidung die Stufen an einem
Geländer hinunter zu gehen, damit sie ein amerikanischer
Wunder-Prediger nacheinander untertauchen kann. Ein von
Fernsehkameras aufgezeichneter Bittgesuch an die Partner des
Missionswerks um Spendengelder für kostbare Seelen folgte. Der in
Israel gebürtige Teleevangelist warb für seine neuesten Kreuzzüge.
„Hilft er mit dem Geld den Witwen und Waisen oder Armen und
Bedürftigen?“, fragte Jonathan einen mit Goldketten behangenen
Leibwächter. „Of course – selbstverständlich. Sein Wunsch ist
einen riesigen Truppenübungsplatz in Indien zu mieten, um die größte
Menschenansammlung der Geschichte zu dirigieren. Es gelte nämlich,
den Rekord eines Polen auf den Philippinen und den eines Deutschen in
Nigeria zu schlagen.“ Die Leute klatschten und jubelten auf
Handzeichen für Jesus. „Bekommt denn Christus wirklich die Ehre
dafür?“, hakte Jonathan unüberhörbar nach. „Taste nicht den
Gesalbten des Herrn an!“, lautete der am Kragen packende,
wegweisende Entfernungs-Grund des zwei Zentner Mannes. Fischer hatte
sowieso keine Lust, wie die anderen, eine leere Flasche mit dem
heiligen Wasser zu füllen und mit nach Hause zu nehmen. Die im
jüdischen Shop angebotenen, überteuerten Andenken bereiteten
Jonathan genauso wenig Freude, wie das Mittagessen. Der Gefrustete
fastete lieber. Der letzte Nachmittag an der Küste des Galiläischen
Meers diente ohnehin der Erholung.
Die
außergewöhnlichste Verschenkaktivität kündigte sich am Schluss
der Freizeit an. Eine nicht endende Anzahl von Fahrzeugen schlängelte
sich mit zahlreichen jungen Leuten an der überlasteten Uferstraße
entlang. Das Kinnereth-Rock-Festival zog sechstausend einheimische
Musikfans in den Bann. Ein großes umzäuntes Gelände direkt am See
war die Bühne für mehrere israelische Bands, die von 20.00 – 5.00
Uhr nonstop melodischen Lärm machten. Das Posaunen-Team hatte eine
Palette mit Billy Graham Büchern organisiert. Der Titel des in Iwrit
– Modernhebräisch – übersetzten Bestsellers lautete „Friede
mit Gott“. Bei der Bildung von neuen Zweierteams wollte der gute
Jakob ebenfalls für Ruhe und Frieden sorgen, indem er die ihm
bekannten Liebespaare trennte. Jonathan bekam Elisabeth, Ulf Phoebe,
Christoph Elisheva und Damkani selbst Angela-Berit als
Verteil-Partner zugeteilt. Mit einem Matanah-Geschenk–Ausspruch
überreichte Schätzle haufenweise Bücher, die häufig im nächsten
Mülleimer landeten. Die Freaks waren mehr am dröhnenden Sound als
an schöner Belletristik interessiert. Hinzu kam, dass die
einheimischen Sicherheitskräfte ebenso wenig Verständnis für die
Weitergabe von fremden Informationen zeigten. Immerhin nahmen die
Sanitäter eines David-Magen-Adom-Rettungsfahrzeugs dem gekrümmten
Jonathan aus Mitleid eine ganze Rucksack-Ladung ab. Elisabeth freute
sich hinterher darüber, dass sich nun das ganze Krankenhaus bekehrt,
während ihr brummiger Untergebener sich lieber als
CVJM-Altpapier-Sammler betätigen wollte. Der erleichterte
Spaziergang führte an einem Mädchen vorbei, das so entsetzlich
schrie, als ob es vergewaltigt würde. In der Finsternis hatten sie
vier Männer umzingelt und machten sich an ihrem Bauchnabel und Armen
zu schaffen. Der wagemutige, einschreitende Jonathan vergaß nie den
Anblick ihres entsetzten Gesichts. Seine Bemühungen um Hilfeleistung
blieben jedoch erfolglos. Die Schmerz empfindliche Jungfer war fest
entschlossen, sich simultan piercen und tätowieren zu lassen. Nichts
änderte daran ein verkehrsregelnder Polizist, dessen nächste
Handlung war, den Deutschen das Bücherverklopfen unter Androhung von
Strafe zu verbieten. Die Nacht gestaltete sich in der Tat sehr lange.
An einem Geheimdepot füllten die Verteiler ihre Taschen nach und
trafen auf Phoebe und Ulf. „Wie geht es euch so?“, wollte
Jonathan wissen. „Danke könnte besser sein. Es läuft eher
unterkühlt hier“, antwortete der Schwede. Die ermüdete Phoebe
flüsterte Jonathan ins Ohr: „Kannst du mir erklären, warum der
Priester meine ganze Kindheitsgeschichte wissen will?“ „Vielleicht
benötigt er die Daten am Tag deiner Trauung“, schmunzelte ihr
Verehrer. Einige der Beteiligten machten es sich, wie die
Steinfamilie, in ihren Schlafsäcken am Seeufer gemütlich. Die an
einem Brot nagende Schätzle wollte sich andererseits nicht zur Ruhe
legen. Die Eifrige nahm ihren schwächelnden Angestellten an der Hand
und legte weiter drauf los. Der Kreuzungs-Polizist mit Megaphon rief
mehrmals etwas unverständliches zu Elisabeth herüber.
Pseudo-Übersetzer Jakob Damkani beobachtete besorgt das Geschehen
aus der Nähe, wollte sich aber nicht zu erkennen geben. Schließlich
fragte der Ordnungshüter Jonathan auf Englisch was sie wieder
anstellen. Ein Buch in der Hand haltend antwortete Schätzle zuerst:
„Wir heben die weggeworfenen Abfälle auf!“ Damit hatte die ihrer
Festnahme entgehende Verursacherin nicht einmal unrecht. Jonathan
bewunderte die spontane Elisabeth für ihre Entschlossenheit. Nach
diesem Vorfall beschloss Jakob, eine Pause bis zum Ende des
Rock-Festivals einzulegen. Mit den ersten Sonnenstrahlen am Morgen
strömten die Besucher zurück zu ihren Fahrzeugen. Dies bot die
Chance, die großen Restbestände trotz allem an den Mann und die
Frau zu bringen. Fischer und Schätzle fassten sich an den Händen,
schlossen ihre Augen und baten den Herrn der ganzen Schöpfung um
sein Eingreifen. Plötzlich kam unerwartete Hilfe von ungeahnter
Seite. Ein schwarz gekleideter Rabbi mit der typischen Lockenpracht
ließ sich mitverwickeln. Der Übergeistliche stellte sich auf ein
Podest, wedelte mit der verführerischen Missionsschrift und warnte
schreiend die vorbei Laufenden davor sie anzunehmen oder gar zu
lesen. Gerade das machte die größtenteils säkularen Israelis, die
sich von ihrem religiösen Establishement nichts vorschreiben lassen
wollten, besonders neugierig. So fand die abgestandene Ware in
Rekordgeschwindigkeit reisenden Absatz.
Nach
diesem erfolgreichen Kampf freuten sich die erschöpften Teilnehmer
ebenfalls die Heimreise antreten zu dürfen. Die Jesreelebene
durchquerend wollte Gouderner unbedingt die Felsen von Nazaret und
den Berg der Verklärung besichtigen. Der messianische Jude Jakob
hatte nicht die Absicht einen Verkündigungs-Krieg mit den
Groß-Moscheen verbreiteten Arabern in der Heimatstadt von Josef,
Ehemann der Maria, zu entfachen. Der Schlachtplatz von Armageddon in
der Ebene von Megiddo bot im Moment ein friedlicheres Ziel. Von
Weitem konnte man den anvisierten markanten grünen Gebirgsrücken
des abgesonderten Tabors sehen. Wie überall, wo sich etwas
Besonderes in biblischen Zeiten abgespielt hatte, wurden Kirchen, an
der Stelle erbaut. Die 588 Meter hohe Anhöhe diente im Altertum
dafür, fremde Götter wie den Baal anzubeten. Ulf erklärte auf dem
Aussichtsturm der Verklärungsbasilika, dass laut der Überlieferung
im Buch der Richter die Heldin Deborah diesem Brauchtum den Gar
ausgemacht hat. Das brachte mehr Sympathien bei Phoebe, die ihm nicht
traute, ein. Sie stellte fest: „Siehst du Jonathan, wir Frauen sind
halt doch mutiger!“ „Meine Vision ist es falsche Propheten zu
enttarnen, sowie Zauberer und Hexen im Leib Christi offenbar zu
machen!“ „Meinst du eine Reinkarnation von Elia zu sein? Für
mich klingt das größenwahnsinnig.“ „Gott hat mir aber in einem
Traum in England gezeigt, dass ich Manipulation, Herrschsucht und
Eifersucht offenbar mache und sogar eine kommende Einheit in den
Kirchen beobachten werde.“ Das war für die Ungläubige des Guten
zu viel. Nicht so für den relativierenden Einstein und die
Schriftstellerin Ekman, die sich bei der Weiterfahrt viele Details
von Fischer erklären ließen und aufschrieben.
Die
letzte Nacht in Israel verbrachten die Fernreisenden wieder auf der
1000 Sterne Veranda in Jaffa. Jonathan war todmüde. So nahm er gar
nicht wahr, wie der neben ihm Stellung beziehende Christoph sich
heimlich mit einer Oberschläferin auf die benachbarte
Missionars-Ruhestätte verzog. Dafür gab es vor der Abfahrt zum
Flughafen die letzte väterliche Ermahnung von Jakob. Er hätte etwas
mehr Respekt vor der Totenruhe im Vollmondschein erwartet. In
christlichen Kreisen sollte es selbstverständlich sein, dass man
sich auf Friedhöfen anständig benimmt. Die angesprochenen
Schattengestalten wüssten genau wer gemeint ist.
Seltsamerweise
gab Schätzle in der Flughafenhalle dem mit Arkia fliegenden
Christoph ihre Kette und den Freundschaftsring zurück. Jonathan
verstand die Welt nicht mehr und fragte: „Sag mal, du scheinst dich
sogar gut dabei zu fühlen, dass Elisabeth Schluss mit dir macht. Wie
kommt das Christoph?“ „Ich habe dir vor dem Hinflug bezeugt, dass
in Israel ein besonderes Geschenk auf mich wartet. Gestern habe ich
es wirklich bekommen!“, verabschiedete sich Ziegler weiter in
Rätseln.
Die
schönste Überraschung für Jonathan beim Swiss-Rückflug war, dass
er in der Mitte von Phoebe und Elisabeth sitzen durfte. Eine
Schweizer Reisegesellschaft mit zahlreichen Kindern löste das
nächste Erstaunen aus. Julia Rüger nahm in der Mittelreihe vor
Jonathan Platz. „Das gibt es ja nicht, dass wir uns hier treffen.
Ohne sie würde ich nicht im Flugzeug sitzen“, bedankte sich
Fischer bei der Verwaltungsfachangestellten. „Zufälle gibt es
immer wieder im Leben. Wie hat dir der Aufenthalt gefallen
Elisabeth?“, fragte Rüger. „Danke, geht so Julia“, war die
knappe Antwort. „Was, ihr kennt euch. Wie kommt denn das?“,
befremdete sich Jonathan. „Klar wir wuchsen von klein auf zusammen
auf. Schließlich sind wir gleichaltrige Cousinen“, erklärte
Julia. „Ich bitte um Ruhe. Meine Kolleginnen haben Aufmerksamkeit
und Respekt verdient, Freunde“, bat Phoebe die Flugbegleiterin,
während routinemäßig die Sicherheitsanweisungen mit den
Schwimmwesten aufgezeigt wurden.
Als
nach dem erfolgreichen Aufstieg in den Himmel die Gurte abgelegt
werden durften, drehte sich Julia Rüger abermals um und sprach:
„Jonathan, ich darf doch du sagen. Bei deinem letzten Amtsbesuch
blieb kaum Zeit zur Unterhaltung. Darum habe ich dir nicht verraten,
dass ich dich gut kenne.“ „Jetzt gib mal keine vertraulichen
Informationen von mir preis“, zeigte sich Schätzle besorgt. „Das
habe ich nicht nötig, weil ich eine neue Quelle der
Berichterstattung gefunden habe“, behauptete Julia bewusst, „ihr
vier Turteltauben seid laut meinem unkontrollierbaren Ruf ziemlich
kompliziert und unentschlossen.“ „So und warum vier?“, wollte
Phoebe wissen. „Ist es nicht so, dass Phoebe mit Christoph,
Christoph mit Elisabeth, Elisabeth mit Jonathan und Jonathan mit
Phoebe anbandeln wollten? Das Zwitschern die Spatzen längst von den
Dächern“, gab Julia bekannt.
So
liebe Leserinnen und Leser, jetzt müsste jedem klar sein wer wen
heiratet, oder??? Nach dem längsten Kapitel der Story „die
Lebensfiktion des Jonathan Fischer“ meinen die Autoren, eine
Ruhepause verdient zu haben. Die spätere Auflösung wäre spannend
und würde zusätzlich die Phantasie anregen. Hilfreich oder nicht
könnte dabei das Betrachten des analogen echten Hochzeitsfotos auf
www.JonathanFischer.eu oder des Umschlags eines der 40
Roman-Exemplare sein. Also gut, weil Heiraten so schön und
romantisch ist nehmen die weiteren Verwicklungen folgenden Verlauf:
Elisabeth
vergoss Tränen, Phoebe war sprachlos und Jonathan dachte nach. Auf
einen Schlag machte es klick in seinem Gehirn. Ein Film spulte sich
in seinem Innern ab. Vor Jahren hatte er gebetet, eine starke
Schachspielerin zu bekommen. Immer wieder scheiterten seine
Beziehungen mit Frauen, die dieses Kriterium nicht erfüllten. Auf
Charlies Hausdach bekam er ein Gesicht der Silhouette, und in den
Sinai-Bergen hörte er sogar die Stimme seiner Erflehten. Niemand
schluchzt und weint so wie seine Vorgesetzte Schätzle, die ihr
männliches Vorbild im gemeinsamen Hobby, Beruf und Glauben bestens
verstand. Wie konnte er nur so blind sein. „Elisabeth Schätzle,
möchtest du mich heiraten?“ „Ja du Esel!“
Phoebe
organisierte aus der ersten Klasse vier Gläser Sekt. Beim Anstoßen
wollte die erleichterte Stewardess von Julia wissen, woher sie
wusste, dass sie mit Christoph eine Beziehung angefangen hat. „Dein
Zukünftiger telefoniert öfters mit meinem Zukünftigen, mit dem ich
öfters telefoniere“, erläuterte Rüger und fuhr fort, „ich habe
Markus Ruf über den Feuerflamme Internet Chat kennengelernt und mit
ihm in der christlichen Disco in Reutlingen getanzt. Seit dem ist der
beste Freund und Gebetspartner von Christoph auch mein bester Freund
und Vertrauter. Der neben Rüger sitzende Schweizer Pastor schaltete
sich ein: Bevor ihr weitere sündhafte Interna ausplaudert, könnt
ihr mir vielleicht erklären welcher Israelreisender sich mit wem
verloben will?“ Schätzle zählte auf: „Ich verlobe mich heute
mit Jonathan, dann Phoebe mit Christoph, Julia mit Markus,
Angela-Berit mit Ulf und Elisheva mit Jakob, klar?“ „Klar, da ist
ein großer Kindersegen zu erwarten. Ich empfehle zur besseren
Vorbereitung einen Eheberatungskurs und schenke jedem zur Hochzeit
mein Buch über das harmonische Familienleben“, neckte lächelnd
Ivo.
Beim
Zwischenstop in Zürich fanden Jonathan und Elisabeth die passenden
Ringe um die Überraschung am Stuttgarter Flughafen bei der wartenden
Verwandtschaft perfekt zu machen. Die Hochzeitsglocken läuteten acht
Monate später. Die Trauung von Elisabeth Schätzle und Jonathan
Fischer führten Georg Müller und Ulf Gouderner in der Filharmonie
in Filderstadt gemeinsam als Doppelvermählung mit Julia Rüger und
Markus Ruf durch. Da die erdachte Geschichte sich in den guten alten
DM-Zeiten abspielte, sei verraten, dass das Euro-Banker-Ehepaar
inzwischen die drei erwünschten Glückskinder bekommen hat.
Wer
aus Dankbarkeit für die amüsante Gratisstory gerne ein Geschenk für
Waisenkinder in Kenia machen will, dem sei der Besuch von
www.miraclelandministries.org empfohlen.
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